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DFB-Elf:Jérôme Boateng, der unersetzliche Charakterdarsteller

Fussball Herren Saison 2015 16 EM 2016 in Frankreich Halbfinale in Marseille Deutschland Fran

Für Boateng endete die EM im Halbfinale gegen Frankreich mit einem Muskelbündelriss.

(Foto: Matthias Koch/imago)

Der Verteidiger wird sich von seinem Muskelbündelriss nicht aus der Bahn werfen lassen. Weder der FC Bayern noch die DFB-Elf können auf seinen extrovertierten Stil verzichten.

Von Philipp Selldorf, Paris

Die nächste Bundesligasaison hat für Jérôme Boateng schon am Tag der Heimkehr nach Deutschland begonnen. Der Abpfiff des Halbfinalspiels gegen Frankreich in Marseille lag keine 24 Stunden zurück, da saß Boateng bereits in der Münchner Praxis von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und machte sich Sorgen, die Partie gegen Werder Bremen zum Auftakt der nächsten Spielzeit zu verpassen. "Es könnte knapp werden", teilte er dem Notfalleinsatzkommando des Bundesligasenders Sky mit, das vor der Tür auf den Patienten gewartet hatte.

Man könnte meinen, dass ein Fußballer andere Gedanken als das nächste Punktspiel haben sollte, nachdem er tags zuvor im Halbfinale einer Europameisterschaft gestanden hatte. Aber der Fußball hält niemals den Atem an, stets steht der nächste Ernstfall unmittelbar bevor. Deswegen hat Boateng die Diagnose, wie er sagte, "mit Erleichterung" zur Kenntnis genommen, "weil es nicht ganz so schlimm ist". Müller-Wohlfahrt, der als Arzt der Nationalmannschaft fungiert, nicht mehr jedoch als Arzt des FC Bayern, stellte einen Muskelbündelriss im rechten Oberschenkel fest. Die Bayern gaben daraufhin bekannt: "Der Saisonstart für Boateng ist aber nicht in Gefahr." Wer genau hinhört, mag zwischen der Mitteilung des Arbeitnehmers und der des Arbeitgebers gewisse Differenzen erkennen.

Noch ein bisschen mehr Weltstar als vorher schon

Andererseits ist es dem FC Bayern nicht zu verdenken, dass er auf Boatengs ständiges Mitwirken großen Wert legt, selbst wenn beim Saisonstart Ende August mit dem Besuch von Werder Bremen und Claudio Pizarro eine überschaubare Herausforderung ansteht. Aber Jérôme Boateng, 27, hat im Laufe der Europameisterschaft ein weiteres Stück Karriere gemacht, er ist jetzt noch ein bisschen mehr ein Weltstar des Fußballs als vorher. Er hat nicht nur in aller Selbstverständlichkeit die hohen Erwartungen erfüllt, die an seine Arbeit als Abwehrspieler gestellt werden.

Er hat sich auch als Persönlichkeit hervorgetan. Für seine öffentliche Profilierung als führender Charakterdarsteller des deutschen Fußballs musste er weder große Reden halten noch bedeutungsvolle Gesten erfinden, er musste auch nicht demonstrativ den gegnerischen Leithammel umtreten oder untergebene Mitspieler vorführen. Unter anderem das ist es ja, was ihn auszeichnet: dass er einen extrovertierten Spielstil hat, dass er aber nie wie ein Aufschneider und Angeber in Erscheinung tritt.

Boateng liebäugelt mit dem Kapitänsamt

Für ihn sei es gut zu wissen, "dass der Bär an meiner Seite ist", so hat sich der junge Aushilfs-Außenverteidiger Joshua Kimmich ausgedrückt. Die Aussage darf man auf die ganze deutsche Mannschaft übertragen. Boatengs Ausfall beim Stand von 0:1 hatte dem Team eine tragende Autorität genommen. Zehn Minuten später fiel unter Beteiligung nahezu der kompletten Abwehrreihe - Manuel Neuer inbegriffen - das 0:2, der Gegentreffer war das Ergebnis einer auf Unsicherheit gründenden Fehlerkette und das Zeugnis von Boatengs Abwesenheit.

Ende August bringt der nächste Pflichttermin die Nationalmannschaft wieder zusammen. Auf das Testspiel gegen Finnland (in Mönchengladbach), folgt vier Tage später das Auswärtsspiel in Norwegen, der erste Beitrag zur WM-Qualifikation. Für Boateng könnte es, siehe oben, knapp werden. In der Debatte, die rund um die Länderspieltage möglicherweise geführt wird, dürfte er trotz Abwesenheit sehr präsent sein.

Noch ist nicht bekannt, ob Bastian Schweinsteiger die Karriere in der Nationalmannschaft fortsetzen möchte. Mit einer endgültigen Entscheidung wird er sich gewiss noch etwas Zeit lassen, zumal er zunächst andere Aufgaben zu erledigen hat - namentlich die Hochzeit mit der Tennisspielerin Ana Ivanovic. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass sich Schweinsteiger schweren Herzens den Zeichen der Zeit fügt. Am 1. August wird er 32 Jahre alt. Sollte er seinen Dienst im DFB-Team quittieren, dann wäre ein Ehrenamt von nationaler Wichtigkeit zu vergeben - und Jérôme Boateng gehörte zu den ersten Kandidaten.

Manuel Neuer hat zwar seit der EM in der Rolle des Stellvertreters öfter die Kapitänsschleife getragen als der Amtsinhaber Schweinsteiger. Daraus ergibt sich aber keine zwangsläufige Nachfolgeregelung. Im Falle von Schweinsteigers Rücktritt würde der Bundestrainer die Stelle wohl neu ausschreiben. Boateng hat nie geleugnet, dass er liebend gern Kapitän der Nationalelf werden möchte, auch aus übergeordneten Gründen: "Als erster farbiger Kapitän wäre das mit Blick auf die Integration auch ein starkes Zeichen nach außen", so hat er es in diversen Interviews mehr oder weniger wortgleich gesagt. Ein bisschen Wahlkampf mag da schon im Gange sein, politische Argumente braucht Boateng aber kaum, um gegen potenzielle Konkurrenten wie Sami Khedira oder Manuel Neuer zu bestehen.

Pogba würde für Boateng stimmen

Paul Labile Pogba würde, wenn er dürfte, Jérôme Boateng wählen. "Er ist der King, er ist DER Spieler", teilte der französische Star aus Marseille mit, nachdem er den deutschen Verteidiger nach dem Halbfinale in der Kabine der deutschen Mannschaft tröstend in den Arm genommen hatte. Und wer würde dieser Tage Monsieur Pogba widersprechen wollen?

© SZ vom 10.07.2016/schma

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