Deutsche Nationalmannschaft:Klassische Löw-Lektionen

Bundestrainer Joachim Löw beim Training der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft

Wird seit Tagen von seinen Spielern mit Komplimenten überschüttet: Bundestrainer Joachim Löw

(Foto: Christopher Neundorf/Imago/Kirchner-Media)

Die Gelassenheit des Bundestrainers ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. An der nötigen Spannung während seiner letzten Monate im Amt braucht keiner zu zweifeln.

Kommentar von Philipp Selldorf

Augenzeugen berichteten, die beiden Männer seien jeweils in "schwarzen Nobelkarossen" vorgefahren, aber selbstverständlich seien sie hintereinander statt gleichzeitig angekommen. Und natürlich hat der eine nicht auf den anderen gewartet, um mit ihm gemeinsam in das Hotel der Nationalelf in Düsseldorf zu spazieren. Aber es hat vor hundert Jahren in New York auch niemand erwartet, dass Salvatore Maranzano seinem Kollegen Giuseppe "Joe" Masseria (auch "Joe der Gierschlund" genannt) die Tür aufhielte - höchstens, um ihn anschließend mit sogenannten blauen Bohnen durchsieben zu lassen.

Fritz Keller und Friedrich Curtius jedenfalls betraten getrennt voneinander das Haus, und seitdem wohnen die Nationalspieler nicht nur mit dem DFB-Präsidenten und dem DFB-Generalsekretär unter einem Dach, sondern auch mit zwei Protagonisten des bald schon legendären DFB-Konflikts. Er wird nicht ganz so blutig ausgetragen wie 1930 der Krieg von Castellammare, aber hart zur Sache geht's auf jeden Fall. Die Spieler atmen also im Teamhotel dicke Luft durch ihre FFP-2-Masken.

Das Ausmaß der Stammesfehde hat auch der Bundestrainer zu spüren bekommen, als er nach dem 0:6 gegen Spanien zwischen die beiden Parteien und ihre Machenschaften geriet. Dagegen hat er sich ungewöhnlich heftig verwahrt, und mittlerweile darf man davon ausgehen, dass es ihm relativ egal ist, ob das Lager Keller oder das Lager Curtius obsiegen werden.

Die Profis werden nicht aufhören, Löw zu folgen

Ähnlich entspannt verfolgt er übrigens auch die Suche nach seinem Nachfolger, nämlich nach dem beruhigenden Motto "Nicht-mein-Problem". Und wenn jetzt Leute glauben, sie könnten Löw Angst machen, indem sie ihm mit dem neuen Fernsehkritiker Uli Hoeneß drohen, dann irren sie erheblich. Stattdessen freut sich der Trainer fürs TV-Publikum, denn Hoeneß sei "natürlich sehr unterhaltsam".

Löws Gelassenheit ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. An der nötigen Spannung während der letzten Monate braucht keiner zu zweifeln. Die hohen Ambitionen, die ihn ins EM-Turnier geleiten, gibt er aber nicht in Zielparolen zu erkennen, sondern in den fachlichen Leitsätzen, die für sein Fußball-Lehrer-Selbstverständnis immer typisch waren. Wenn er jetzt "rigorosen", sogar "gnadenlosen" Unterricht verspricht, dann können sich die Spieler beim EM-Trainingslager auf klassische Löw-Lektionen einrichten. Es geht dann, wie vor den Turnieren 2006 in Genf oder 2010 auf Sizilien um die Grundlagen: Kurzpässe, Bälle stoppen, defensives Stellungsspiel. All dies zum bekannten guten Zweck: Löws Ideal von "Fußballkultur". Gebot eins : "Das Spiel fängt an, wenn wir den Ball haben."

Reflexheft wird heutzutage der Begriff "lahme Ente" in die Debatte geworfen, sobald Chefs auf ihre letzte Aufgabe vor dem Austrittsdatum zugehen. Das wird nicht Löws Problem sein. Die Profis werden nicht aufhören, ihm zu folgen, eher droht das Gegenteil: Übereifer. Seit Tagen überschütten die Nationalspieler ihren Trainer mit Komplimenten und leisten öffentliche Gelübde, dass sie ihm den Titel zum Geschenk machen wollten.

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Kommt aber vor. 2013 gewann die vermeintliche lahme Ente Jupp Heynckes beim FC Bayern auch deshalb das Triple, weil er wegen der Verpflichtung von Pep Guardiola sauer auf die Vereinsführung war und die Spieler ihm den aufgezwungenen Abschied verschönern wollten. Quelle: Uli Hoeneß, Fernsehexperte.

© SZ/ska
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