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DFB und Esecon:Zweifel an den Aufklärern

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Am nächsten dran im Stadion ist das Kameraauge - und bei den DFB-Highlights im Olympiastadion in Berlin sind die Werbebanden im Blickwinkel der Objektive.

(Foto: imago/ActionPictures)

Die Firma Esecon soll für den DFB die Geschäftsbeziehung zum Sportvermarkter Infront untersuchen. Doch ihre Methoden werfen Fragen auf.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Das Firmengeflecht, das für die Zukunft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) eine wichtige Rolle spielt, schmückt sich mit gravitätischen Namen. Da findet sich eine Gesellschaft namens Hadrian, wie der römische Kaiser; eine andere heißt Zelos, nach der Gestalt aus der griechischen Mythologie. Zelos, Gott des Eifers und des Strebens.

Ans Licht strebt im Kontext des gerade mal wieder um schonungslose Selbstaufklärung bemühten DFB aber in diesen Tagen ein anderer Teil dieses von dunklem Schweigen umhüllten Firmenkonstrukts. Sein Name: Esecon. Keine Figur der Antike, aber Esecons Arbeit könnte eine ähnliche Dramatik entfalten wie das Wirken alter Kaiser und Gottheiten.

Offen ist nur, für wen.

Der DFB hat das Beratungsunternehmen Esecon mit internen Nachforschungen betraut, und er stellt dieses Mandat gerade als enormen Fortschritt dar für den seit Jahren angeschlagenen Verband. Aber was bisher vorliegt, reiht sich eher ein in die lange Kette seltsamer Vorgänge rund um den DFB. Und könnte dem Verband am Ende noch mehr Probleme bereiten.

Im Frühjahr 2019 hatte der DFB das Unternehmen beauftragt. Es sollte die Geschäftsbeziehung des DFB mit Infront prüfen, dem Langzeit-Vermarkter des Verbands, weil Hinweise auf mögliche schädigende Handlungen eingegangen waren. Im zweiten Schritt wurde der Auftrag größer: Er umfasst jetzt auch eine Generalinventur, um alle Finanzflüsse der jüngeren Vergangenheit im DFB aufzurollen - bis hin zu den unaufgeklärten Millionen-Transaktionen rund um die WM 2006.

Vor einer Woche zog der DFB mit Donnerhall die erste Konsequenz. Er beendete die Partnerschaft mit Infront, auf Basis eines Zwischenberichts von Esecon. Die Kernvorwürfe lauten, Infront habe lukrative Verträge erhalten, während um Millionen höhere Offerten ignoriert wurden. Zugleich habe es Gefälligkeiten für zuständige DFB-Mitarbeiter gegeben. Infront wehrt sich massiv und moniert, Esecon lege keine Belege für solche Vorteilsnahmen vor. Rechtliche Schritte von beiden Seiten stehen im Raum, es droht eine Schlammschlacht zwischen langjährigen Partnern.

Ein Länderspiel-Vertrag steht besonders im Fokus der Beobachter

Doch angesichts des bisher Vorliegenden erscheint das geräuschvolle Vorgehen des DFB reichlich ambitioniert. Nach SZ-Recherchen steht die Arbeit der Esecon-Ermittler auf teils brüchigem Fundament.

Das betrifft vorneweg ein irritierendes Beratungsmandat, das die Firma im Laufe ihrer Untersuchungen vergab. Die Ermittler griffen auf die Expertise des Sportvermarktungssexperten Stefan Felsing zurück. Der ist seit kurzem Chef von Sportfive - einem Infront-Konkurrenten. Vor allem aber war Felsing in zentraler Rolle in just den Fall involviert, der laut Esecon-Zwischenbericht den bisher größten Einzelvorgang bildet, in dem der DFB um viel Geld gebracht worden sein könnte.

Darum geht es: 2013 verlängerte der DFB den Infront-Vertrag für die Vermarktung der Werbebanden bei seinen Länderspielen. Dabei hatte ein Mitbewerber, die Ufa Sports, ein deutlich höheres Angebot vorgelegt - angeblich 18 Millionen Euro mehr. Top-Manager bei Ufa Sports damals war: Stefan Felsing. Eine Kernfrage im Streit DFB/Infront ist nun: Wie seriös, wie werthaltig war die Superofferte der Ufa tatsächlich? Der Außenseiter hatte damals ein Kampfangebot eingereicht, das weit über den Offerten seiner drei etablierten Konkurrenten lag. Schon deshalb ist es schwer nachvollziehbar, dass ausgerechnet ein Frontmann des damals abgewiesenen Bewerbers Ufa heute als neutraler Experte in einer neutralen Untersuchung fungiert haben kann - die ja nun auch in eigener Sache lief.

