DFB-Elf: René Adler "Wie ein Bobfahrer vor dem Rennen"

Die Kunst der Konzentration: DFB-Torwart René Adler über Bilder im Kopf, Flipcharts im Hotel und mentale Hausaufgaben.

Von Interview: Christof Kneer

SZ: Herr Adler, wie dankbar wären Sie, wenn im folgenden Interview die Frage nach der Nummer eins im deutschen Tor nicht gestellt würde?

René Adler, 24 Jahre alt, Torwart von Bayer Leverkusen, bei seinem siebten Länderspiel in Moskau.

(Foto: Foto: dpa)

Adler: Oh, das fände ich extrem gut. Die Frage wurde mir schon so oft gestellt, und ich werde da immer wieder dieselbe Antwort geben: Es ist noch lange hin bis zur WM. Und es ist wirklich so, dass mich das momentan nicht so sehr beschäftigt, ich lasse dieses Thema einfach nicht an mich ran. Ich beschäftige mich zurzeit mit ganz anderen Dingen.

SZ: Zum Beispiel?

Adler: Ich setze mir zurzeit in jedem Spiel drei Ziele: erstens meine Leistung bringen, zweitens Spaß haben und drittens möglichst zu null zu spielen. Das dritte Ziel ist ein kleiner Insider-Gag.

SZ: Inwiefern?

Adler: Seit Sami Hyypiä bei uns in Leverkusen spielt, hat sich das so eingebürgert: Wir nehmen uns vor jedem Spiel vor, zu null zu spielen, und wenn wir es geschafft haben, dann klatschen wir uns ab. In dieser Saison haben wir das schon ziemlich oft geschafft.

SZ: Beim 1:0 in Russland waren Sie an der Null entscheidend beteiligt. Sie haben hervorragend gehalten und keinen einzigen Wackler gezeigt. Sie wirkten unheimlich gefasst und konzentriert - wie schafft es ein so junger Mensch, in so einem Spiel so ruhig zu bleiben?

Adler: Was die Konzentration betrifft, ist so ein Spiel schon was Besonderes. Das muss man anders angehen als eine normale Bundesligapartie. In der Liga habe ich inzwischen Mechanismen für mich entdeckt, die ich streng einhalte. Zum Beispiel, dass ich am Abend vor dem Spiel bewusst gar nicht so sehr ans Spiel denke, sondern lieber mal eine DVD anschaue. Erst am Spieltag startet dann die Konzentrationsphase: Vor allem in der Mittagsruhe vor dem Spiel versuche ich, mir gewisse Bilder vor Augen zu führen, gewisse Situationen mental durchzuspielen. Man kann bei der Menge an Spielen, die es heutzutage gibt, nicht schon drei Tage vor einer Partie die Konzentration hochfahren - sonst besteht die Gefahr, dass man die Konzentration bis zum Spiel verliert.

SZ: Konzentration ist ein großes Thema für Sie.

Adler: Ein riesengroßes. Auf Spitzenniveau können solche Dinge den Unterschied ausmachen. Man muss sich damit beschäftigen und wissen, dass sich Konzentration nicht auf Knopfdruck herstellen lässt. Das muss man üben und lernen.

SZ: Wie haben Sie sich auf das Russland-Spiel vorbereitet?

Adler: Da beginnt schon mit der Anreise ins Quartier nach Mainz die Fokussierung, aber bei so vielen Tagen der Vorbereitung ist es vor allem wichtig, das Gleichgewicht zwischen An- und Entspannung zu finden. Also: abends auch mal ein Buch lesen und nicht an Fußball denken, aber dafür in jedem Training hochfokussiert jeden Ball angehen.

SZ: Wie funktioniert Konzentration bei Ihnen?

Adler: Ich bin ein sehr visueller Typ. Ich habe manchmal so eine Art Flipchart im Hotel dabei und schreibe dann wie ein Trainer ein paar Begriffe auf, die ich fürs Spiel brauche. Manchmal verbinde ich die Begriffe auch mit Pfeilen. . .

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