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DFB-Gegner beim Confed Cup:Chiles Wandel hat Champions produziert

Cameroon v Chile - FIFA Confederations Cup Russia 2017 - Group B

Will auch gegen Deutschland jubeln: Arturo Vidal.

(Foto: REUTERS)
  • Nach den internationalen Titelgewinnen der vergangenen Jahre erhebt Chile Anspruch auf den Sieg beim Confed Cups.
  • Angeführt von Bayerns Vidal sei Chile eine der "weltbesten Mannschaften", wie der Bundestrainer betont.
  • Gegen Deutschland möchte Chile in Bestbesetzung unter Beweis stellen, dass der Erfolg seiner Nationalmannschaft kein Zufall ist.

Fußball ist auch Erinnerung, und im Moment haben sie in Chile reichlich davon. Im Fernsehen läuft in diesen Tagen ein Doku-Drama zur Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land, sie fand 1962 statt und wurde nun mit den besten Mimen des Landes nachgestellt: vom Sieg bei der Ausschreibung, der auf einem unvergessenen Satz von Carlos Dittborn gründete, dem Chef des Bewerbungskomitees ("Weil wir nichts haben, wollen wir alles!"), bis zum Sieg im Spiel um Platz drei.

Vor allem aber regnet es Erinnerung an Jahrestage jüngerer Wegmarken des chilenischen Fußballs, die für das Heute wichtiger sind. 2014, 2015, 2016 sind die Jahresziffern, die den Hang der Chilenen zum Pessimismus beerdigten. Sie stehen für den Sieg gegen Titelverteidiger Spanien bei der WM 2014 in Brasilien, vor allem aber für die Siege bei den folgenden Copa-América-Turnieren - es waren die ersten internationalen Titel. An diesem Donnerstag tritt Chile auf Deutschland, beseelt vom Traum, einen weiteren Pokal zu stemmen. "Der Confed Cup ist eine schöne Herausforderung für uns. Chile hat noch nie so ein Turnier gespielt", sagt Mittelfeldspieler Charles Aránguiz von Bayer Leverkusen.

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Bislang hatte Chile, obschon Fußball dort Nationalsport ist, kaum Notiz von der Existenz dieses Turniers genommen. Es schien unerreichbar zu sein. Als Brasilien und Spanien vor vier Jahren das Finale des Confed Cups bestritten, war es den chilenischen Fernsehsendern wichtiger, sich den Ergebnissen einer Urwahl zu widmen, die der Präsidentschaftswahl vorgeschaltet war. Diesmal stellten die drei Stationen, die Chiles Partien im Free-TV anbieten, rasch klar, welche Prioritäten sie setzen. Als hänge die Zukunft der Nation nicht an Politikernamen, sondern an Fußballerwaden. Erst recht, seit diese Waden im ersten Gruppenspiel den Traum von einem weiteren Titel durch ein alles in allem souveränes 2:0 gegen Kamerun nährten.

Auch in jener Partie kamen Charakteristika zum Tragen, die aus Chiles Nationalelf eines der Modeteams der Gegenwart gemacht haben. "Chile ist eine der weltbesten Mannschaften", betont Bundestrainer Joachim Löw. Die Identitätsmerkmale der Chilenen - die extreme Mobilität der Spieler, ihr Spiel über die Außenpositionen, aggressives Pressing bei der Balleroberung - sind nicht verhandelbar.

Arturo Vidal, die Galionsfigur des chilenischen Spiels

Im Gegenteil: Sie sind Wesenskern einer Elf, die zuletzt nicht mehr ganz dem Kamikaze-Stil der WM 2014 frönte, aber seit Jahren personell fast unverändert spielt. Auch deshalb zeigt sie eine Sicherheit, die aus Automatismen erwächst. Und die Titelgewinne ermöglichte, die im langen Land lange als unerreichbar galten.

Den Grund dafür sieht eine Symbolfigur der aktuellen Generation, Arturo Vidal vom FC Bayern, in einer Fügung. In den Achtzigerjahren seien "die besten Spieler der Geschichte des chilenischen Fußballs geboren worden", sagt Vidal unter Verweis auf sich selbst, auf den verletzten Torwart Claudio Bravo (Manchester City), Defensivmann Gary Medel (Inter Mailand), Mittelfeldspieler Charles Aránguiz und Marcelo Díaz (früher HSV, heute Celta de Vigo), sowie die Stürmer Alexis Sánchez (FC Arsenal) und Eduardo Vargas (UANL Tigres/Mexiko). Zudem: "Wir sind auf zwei sehr gute Trainer getroffen: Jorge Sampaoli und Juan Antonio Pizzi."

Ebendieser Pizzi, der das Amt im Januar 2016 von seinem argentinischen Landsmann Sampaoli übernahm, verortet den Urknall des chilenischen Fußballs lange vor seiner Zeit: beim Amtsantritt von Marcelo Bielsa. El Loco Bielsa, der Verrückte, war von 2007 bis 2010 Nationaltrainer - und "der große Revolutionär des chilenischen Fußballs", sagt Pizzi, einst Profi beim FC Barcelona.