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DFB-Elf: Joachim Löw:"Leistung ist unser Beruf"

Bundestrainer Löw spricht vom "außergewöhnlichen Menschen" Robert Enke. Er macht aber klar, dass es "selbstverständlich weitergeht" und "wir uns keine Vorwürfe machen dürfen".

Thomas Hummel

Während mancher am Sonntag in Hannover noch geglaubt haben mag, das Fußballleben in Deutschland würde angesichts der Trauerfeier für Robert Enke ein anderes werden, der musste am Montag erkennen, dass die Mechanismen des Leistungssports sich so schnell nicht ändern. Nüchtern stellte Bundestrainer Joachim Löw in einer Pressekonferenz fest: "Dass wir (Profifußballer) Leistung bringen müssen, das ist selbstverständlich, das ist unser Beruf." Auch nach dem Freitod eines Mitspielers.

Löw über Robert Enke: Er habe wertvolle Dinge vorgelebt: "Fehler auch mal verzeihen, andere mitreißen, ermuntern, in schwierigen Momenten Ruhe bewahren, Hilfestellungen geben".

(Foto: Foto: dpa)

Es war der erste Auftritt des Bundestrainers nach dem Tod Robert Enkes. Er wirkte mit ungewöhnlich tiefen Augenringen zwar noch ermattet von den Ereignissen der vergangenen Tage, richtete seinen Blick aber auch nach vorne. "Selbstverständlich geht es weiter, man muss wieder einen normalen Lebensrhythmus finden und auch positiv nach vorne denken", sagte er während einer Pressekonferenz. Am Mittwoch wird die DFB-Elf in Düsseldorf gegen die Elfenbeinküste spielen.

Zu Beginn hatte Löw an Robert Enke erinnert, der "nicht nur ein außergewöhnlich guter Torhüter, sondern auch ein außergewöhnlich guter Mensch war mit wichtigen Eigenschaften: Fairness und Teamorientierung." Er habe wertvolle Dinge vorgelebt: "Fehler auch mal verzeihen, andere mitreißen, ermuntern, in schwierigen Momenten Ruhe bewahren, Hilfestellungen geben". Doch der 49-Jährige wies auch darauf hin, dass Krankheiten oder andere Probleme zunächst Privatsphäre der Betroffen seien, wenngleich "wir damit ganz sensibel umgehen müssen".

Im Video: Nach der Trauer um Fußball-Nationaltorwart Robert Enke bereitet sich die Fußballnationalmannschaft auf das Freundschaftsspiel gegen die Elfenbeinküste vor.

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"Wir hatten keine Chance"

Löw gab zu, sich Gedanken darüber gemacht zu haben, ob er den Suizid hätte verhindern können. Unausgesprochen stand im Raum, dass Enke wegen einer Darminfektion und längeren Spielpause nicht für die Länderspiele nominiert wurde. Er habe aber am Samstag mit Robert Enkes Vater "ein längeres Gespräch" geführt, in dem ihm der Psychotherapeut "einige Dinge erklärt hat". Robert Enke litt seit Jahren an schweren Depressionen. "Wir hatten keine Chance, ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Wir dürfen uns keine Vorwürfe machen", schloss Löw.

Gegen die Elfenbeinküste am Mittwoch in Gelsenkirchen (20:45 Uhr) wird in Gedenken an den Torwart ein Trikot mit seinem Namen auf der Ersatzbank zwischen den Spielern liegen. Die Spieler werden Trauerflor tragen, die Partie mit einer Trauerminute beginnen und dabei Bilder aus der Karriere und dem Leben Enkes über die Video-Leinwand gezeigt. "Dann werden wir versuchen, uns zu konzentrieren", meinte Löw.

Teammanager Oliver Bierhoff kündigte in Düsseldorf an: "Wir werden versuchen, die Spieler zu unterstützen und zu helfen, wieder ein bisschen Lächeln und Hoffnung in die nächsten Tage zu bekommen. Das ist unsere Aufgabe. Der Anstoß zum Spiel am Mittwoch ist auch wieder ein Anstoß in den Fußball-Alltag."

"Der Kampf um die Plätze in einer Mannschaft ist wichtig"

Nachdem in den vergangenen Tagen häufig über den Leistungsdruck gerade im Hochleistungssport debattiert wurde, machte der Bundestrainer deutlich, dass weder die Nationalmannschaft noch ein anderes Profi-Team das Leistungsprinzip außer Kraft setzen kann. "Der Kampf um die Plätze in einer Mannschaft ist wichtig. Das wird auch in Zukunft so sein, das verlangen wir alle." Dennoch forderte er, dass man in einer Mannschaft die Möglichkeit haben solle, sich zu öffnen, Probleme anzusprechen. Man müsse auch mal "Mut zur Menschlichkeit" zeigen. "In der Nationalmannschaft ist das normalerweise auch der Fall." Löw wies darauf hin, dass er zusammen mit Jürgen Klinsmann seit 2004 den Sportpsychologen Hans-Dieter Hermann im DFB-Team integriert habe.

Der Tag hatte für ihn und die Nationalspieler mit einem Training in der Düsseldorfer Arena begonnen. Löw bat die Spieler zunächst zu einer mehrminütigen Ansprache auf dem Platz. Danach begannen die Spieler mit dem gewohnten Aufwärmprogramm. Torwarttrainer Andreas Köpke beschäftigte sich mit den Torhütern Manuel Neuer und Tim Wiese. Es herrschte eine spürbar gedämpfte Atmosphäre im Stadion.

"Wir werden sie die nächsten ein, zwei Tage beobachten, Gespräche führen und sehen, wer bereit ist, wer die Kraft hat, am Mittwoch eine gute Leistung zu bringen", sagte Löw. Er glaube aber, dass alle Profis dabei sein werden. Nur Michael Ballack wird wegen einer Entzündung im Knie ausfallen, der Kapitän fehlte auch im Vormittagstraining.

Zwanziger will "Zeichen setzen"

Unterdessen denkt DFB-Präsident Theo Zwanziger über einen finanziellen Beitrag zur Enttabuisierung von Depressionen nach. Eventuell solle ein Benefizspiel im kommenden Jahr stattfinden. "Wenn der sinnlose Tod von Robert Enke einen kleinen Funken Sinn haben soll, dann müssen wir jetzt versuchen, zu verhindern, dass zu viele Menschen in ähnlichen Lagen zurückbleiben", sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Zwanziger erklärte weiter: "Wir müssen klare Zeichen setzen. Wir können dabei helfen, ein gesellschaftliches Klima zu verändern, damit eine Tabuisierung der Depression, aber auch der Homosexualität unmöglich gemacht wird." Der 64-Jährige hatte schon bei der Trauerfeier im Stadion von Hannover am Sonntag an die Menschlichkeit im Profigeschäft appelliert und einen Blick über den Sport hinaus gefordert.

Erneut kritisierte Zwanziger den überhöhten Leistungsanspruch im Spitzenfußball: "Und wer Menschen zu Helden ohne Schwächen erheben will, macht sie damit zu Göttern. Aber das geht nicht", sagte der Jurist und erklärte: "Wir haben das Maß verloren." Er sei sehr für Leistungsförderung, man benötige Leistung und auch Vorbilder. "Wir müssen zu einer anderen Haltung kommen: Wenn du gut bist, strenge dich an, du kannst besser werden. Aber treibe dich nicht in Höhen, die nicht realistisch sind."

© sueddeutsche.de/mit Material von dpa
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