Die Frage war arglos gestellt, auf die Antwort kam es an. Die Fußballerinnen des deutschen Nationalteams hatten gerade die Österreicherinnen vom Platz des Franz-Horr-Stadions gefegt und sich damit anständig in eine Pause verabschiedet. Mit einem 6:0 in der letzten Partie vor der Europameisterschaft und als Gruppensieger in der Nations League. Aber kann der Kopf da überhaupt abschalten? Was macht man jetzt so als Nationalspielerin, die womöglich im Juli ein Turnier spielt? „Ein paar Tage Urlaub, dann daheim mit der Familie und mit Freunden sein“, erzählte Sydney Lohmann, als sei sie bereits mitten in den Ferien, „und dann geht’s ja wieder recht bald los.“
Hatte Lohmann damit indirekt ausgeplaudert, dass sie einen der 23 Plätze für jenen Kader ergattert hat, der am 12. Juni mitgeteilt wird und bis dahin aus Sicht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bitte geheim bleiben soll? Wobei es, verstärkt durch die Wiener Festspiele, überraschend käme, würde Lohmann auf dieser Liste fehlen. Aber die 24-Jährige vom Doublesieger FC Bayern war eine derjenigen, die sich zeigen sollten. Sie war im Mittelfeld für Sjoeke Nüsken in die Startelf gerückt und fiel unter anderem damit auf, dass sie nach 14 Sekunden mit einem wuchtigen Flachschuss die furiose erste Halbzeit einleitete. Und anschließend in der 39. Minute den Ball aus etwa 18 Metern zum 5:0 über Torhüterin Mariella El Sherif hinweg unter die Latte donnerte. „Ich kenne meine Rolle, die wurde auch kommuniziert“, sagte Lohmann: „Auf der Sechs, Acht, Zehn kann ich alles spielen.“

DFB-Frauen:Eine Stammelf ohne die Beste
Vor dem letzten Testspiel in Österreich scheint Bundestrainer Christian Wück eine EM-Formation gefunden zu haben, die auch ohne die lange verletzte Lena Oberdorf funktioniert. Dadurch ergibt sich eine völlig neue Achse.
Lohmann hat ihre Chance genutzt, wie überhaupt das gesamte Nationalteam die Spiele gegen die Niederlande (4:0) und gegen Österreich genutzt hat, um „Schwung und Überzeugung“ in die Koffer zu packen, wie Bundestrainer Christian Wück gefordert hatte. „Endlich haben wir mal das gezeigt, was wir können, was in uns steckt“, hatte Nüsken nach dem ersten Spiel gesagt; nach dem zweiten bilanzierte Kapitänin Giulia Gwinn, die EM-Generalprobe sei „nahezu perfekt“ gelaufen. Nun sollte nach den zehn Toren aus zwei Spielen nicht vergessen werden, dass die Niederländerinnen ungewohnt harmlos auftraten und die überforderten Österreicherinnen nicht mithalten konnten. Aber die Weiterentwicklung des deutschen Teams war ersichtlich.
„Es gibt ein, zwei Positionen, über die wir uns noch Gedanken machen“, sagt Bundestrainer Wück zum EM-Kader
Zum einen haben die Spielerinnen die Dauervorgabe, von Anfang an präsent zu sein, konsequent umgesetzt. Hinzu kam am Dienstagabend eine enorme Effizienz, sechs Tore aus zehn Schüssen, von Lea Schüller (9. Minute), Selina Cerci (26.), Klara Bühl (31.), Laura Freigang (43.) und eben Lohmann. Aber: Die Defensive wackelte zwischendurch, so mancher Pass kam nicht ideal. Diese Fehler lösten zwar kleinere Wutausbrüche beim Bundestrainer aus, wurden aber nicht bestraft. Und als die Gastgeberinnen kompakter auftraten, zeigte sich, dass den Deutschen bisweilen Ideen und Kreativität fehlen. Das alles erinnerte daran, dass Steigerungen nötig sind, wenn es mit einem erfolgreichen Turnier oder gar dem neunten EM-Titel der DFB-Frauen klappen soll.
Das Zutrauen dürften die Dienstreisen nach Bremen und Wien jedoch gestärkt haben, und so saß der Bundestrainer zufrieden auf der Pressekonferenz in dem Wissen, selbstgesteckte Etappenziele erreicht zu haben – die Endrunde der Nations League im Herbst als Gruppensieger und frisch implementiertes Selbstvertrauen: „Und jetzt hoffe ich, dass wir in diesem Flow direkt am 4. Juli weitermachen“, beim EM-Auftakt gegen Polen also. Diese Positivphase konnten auch die personellen Änderungen, die der 51-Jährige für sein Kader-Casting bis zum Schluss durchziehen wollte, nicht übermäßig unterbrechen.

Im Vergleich zu seiner potenziellen EM-Startelf in Bremen begann Laura Freigang statt Linda Dallmann als Spielmacherin, Lohmann vertrat Nüsken, Franziska Kett verteidigte links statt Sarai Linder, Selina Cerci wirbelte auf dem rechten Flügel für Jule Brand. Nach der Pause kamen zudem Sophia Kleinherne (für Gwinn) und Sara Doorsoun (für Rebekka Knaak) in der Defensive sowie Carlotta Wamser (für Bühl) und Giovanna Hoffmann (für Schüller) in der Offensive. Für diese Spielerinnen ging es um ein Empfehlungsschreiben. „Es gibt ein, zwei Positionen, über die wir uns noch Gedanken machen“, sagte Wück, „sonst sind wir eigentlich relativ sicher.“
Mit seinen Assistenztrainerinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak will Wück den Spielerinnen zügig mitteilen, wer zur am 19. Juni beginnenden Vorbereitung nach Herzogenaurach eingeladen wird. Unmittelbar nach dem Österreich-Spiel wollte er deshalb in der Nacht gar noch fünf dieser Gespräche führen. Mit wem, verriet er nicht. Im Fokus steht primär eine Personalie: Lena Oberdorf, die nach Absprache als einzige Feldspielerin keine Minute auf dem Platz stand. Ob die Mittelfeldspielerin des FC Bayern nach ihrem Kreuzbandriss bei der EM dabei sein wird, ist seit Wochen zentrales Thema. Der Unterschied ist nun, dass Wück Oberdorf selbst im Training gesehen hat.
Der Coach möchte diese Eindrücke in Ruhe analysieren, mit Oberdorf sprechen und überlegen, was am meisten Sinn ergibt. Die Entscheidung, sagte er, würde dann mit ihr, ihrem Verein und seinem Trainerteam getroffen – vor der Kaderbekanntgabe. „Das wird zeitnah passieren“, kündigte der Bundestrainer an und wollte noch eine Sache zur Rolle von Oberdorf klarstellen: „Es geht nicht nur um Obi. Es geht um die Mannschaft, die bei der EM lange dabei sein möchte. Sie ist Teil einer funktionierenden Mannschaft.“ Das von seinem Team vor der EM sagen zu können, mag etwas Druck aus der sensiblen Beschlusssuche nehmen. Das komplizierteste Gespräch dürfte für Christian Wück trotzdem jenes mit Lena Oberdorf bleiben.

