DFB-Elf bei der Fußball-EM Plötzlich geht vorne richtig viel

Sehr viel mehr kam allerdings nicht mehr von den Nordiren. Dafür hatte Özil drei Minuten später schon die nächste Fast-Lösung auf dem Fuß - trat aber nach feinem Dribbling am Ball vorbei. Und so ging es weiter: Götze (von drei Nordiren bedrängt), Kimmich im Nachschuss (zu lässig) - Löws lösungsorientierte Elf verhalf der beliebten Fanfloskel "Den musser machen" zu unverhoffter Popularität.

Auch Gomez fand rasch in die Partie: Er ließ den Ball mit der Brust zu Müller prallen - der schoss knapp am langen Pfosten vorbei (23.). Müller setzte dann noch einen Flugkopfball knapp neben das Tor, bedient hatte ihn erneut Kimmich mit einer scharfen Hereingabe (27.). So langsam schien sich da aber bereits die Sorge breit zu machen, dass man allzu verschwenderisch mit den Torchancen umging.

Fußball-EM Blaszczykowski zwirbelt Polen weiter
Fußball-EM

Blaszczykowski zwirbelt Polen weiter

Das gab es seit 30 Jahren nicht mehr: Polen beendet die Gruppenphase wie der DFB mit einem 1:0-Sieg - und erreicht nach ewiger Zeit wieder ein EM-Achtelfinale. Dort wartet ein machbarer Gegner.   Von Ulrich Hartmann, Marseille

Waren die Lösungen doch nur Scheinlösungen? Keineswegs! Gomez' 1:0 kurz darauf vereinte alles, was den Deutschen bisher gefehlt hatte: einen Steilpass von Özil, eine präzise Weiterleitung von Gomez, einen unkonventionellen Diagonallauf von Müller, der den Ball zurück auf Gomez legte - und auch das bisher vermisste Glück im Abschluss. Kurz darauf traf Müller dann aber schon wieder die Latte. Und neben der Erkenntnis, dass die DFB-Elf nun angekommen zu sein schien im Turnier, verfestigte sich auch die Gewissheit, dass sie auf einen derart limitierten Gegner nicht mehr treffen wird.

Der Trainer Michael O'Neill kann, wie er sagt, ja überhaupt nur aus "33 bis 40 Profis" auswählen für seine Green and White Army, weil es halt nicht mehr Profis gibt in dem 1,8-Millionen-Einwohner-Land. Nur zu kämpfen, zu laufen und auf seine Standard-Stärke zu bauen - gegen den Weltmeister war das deutlich zu wenig.

Die zweite Halbzeit war dann zunächst davon geprägt, dass Mario Götze sich mehrere sehenswerte Chancen erarbeitete, es begann nun Götzes stärkste Phase - was seine Rolle im Team aber nicht gefestigt hat. Weil auch er alle Chancen vergab. An der Seitenlinie wurde Löw entsprechend ungehalten und wechselte Götze gegen André Schürrle aus (55.), Bastian Schweinsteiger kam bald darauf für Khedira (69.). Die Torgefahr blieb erhalten: Müller per Kopf, Gomez knapp am Ball vorbei, Kimmich wurde immer besser, Özil scheiterte aus der Distanz. Und so weiter.

Löw trat gegen das Eisenblech.

Rilkes Panther-Gedicht ist vielleicht nicht die schlechteste Vorlage für diese Elf. "Wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht." Betonung, bisher, auf "betäubt".


Quelle: Opta