WM-Aus der Nationalelf:Verzeiht man ihnen die Blamage?

Löw gestand: "Wir hatten es nicht verdient, ins Achtelfinale zu kommen." An diesem "sehr, sehr traurigen Abend" (Sami Khedira) fiel es schwer zu glauben, dass die Deutschen ihrem Weltmeistertrainer so eine vollendete Blamage verzeihen würden. Doch Jogi Löw darf selbst entscheiden, ob er sich für stark genug hält, auch künftig das Nationalteam zu coachen - notfalls gegen ein Fußball-Volk, das ihm gerade schlecht gesonnen ist.

Reinhard Grindel hat die Position des DFB klargestellt, als er vor und nach dem Spiel gegen Südkorea auf das bestehende Vertragsverhältnis verwies und den Willen, den erst kürzlich bis 2022 verlängerten Vertrag einzuhalten. Der Verband will mit Löw weiterarbeiten, das ist Grindels Botschaft, doch das ist nicht als Garantieerklärung zu verstehen, sondern als Angebot, und darauf soll Löw jetzt schnell und entschlossen reagieren.

Grindel hat Löw beim Gespräch in Watutinki nach der Heimkehr aus Kasan zwar keine Frist gesetzt, aber Erwartungen formuliert. Bis Anfang der nächsten Woche möchte er Klarheit haben. Löw muss sich schneller entscheiden, als ihm das womöglich recht ist. Nach der EM 2012, als man ihm das Halbfinal-Aus gegen Italien anlastete, tauchte er so lang ab, dass ihn manche beim DFB für verschollen erklären wollten. Einzig den Präsidenten Wolfgang Niersbach ließ er zum Zwiegespräch vor. Damals kehrte Löw kämpferisch zurück, jetzt müsste er im Alter von 58 Jahren einen sehr viel anspruchsvolleren Neuanfang herstellen.

"Ich habe die Verantwortung und stehe auch dazu", sagte Löw in Kasan. Dazu sollte man allerdings wissen: Er hängt an dem Job, den er seit 2006 hauptamtlich versieht. Er weiß, dass es für ihn keinen besseren geben kann. Dass er neulich den neuen Vertrag unterzeichnet hat, das war ja nicht nur eine gnädige Erwiderung der Avancen des DFB-Präsidenten, der sich an dieser Front Ruhe verschaffen wollte. Es war auch das Bekenntnis, dass er in dieser Trainer-Tätigkeit alt und grau werden möchte.

Ob er sich den Posten weiterhin zutraut, das hängt nun auch von den öffentlichen und internen Reaktionen auf das Scheitern in Russland ab. "Man hat nicht gemerkt, dass wir hier eine Weltmeisterschaft spielen", hat Manuel Neuer in der Kasan-Arena gesagt - ein radikales Urteil, das logischerweise auch dem Trainer gilt. Die Gemeinheiten und Polemiken, die jetzt kämen, die könne man "nicht zurückweisen, weil wir mit heruntergelassener Hose dastehen", räumte Thomas Müller ein.

2004 ist Löw, unter anderem wegen des Lettland-Desasters, zum DFB gekommen. Er war Teil der Revolution, die Jürgen Klinsmann damals ausgerufen hatte, doch er ist längst nicht der einzige Übriggebliebene. Der Teampsychologe Hans-Dieter Hermann, der schweizerische Chefscout Urs Siegenthaler, die amerikanischen Fitnesstrainer Shad Forsythe und Mark Verstegen, der Torwarttrainer Andreas Köpke und der Manager Oliver Bierhoff - die Revolutionäre sind zum Establishment geworden beim DFB. Da wird sich etwas ändern, auch wenn Löw sich entschließen sollte, weiterzumachen. Weitermachen wie bisher, das geht eher nicht mehr.

Im Flugzeug nach Frankfurt herrschte dann viel Verkehr, nachdem es endlich losgeflogen war. Der halbe DFB-Tross kam bei den Journalisten in den hinteren Sitzreihen vorbei, Trainer, Spieler, Betreuer, Funktionäre. Aber das lag bloß daran, dass die Toiletten im vorderen Teil defekt waren. Was für eine WM.

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