Fußball-WM In Sotschi wummert laute Musik nonstop

Warmspielen vor Märchenschlosskulisse: In Sotschi ist die Aussicht schöner als in Watutinki.

(Foto: Thomas Eisenhuth/GES)
Von Philipp Selldorf, Sotschi

Wenn Russen Ferien machen, dann sind Ruhe und Frieden nicht unbedingt die vorrangigen Kriterien. In dem zur Stadt Sotschi gehörigen Badeort Adler geht es daher nicht nur am Abend lautstark zu, wenn in den vielen Grillrestaurants Entertainer auftreten, die als Solisten mit Tasteninstrument und Mikrofon mehr Lärm verursachen als hochgerüstete Schwermetallbands. Mancher ausländische Sotschi-Besucher mag es für Pech halten, wenn in seinem Gartenlokal der Entertainer so laut spielt, dass ein Gespräch am Tisch nicht mehr möglich ist. Aber von Pech sollte man erst dann reden, wenn der Entertainer im benachbarten Gartenlokal sogar noch lauter spielt. Russischen Familien macht das übrigens nichts aus, sie fühlen sich dann doppelt gut unterhalten.

Andererseits ist nicht zu erwarten, dass Jogi Löw während der nächsten Abende ein jedermann zugängliches Grillrestaurant besuchen wird, was aber nicht daran liegt, dass er sich bis zum Anstoß des selbst aus seiner Sicht spektakulär wichtigen Spiels gegen Schweden am Samstagabend (20 Uhr/ARD) im Konferenzraum einschließen wird, um über Aufstellung und Taktik nachzudenken. Am Morgen nach der Ankunft in Sotschi sorgte bereits der erste Versuch des Bundestrainers, das von der Fifa zugewiesene Luxus-Hotel auf eigene Initiative zu verlassen, für öffentliches Aufsehen. Kaum hatte Löw den Ausgang zur Strandpromenade genommen und einen Blick aufs Schwarze Meer geworfen, kreuzten seinen Weg Frühsport treibende Zeitungsleute sowie ein Agenturfotograf. Dieser hielt den Moment - Bundestrainer mit Sonnenbrille unter blauem Himmel - prompt im Bild fest. Löw stellte sich dafür bereit und lächelte freundlich, während sich schon weitere Fotografen näherten: Kinder mit eindeutigen Absichten. Den Wunsch nach einem Selfie erfüllte ihnen der berühmte Mann aus Deutschland gern. Im Übrigen trug sich die Szene zu einer Zeit zu, in der anständige Ferienurlauber und Medienvertreter noch schlafen sollten - am Morgen um halb acht in Adler.

Anderthalb Stunden später begann im Teamhotel das Unterhaltungsprogramm am Swimming-Pool: Laute Musik nonstop und ohne Gnade bis zum Sonnenuntergang. Für die Spieler, die im vorigen Jahr am gleichen Ort wohnten, und von dort auszogen, um den Confed-Cup zu gewinnen, ist das nichts Neues. Doch auch für sie muss es nach einer Woche in der Abgeschiedenheit des Indianderdorfs Watutinki ein kleiner Schock gewesen sein, als sie die ersten Schritte im neuen, alten Heim machten: Ungefähr wie Einsiedler, die plötzlich unter Leute kommen.

Das Hotel, in dem die Deutschen bis zu ihrem Examen am Samstag residieren werden, hat den Fünf-Sterne-Standard, den Spitzenprofis aus Spitzenvereinen gewohnt sind. Allerdings müssen sie das Hotel mit Touristen teilen, und sie wohnen jetzt nicht nur mit russischen Urlaubern unter einem Dach, sondern auch mit Vertretern der öffentlichen Meinung aus dem Heimatland. Das ist nicht gerade eine willkommene Nähe in Erwartung eines Spiels, durch das dem Weltmeister Verderben und Untergang drohen. Manche Reporter erzählen, sie hätten ihre Zimmer schon Monate im Voraus gebucht, der DFB habe Bescheid gewusst und zugesagt, die Wohngemeinschaft notfalls zu tolerieren - was man beim DFB womöglich nun bereut.