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DFB-Elf gegen Aserbaidschan:Schürrle profitiert von Löws Wellness-Oase

  • Erstmals seit dem 11. Oktober 2015 spielt André Schürrle wieder von Beginn an im DFB-Team - und ist der Mann des Abends.
  • Ihn Dortmund ist der Angreifer oft nur Ersatz. Dass er bei Joachim Löw startet, zeigt: Der Bundestrainer versteht seine Mannschaft nicht als reines Eliteteam.
  • Auch Thomas Müller und Joshua Kimmich hilft dieser Ansatz.

Von Claudio Catuogno, Baku

Joachim Löw liebt seine Gewohnheiten, das weiß man nicht erst, seit er vor Länderspielen immer mal wieder mit einem Pappbecher Espresso durchs Stadion läuft. Insofern hielt dieser Abend von Baku eine Überraschung bereit. Die liebste aller Gewohnheiten des Bundestrainers ist ja folgende: Immer in der zweiten Halbzeit wechselt er André Schürrle ein. Man darf dahinter eine Art Suchtverhalten vermuten: So um die 70. Minute sinkt der Schürrle-Pegel in Löws Blut, was er sofort mit einer Dosis Schürrle bekämpft. Doch nun kam die 80. Minute, die 90. - Löw wechselte Schürrle nicht ein. Das lag daran, dass Schürrle längst auf dem Platz stand.

Schürrle von Beginn an, dass hatte es am 11. Oktober 2015 das letzte Mal gegeben, bei einem 2:1 gegen Georgien. Insofern wurde man in Baku nun Zeuge zweier sehr seltener Ereignisse: In der 19. Minute erzielte Schürrle ein Tor, in der 36. bereitete er ein weiteres per vorzüglichem Schnittstellen-Pass auf Thomas Müller vor (in der 81. traf er später auch noch zum 4:1). Tore hatte Schürrle schon vorher erzielt, laut DFB-Statistik 20, und als Vorbereiter hat er sich mit einer Flanke in der Fußballgeschichte verewigt, die er 2014 in Rio auf Mario Götze schlug. Aber in der ersten Halbzeit gelangen Schürrle solche Dinge bisher selten. Wie auch, auf der Ersatzbank.

"Ich weiß schon, was manche Spieler für Fähigkeiten haben"

Löw hat die Entscheidung für Schürrle also nicht bereut. Überraschend war sie dennoch. Seit seinem Wechsel von Wolfsburg nach Dortmund im Sommer 2016 hat er eine schwierige Zeit hinter sich. Zunächst verpasste er wegen einer Innenbanddehnung im Knie einen Teil der Vorrunde. Danach musste er feststellen, dass ihm sein Trainer Thomas Tuchel in der Offensive andere hoch veranlagte Spieler vorzieht: Dembelé, Reus, Guerreiro, Pulisic. Zuletzt durfte Schürrle immerhin häufiger als Back-up für den Mittelstürmer Pierre-Emerick Aubameyang ran. Schürrle verhilft das immerhin zu einigen Einwechslungen. Er ist zwar kein Stürmer. Aber als Einwechselspieler kennt er sich prima aus.

Was ihn nun in Baku für die Startelf qualifizierte? Sicher auch, dass Mesut Özil zunächst noch geschont wurde. Aber nicht nur. Löw hat seine Nationalelf nie nur als Eliteteam verstanden - immer auch als eine Art Wellnessaufenthalt für Spieler, die mal etwas Abstand brauchen von daheim. Wobei die Wellness darin besteht, dass sich die Spieler bei Löw abrackern dürfen, während sie das Auf-der-Bank-Sitzen im Verein als Pein empfinden. "Ich weiß schon, was manche Spieler für Fähigkeiten haben", sagte Löw in Baku, "und wenn ich von den Fähigkeiten dieser Spieler überzeugt bin, dann bin ich auch bereit, sie mal durch eine Situation zu führen, in der sie im Verein nicht so zum Zug kommen."

Das galt am Sonntag auch für Thomas Müller, der angesichts von nur zwei Saisontoren in der Liga beim FC Bayern fast nur noch in den weniger wichtigen Spielen berücksichtigt wird. In der Nationalelf trifft er weiter regelmäßig, auch in Baku wieder. Und es galt für Joshua Kimmich. Der kommt in München unter Carlo Ancelotti kaum noch zum Zug. In der Nationalelf hat er als einziger deutscher Spieler in den letzten zwölf Partien keine einzige Spielminute verpasst.

© SZ vom 27.03.2017/chge

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