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DFB-Kader:Löw baut auf sein Märchen-Duo Schweinsteiger und Podolski

  • Bundestrainer Joachim Löw hat den vorläufigen Kader für die Fußball-EM bekannt gegeben. Seine alten Fahrensmänner Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski nimmt er wieder mit.
  • Trotzdem setzt er auf Verjüngung: Mit Julian Weigl, Joshua Kimmich und Julian Brandt haben drei Top-Talente gute Chancen, es nach Frankreich zu schaffen.

Von Thomas Hummel

Für einige stand viel auf dem Spiel

Die wichtigsten Nachrichten kamen per Einblendung: Nach Mesut Özil erblickten die Zuschauer bei der Übertragung das Gesicht von Lukas Podolski. Nach André Schürrle in jenes von Bastian Schweinsteiger. Streng nach dem Alphabet stellte der Deutsche Fußball-Bund seinen Kader für die Europameisterschaft in Frankreich vor. Das galt auch für diejenigen, die am meisten geleistet haben für den Verband. Und für die am meisten auf dem Spiel steht.

Lukas Podolski wird kurz vor der EM 31 Jahre alt, er kommt bisher auf 127 Länderspiele und 48 Tore. Das bringt ihm in den ewigen Ranglisten Platz drei (Spiele) und vier (Tore) ein. Bastian Schweinsteiger liegt mit 114 Länderspielen und 23 Toren nicht weit dahinter. Er ist zudem Kapitän und Held von Rio. Beiden drohte an diesem Dienstagvormittag ein Anruf, der ihre Karriere in der Nationalmannschaft wohl beendet hätte. Beide Karrieren überstanden ihn aber in lebendigem Zustand.

Wie es beim DFB nun weitergeht

Bundestrainer Joachim Löw stellte in der Französischen Botschaft von Berlin seinen vorläufigen EM-Kader vor. 27 Spieler, darunter drei Torhüter, fahren ins Trainingslager im Tessiner Urlaubs-Paradiens Ascona. Vier jetzt nominierte Feldspieler werden das Turnier dennoch nicht aktiv erleben, am 31. Mai muss Löw die endgültigen 23 Männer für die Frankreich-Mission benennen.

Die Mannschaftsvorstellung geriet diesmal durchaus zur lockeren Übung. Auf die Frage zu Beginn der Nominierungs-Show, ob schon heute ein paar Überraschungen dabei seien, antwortete Löw: "Ich bin scho au überrascht." Ein Weltmeister-Trainer kann sich eben selbst bei einer so nationalen Angelegenheit noch ein Späßle erlauben.

Überrascht durften die Beobachter dann sein, dass Löw ein Grüppchen junger Wilder in seinen Kreis aufnimmt: den Schalker Leroy Sané, 20, ein Länderspiel. Den Leverkusener Julian Brandt, 20, kein Länderspiel. Den Dortmunder Julian Weigl, 20, kein Länderspiel. Den Münchner Joshua Kimmich, 21, kein Länderspiel. Daraus nun aber abzuleiten, dass die vier Jünglinge noch nach Hause geschickt werden, sei falsch. "Im Moment gibt es noch keine potenziellen Streichkandidaten. Ich habe keine Tendenz", sagte Löw.

Und so führt dieser Weg zurück zu Schweinsteiger und Podolski. Von 2006 an das Märchen-Duo bei der Heim-WM, die einzigen beiden, die länger dabei sind als Löw selbst. Eine Nationalmannschaft ohne die beiden? Für die einen längst überfällig. Für die anderen kaum vorstellbar. Zu letzteren gehört der Bundestrainer.

Schweinsteiger hat seit dem 12. Dezember gerade mal sechs Spiele für Manchester United bestritten. Zuerst war er gesperrt wegen eines Ellbogenschlages, dann riss das Innenband im Knie. Und als er im März zurückkehrte, riss dasselbe Innenband gleich wieder. Löw berief ihn trotzdem. "Er steht im Moment unter voller Belastung, er absolviert Lauftraining", berichtete der Bundestrainer. Es sei nun abzuwarten, wann er mit der Mannschaft trainieren könne, wie fit er sei und wie das Knie reagiere. Deutlich wurde, dass Löw bis zum letzten Moment auf seinen Kapitän warten werde. "Es ist auch unsere Aufgabe, ihn wieder heranzuführen."

Lukas Podolski war nicht verletzt. Er hat bei Galatasaray Istanbul eine ordentliche Saison erlebt, zwölf Tore erzielt und sechs vorbereitet. Doch während Mario Gomez mit Besiktas die ohnehin eher zweitklassige Süper Lig eroberte, hörten die Deutschen wenig von Heldentaten Podolskis in der Türkei. Ist seine Zeit nun endgültig beendet? Auch das sieht Löw nicht so.

Fröhliches EM-Maskottchen?

"Er hat für die Mannschaft immer noch einen sportlichen Wert, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen", sagte der Bundestrainer. Er könne die Leistung bringen, die die Trainer von ihm erwarten. Zudem sei Podolski "eine Persönlichkeit, die einer Mannschaft viel geben kann". Letzteres bestätigt die Spötter, die in dem Herzens-Kölner mit dem fröhlichen Gemüt mehr ein EM-Maskottchen sehen als einen Spieler, der den Deutschen zum vierten EM-Titel verhelfen könne.

Doch mit diesen Spöttern hat Löw einen grundlegenden Disput. Denn er stelle so einen Turnier-Kader nicht allein nach sportlichen Kriterien zusammen, sondern lege auch viel Wert auf einen Beitrag für die Gemeinschaft. Bei der WM in Brasilien hatten fünf Profis gar keinen Einsatz (Weidenfeller, Zieler, Durm, Ginter, Großkreutz), andere standen nur kurz auf dem Platz (Draxler, Kramer, Podolski). Ein guter Geist, eine gute Stimmung hält das Bundestrainer-Team für enorm wichtig, um bei einem Turnier voran zu kommen. "Das Kollektiv ist wichtiger als der Einzelne", erklärte Löw.

Umso erstaunlicher, dass viele dieser WM-Stimmungshelden diesmal fehlen. Zum Beispiel die Dortmunder Erik Durm und Matthias Ginter. Auch der Leverkusener Christoph Kramer. Am Dienstagvormittag telefonierten die Trainer durch das Fußballland und erklärten ihre Absagen. Darunter waren vermutlich auch Jonathan Tah (Leverkusen), André Hahn, Mahmoud Dahoud (Gladbach), Kevin Volland (Hoffenheim), Leon Goretzka (Schalke) oder Gonzalo Castro (Dortmund).

"Mein größter Respekt gilt den Spielern, die ich heute Morgen angerufen habe, um ihnen zu sagen, dass sie nicht dabei sind. Man spürt die Enttäuschung", erklärte Löw. Beim Wolfsburger Max Kruse musste er wohl nicht mehr anrufen, dessen Eskapaden quittierte Löw vor den vergangenen Testspielen mit einem Rauswurf.

© SZ.de/jbe/rus

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