DFB-Chef Keller über Beckenbauer:Persilschein mit Sprengkraft

DFB-Präsident Keller ´unzufrieden" mit Einjahresbilanz

Fritz Keller tätigte erstaunliche Aussagen zu Franz Beckenbauer.

(Foto: dpa)

Der Präsident des Deutschen Fußballbundes irritiert mit einem medialen Freispruch für Franz Beckenbauer - die Behörden könnten nun neue Fragen haben.

Von Thomas Kistner

Immer wieder Fritz Keller: Am Freitag bescherte der Präsident den internen Kapriolen beim Deutschen Fußball-Bund die nächste verwirrende Volte. Keller erzählte der Bild-Zeitung, Franz Beckenbauer habe aus den Ermittlungen der vom DFB beauftragten Detektei Esecon zur Sommermärchen-Affäre nichts persönlich Belastendes zu befürchten. Das habe er Beckenbauer auch so übermittelt, bei einem persönlichen Geburtstagsbesuch. Diese Version, die wie eine Nettigkeit zum Jubiläum des einstigen Fußballkaisers klingt, birgt jedoch enorme juristische Brisanz - für Kellers eigenen Verband. Träfe es zu, käme es den DFB sehr teuer zu stehen.

Beckenbauers Unschuld geklärt! Gibt es also, wie Bild mit Verweis auf Keller berichtet, wirklich keine Hinweise auf ein Fehlverhalten des Mannes, der Chef der deutschen WM-Bewerbung, dann Chef des WM-Organisationskomitees war; der Tage vor der WM-Vergabe noch flott einen anrüchigen Vertrag mit dem erzkorrupten Karibik-Funktionär und Fifa-Vorstand Jack Warner besiegelt und nebenbei weitere Hochämter im nationalen Fußball innehatte: als DFB-Vize und als Präsident des Branchenführers FC Bayern München?

Laut Bild habe Keller auch gleich den "Vorwurf des Fifa-Stimmenkaufs bei der WM-Vergabe" gegen Beckenbauer abgeräumt. Überdies seien "nach heutigem Stand die ominösen 6,7 Millionen Euro damals nicht auf Beckenbauers Konto geflossen". Esecon sehe keine schuldhafte Verwicklung des 75-Jährigen in die Affäre.

Der DFB hat Esecon beauftragt, die WM-Affäre 2006 aufzuklären. Im April war ein Strafverfahren dazu, gegen die Ex-DFB-Chefs Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie Ex-General Horst R. Schmidt, in der Verjährung der Schweizer Justiz versandet; auch hier war, kurz vor Klageerhebung Mitte 2019, der Hauptbeschuldigte Beckenbauer wegen Gesundheitsproblemen herausgelöst worden. In der Schweizer Justizposse ging es, wie im noch anhängigen Steuerverfahren in Frankfurt, um eine Zahlung des DFB im April 2005 von 6,7 Millionen Euro via Weltverband Fifa an den Unternehmer Robert Louis-Dreyfus.

Deklariert wurde das Geld als Beitrag für eine WM-Gala 2006, die nie stattfand. Indes hatte Beckenbauer genau diesen Betrag 2002 als Darlehen von Louis-Dreyfus erhalten. Das Geld floss an Fifa-Finanzvorstand Mohamed bin Hammam in Katar. Wofür, ist bis heute unklar. Dreyfus' Bankunterlagen deuten auf die Finanzierung eines TV-Rechtegeschäfts für Beckenbauer hin.

Nun also Kellers spektakulärer Freispruch. Die neue Version, bei Beckenbauer sei auch nichts von diesen Millionen gelandet, die der DFB 2005 gezahlt hatte: Das ist ein Paukenschlag für die Frankfurter Ermittler. Schließlich hatte das Landgericht erstinstanzlich befunden, dass die Zurückzahlung der 6,7 Millionen Euro durch den DFB im Jahr 2005 als Entlohnung für Beckenbauer zu betrachten sei - sprich: als Betriebsausgabe. So gesehen war alles steuerlich korrekt - bliebe es bei dieser Sichtweise, würde das dem DFB eine enorme Nachzahlung von über 20 Millionen Euro (die bereits hinterlegt sind) ersparen.

Kellers Vorpreschen bringt seinen Verband in Erklärungsnot

Aber wenn nun kein Cent von den 6,7 DFB-Millionen bei Beckenbauer gelandet wäre, auf welchem Weg auch immer: Dann kann ja auch keine Entlohnung durch dieses Geld erfolgt sein. Ergo war es keine Betriebsausgabe. Und die Strafermittler könnten doch den Schampus kaltstellen.

Kellers Vorpreschen bringt den DFB zumindest in erhebliche Erklärungsnot; zumal es bei der Steuerfrage für den Verband auch ums Thema der Geschäftstreue geht. Oder hat sich Keller mit seinem Persilschein für Beckenbauer vergaloppiert? Das müsste Konsequenzen für ihn haben, als oberster DFB-Repräsentant. In seiner erst einjährigen Amtszeit ist ohnehin eine massive Spaltung zwischen Präsidentenbüro und Generalsekretariat zu besichtigen; vor der jüngsten Präsidiumssitzung stand sogar eine Trennung von Friedrich Curtius im Raum. Der Generalsekretär ist der Hauptbetreiber der Esecon-Ermittlungen - die wiederum manchen Alteingesessenen im deutschen Profibetrieb nicht gefallen kann.

Denn bei diesen Abklärungen geht es keineswegs nur um den 6,7-Millionen-Transfer. Im Gegenteil: Alles Wesentliche zu der Frage, ob die deutschen WM-Bewerber damals Fifa-Stimmen gekauft haben, spielte sich naturgemäß im zeitlichen Umfeld dieses Turnier-Zuschlags ab: also auf der Zeitschiene ab 1998 über die Vergabe Mitte Juli 2000 und ein wenig später. Und nach SZ-Informationen sind just das jene Recherchen, die sich mit weit größeren Geldströmen befassen und in Teilen des Profilagers mehr Unruhe schüren als die Vorgänge rund ums Jahr 2005.

Die öffentliche Debatte gerät in Gang, die Behörden könnten neue Fragen haben. Der DFB und Esecon müssen nun darlegen, was es mit Kellers Aussagen auf sich hat: ob sie tatsächlich auf dem aktuellen Wissensstand beruhen und sich der DFB quasi im Selbstversuch eine heftige Steuerzahlung eingebrockt hat. Oder ob der Präsident zum Problem werden könnte. Dass Beckenbauer mit allem nichts zu tun hatte, was damals unterm Radar ablief, während er zugleich über allem thronte und sein Geheimrat Fedor Radmann diskrete Geschäfte abwickelte - das zu belegen, dürfte jedenfalls nach Aktenlage eine echte Glanzleistung sein.

© SZ vom 02.11.2020/jbe
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