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Protest im Fußball:Menschenrechte bitte ohne Werbung

FILE PHOTO: World Cup Qualifiers Europe - Group J - Germany v Iceland

Die deutschen Spieler vor dem Spiel gegen Island.

(Foto: Tobias Schwarz/Reuters)

Der DFB lernt gerade auf die harte Tour, dass es bei politischen Botschaften auf mehr ankommt, als Buchstaben auf T-Shirts zu pinseln. Ein Marketing-Video entstellt die gute Absicht.

Kommentar von Martin Schneider

Die deutsche Fußballnationalmannschaft wird gerade auf sehr brutale Art und Weise zurück in den Universitäts-Hörsaal gesetzt, Kommunikationswissenschaft, erstes Semester. Dort wird das sogenannte Sender-Empfänger-Modell gelehrt. Ein wenig komplexes Theoriekonstrukt, das besagt: Kommunikation besteht aus dem Sender, dem Empfänger und der Übertragung dazwischen. Erfolgreiche Kommunikation hat dann stattgefunden, wenn das, was der Sender gemeint hat, störungsfrei beim Empfänger angekommen ist.

Wie gesagt, ein einfaches Modell. Aber es passt gerade ziemlich gut zum Deutschen Fußball-Bund (DFB). Was der kommunizieren wollte: Wir setzen uns für Menschenrechte ein! Was bei vielen Fans ankam: Ihr macht Marketing für euch selbst! Wie kann das sein? Wo ist die Störquelle?

Der DFB lernt gerade auf die harte Tour, dass es bei politischen Botschaften auf viel mehr ankommt, als Buchstaben auf T-Shirts zu pinseln. Er lernt, dass der Kontext, in dem die Aktion geschieht, zuweilen wichtiger ist als die Aktion selbst. Ein paar Beispiele: Der American-Football-Profi Colin Kaepernick kniet sich aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt bei der US-Hymne hin. Die Fußballerin Megan Rapinoe verweigert einen Besuch im Weißen Haus beim damaligen US-Präsidenten Trump. Der Schwimmer Mack Horton will sich nicht neben den stark dopingverdächtigen Chinesen Sun Yang aufs Podium stellen.

Politische Botschaften müssen um ihrer selbst willen gesendet werden. Wer es aus anderen Gründen tut, missbraucht sie. Aber wie unterscheidet man das? Sportler, die bei einem Protest persönlich etwas riskieren, müssen sich diesem Verdacht zum Beispiel nicht aussetzen. Kaepernick hat bis heute keinen Profivertrag mehr bekommen, Horton bekam den Zorn des Schwimmverbandes ab, Muhammad Ali verlor seinen Box-Weltmeistertitel, als er aus politischen Gründen den Einsatz in Vietnam verweigerte. Wer selbst betroffen ist, wie Rapinoe von der Trump'schen Hetze gegen Minderheiten, der hat ebenfalls eine natürliche Glaubwürdigkeit. Aber auch Personen wie Freiburgs Trainer Christian Streich, als alter, weißer Mann Teil der privilegierten Mehrheitsgesellschaft, werden sich nicht mit Unterstellungen auseinandersetzen müssen, zumal er seit Jahren zu politischen Fragen Stellung bezieht.

Der DFB, und das ist der Punkt, ist weder von den Menschenrechtsverletzungen in Katar direkt betroffen, noch riskiert er viel, noch hat er eine über alle Zweifel erhabene Glaubwürdigkeit - im Gegenteil haftet ihm eher das Image an, in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Werbespot zu viel gedreht zu haben. Und wenn dazu noch ein Video veröffentlicht wird, das nicht die Botschaft für Menschenrechte ins Zentrum rückt (man hätte Baustellen in Katar zeigen können, man hätte mit einem Vertreter von Amnesty sprechen können, etc.), sondern Spieler und Sponsoren - dann fühlt man sich auf den Arm genommen, vorsichtig formuliert.

Was vieles kaputt macht und was sehr schade ist. Denn wer nicht betroffen und aus einer sicheren Position heraus handelt, sollte sich deshalb nicht aus Diskursen raushalten, ganz im Gegenteil. Es ist gut, dass die Nationalmannschaft sich in dieser Frage positioniert. Es ist gut, dass sie politische Probleme nicht ignoriert, wie es der Sport allgemein in einem Anflug von Realitätsverweigerung viel zu oft tut. Es ist wünschenswert, dass der DFB diesen Weg der Einmischung weiter geht - gern auch, bis es unbequem werden sollte. Denn wenn er das konsequent tut, dann verschwinden auch die Störquellen. Und die Botschaft kommt sauber an.

© SZ/sjo/ska
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