Während Esecon auf Anfrage dazu nichts sagte, bestätigte Felsing der SZ nach einigem Hin und Her am Donnerstag, der DFB und Esecon hätten ihn von "meiner Verschwiegenheitspflicht entbunden". Und, ja, er habe ein Beratungsmandat der Esecon erhalten. Im Sommer 2019 sei er von Esecon im Zuge der Untersuchung befragt worden. Später habe er "in unregelmäßigen Abständen (...) zu ausgesuchten Fachfragen Auskunft gegeben. Im Kern ging es hierbei um allgemeine und spezifische Fragen in Bezug auf Sportrechtevermarktung und verschiedene Geschäftsbeziehungen des DFB." Die letzte aktive Tätigkeit in diesem Kontext sei im Oktober 2019 erfolgt. Felsing erklärt, er habe zu der Zeit als unabhängiger Berater in der Sportindustrie gewirkt, die Tätigkeit sei "vollkommen unabhängig von meinen vorherigen Positionen im Bereich des Sportmarketings" erfolgt.

Aber nicht nur die Auswahl eines offenkundig befangenen Beraters irritiert. Zum Esecon-Report gehören auch Aussagen aktueller und früherer DFB-Mitarbeiter, dem DFB gingen diese "Befragungsberichte" zu. Jedoch sagen gleich mehrere der intern befragten Personen der SZ, sie hätten ihre Gespräche jeweils alleine und ohne anwaltliche Hilfe bestritten. Es gebe weder Mitschnitte noch Gesprächsprotokolle. Sie hätten auch nichts autorisiert. Wie kann so ein Vorgehen sicherstellen, dass die Aussagen in irgendeiner Form verwertbar sind? Zumal, wenn es um einen so harten Schnitt wie die Trennung von einem langjährigen Partner geht, der ein juristisches Gefecht um Millionen nach sich ziehen kann?

Esecon beantwortet weder diese noch andere Fragen der SZ. "Bitte haben Sie Verständnis", heißt es nur, "dass die Esecon Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH aufgrund standesrechtlicher und vertraglicher Verpflichtungen keine Auskunft zu den von Ihnen adressierten Fragen geben kann." Auch der DFB will konkret zu diesem Thema nichts sagen.

Dabei kommt es bekanntlich auf die Details an. Und in manchen Fällen wirkt der Umgang von Esecon mit den Aussagen der Befragten obskur. Hier kommt erneut der 2013 verlängerte Länderspiel-Vertrag ins Spiel, bei dessen Vergabe dem DFB womöglich 18 Millionen entgangen sein sollen. Eine Schlüsselpassage im Zwischenreport bilden die Darlegungen des früheren DFB-Marketingchefs Denni Strich. Esecon hält fest, der damals für die Vertragsausschreibung zuständige Strich habe bei einer "Konfrontation" gesagt, es habe 2013 die "klare Ansage" der DFB-Führung gegeben, diese Entscheidung (pro Infront) vorzubereiten - weil dies "das Beste" für den DFB sei. Derlei Festlegungen seien typisch gewesen zu jener Zeit unter dem DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, da sei nicht viel diskutiert worden.

Wolfgang Niersbach, DFB-Präsident bis 2015.

(Foto: Michael Probst/AP)

Das klingt so, als hätten Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock (beide 2015 schließlich vom "Sommermärchen"- Strudel verschluckt) damals eine erneute Vergabe an Infront verfügt - obwohl Ufa Sports so enorm viel mehr bot.

Doch so eindeutig ist es wohl nicht. Zwar bestreitet niemand, dass Ufa viel mehr anbot - gerade das aber, heißt es von damals Beteiligten, sei der Grund gewesen, die Agentur frühzeitig aus dem Verfahren rauszukegeln. Die unüblich hohe Summe, aber auch das Refinanzierungskonzept seien weit weg von jeder Realität gewesen, weshalb die Ufa gar nicht in die finale Runde der letzten Drei gelangt sei. Von Fantasiebeträgen war damals die Rede, Ufa-Manager erklärten, dass ihre Firma unbedingt beim DFB rein wollte - mit einem Kampfpreis und der Bereitschaft, nicht unbedingt auf Gewinn zu zielen. Die Ufa war erst 2008 neu gegründet worden und bei Weitem nicht so erfahren wie die Bieterrivalen Infront, Lagardère oder IMG, drei veritable Branchenriesen.

Ufa flog raus, die Offerten im finalen Dreikampf, so Strich zur SZ, lagen eng beieinander, weshalb die Treue zum langjährigen Partner Infront den Ausschlag gab. Nur auf diese Dreierrunde sei der Satz von der "klaren Ansage" bezogen gewesen. Und dass die Vorgesetzten "das Beste für den DFB" gewollt hätten? Sei eine ganz generelle Feststellung gewesen, so Strich.

Das zeigt das Problem der ausgeübten Gesprächsmethodik: "Hätte ich ein Protokoll erhalten, in dem das so steht, hätte ich das klargestellt", sagt Strich, der heute Geschäftsführer bei der TSG Hoffenheim ist.

Das angebliche Fehlen von belastbaren Gesprächsprotokollen wirkt auch an anderer Stelle irritierend. Unter der Rubrik "Verdacht der Korruption durch Infront gegenüber Mitarbeitern des DFB" referiert Esecon über anonyme Hinweise auf Uhrengeschenke an vier Personen, darunter Strich. Der sagt: "Ich bekam nie eine Uhr angeboten und habe nie eine angenommen." Das habe er auch bei Befragungen gesagt.

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