Offiziell zählte dieses Spiel in Ljubljana als noch letztes fehlendes Puzzleteil zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien. Am Ende dieses Abends war dann auch die Rede davon, dass das deutsche Nationalteam besagten Bewerbungsprozess mit nun 16 von 18 möglichen Punkten und 18:1 Toren als Gruppenerster souverän abgeschlossen hat, als erste europäische Auswahl noch dazu. Der Gruppensieg aber war schon seit dem Sieg gegen Norwegen klar gewesen. Und so markierte dieses 2:0 gegen Slowenien für die deutschen Nationalspielerinnen eigentlich gar nicht mehr den Abschluss der aktuellen Saison, sondern inoffiziell bereits den Auftakt in die neue Zeitrechnung: Raus aus dem Post-EM-Jahr, rein in die Pre-WM-Phase.
Und weil es sportlich um nichts mehr ging, lieferte dieser Abend schon einen Blick in eine mögliche Variante der Zukunft – wie auch in die Gedankenwelt von Bundestrainer Christian Wück und den Co-Trainerinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak.
Die Bedingungen für ein Experiment waren ideal. Ohne Ergebnisdruck konnte manche Spielerin geschont werden, die in ihrem Klub und im Nationalteam auf so viele Einsatzminuten kommt, dass der ein oder andere Muskel nach Urlaub lechzt, vielleicht auch alle 656 Muskeln. Die Umstellung lief zwar zunächst so holprig, dass Wück zurecht eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ausmachte: „Wir wollen dazugehören, wir wollen unter die Top fünf. Aber es ist ein ständiges Auf und Ab“, sagte er in der ARD, um dann angesichts der Größe seiner Versuchsanordnung mit der Feststellung zu schließen: „Wir haben gesehen, dass wir vor Herausforderungen stehen. Aber wir haben auch gesehen, dass wir Potenzial haben.“ Genau darum ging es.
Dass der Kader nun eine größere Tiefe bekommen hat, bringt auch eine neue Variabilität
Im Vergleich zur Partie gegen Norwegen wechselte Wück an seinem 53. Geburtstag auf acht Positionen, aus der Stammelf ließ er gegen Slowenien nur vier Spielerinnen beginnen: die zuletzt verletzte Klara Bühl auf dem linken Flügel, Elisa Senß im Mittelfeld sowie in der Abwehr Carlotta Wamser (außen) und Vize-Kapitänin Janina Minge (innen). Eine größere Sicherheit stellte sich interessanterweise erst dann ein, als von jenen Spielerinnen, die durch ihre Routine eigentlich für Ruhe und Ordnung verantwortlich waren, mit Bühl, Senß und Wamser zur Pause gleich drei den Platz verlassen hatten.
Aber der Blick an diesem Abend der Rotation war ohnehin nicht auf diejenigen gerichtet, die unangefochtenen einen Platz im Nationalteam beanspruchen können. Die Stammelf um Kapitänin Giulia Gwinn hat der Bundestrainer seit seinem Amtsantritt im Herbst 2024 inzwischen gefunden. Hier und da wird sie angepasst, sie kämpft ab und an mit Abstimmungsproblemen und Formschwankungen, hat noch keine feste Sturmspitze – aber sie steht im Prinzip. Worum es nun vor allem geht, ist die Suche nach einer B-Elf.

Die Liste der Kandidatinnen hat sich in den vergangenen Monaten gefüllt, ideal aber wäre ein fester Kreis von Spielerinnen, die mühelos in den Anzug der ersten Garde schlüpfen können, ohne dass der Schnitt nicht verlässlich passt. Dass sie bei den DFB-Frauen dafür schon ein ganz gutes Gespür entwickelt haben, zeigte sich erst jetzt wieder, Marie Müller taugt als Paradebeispiel. Ihr traute Wück zu, in der für die WM-Qualifikation so wichtigen Partie gegen Norwegen die frisch an der Schulter operierte Gwinn zu vertreten. Statt diese Aufgabe bei ihrem durch einen Kreuzbandriss um ein Jahr verzögerten Debüt bloß ganz ordentlich zu machen, entschied Müller sich dazu, überhaupt nicht nervös zu wirken, verlässlich zu verteidigen und auch noch ein Tor zu schießen. Dass Gwinn nicht auf dem Platz stand, fiel gar nicht groß auf. Wück sah darin die Scouting-Arbeit bestätigt – wie auch die Einschätzung von Spielerinnen.
Ena Mahmutovic darf darauf hoffen, hinter der Nummer 1 Ann-Katrin Berger ein Ticket für Brasilien zu bekommen, Camilla Küver hatte sich bei anderer Gelegenheit schon für die Innenverteidigung ins Spiel gebracht, Vivien Endemann und Selina Cerci für die Flügel. Larissa Mühlhaus könnte den Sturm beleben, ebenso Shekiera Martinez – um ein paar Namen zu nennen. Martinez traf gegen Slowenien in ihrem dritten Länderspiel erstmals, von ihr hält der Bundestrainer einiges. Und auch das einstige Problem auf den Außenverteidigerposten wirkt wie vergessen. Franziska Kett hat sich seit ihrem Start rund um die EM 2025 etabliert, Carlotta Wamser kann sich links wie rechts in den Weg stellen, und nun kommt auch noch Müller dazu. Und was wäre gar, wenn Lena Oberdorf es nach ihrem zweiten Kreuzbandriss als Regisseurin rechtzeitig zurück zu den DFB-Frauen schaffen würde?
So viele Optionen! Dass der Kader nun eine größere Tiefe bekommen hat, bringt auch eine neue Variabilität, die es den Gegnerinnen schwieriger macht, sich auf das deutsche Nationalteam einzustellen, das noch dazu gegen Slowenien einen Lerneffekt im Sinne einer spielerischen Entwicklung gezeigt hat: Statt keine Lösungen zu finden und damit zu hadern, dass der eigentliche Plan nicht aufgeht (wie gegen ebenso tief stehende Österreicherinnen), reagierten die DFB-Frauen nun mit Flanken und steigerten sich.
Aus Aberglaube hatte Christian Wück es sich untersagt, sich vor der gesicherten Teilnahme mit der WM in Brasilien zu beschäftigen, nun aber stürzt er sich voll hinein. „Ich möchte so schnell wie möglich die Pläne rund um das Basecamp enger schnüren“, sagte Wück: „Ich weiß noch nicht, wann wir es endgültig festmachen. Aber ich möchte so schnell wie möglich im Kopf haben, was uns erwartet.“ Vor den nächsten Partien im Herbst, so viel wusste der Bundestrainer schon, sollen für die optimale Vorbereitung diverse Vereine besucht werden. Die Scoutingabteilung geht auf Tournee.


