DFB: Einzelkritik:Mit Raketentempo Richtung Spandau

Die deutsche Elf überzeugt inklusive der FC-Bayern-Krisengruppe mit zunehmender Spielzeit in (fast) allen Mannschaftsteilen - eine Einzelkritik.

Christof Kneer und Philipp Selldorf

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EM-Qualifikation Deutschland - Türkei

Quelle: dpa

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WM-Müdigkeit? War das was? Ach, Schmarrn, die deutsche Elf überzeugt mit zunehmender Spielzeit in (fast) allen Mannschaftsteilen - eine Einzelkritik

Manuel Neuer

Vom Berliner Publikum mit ohrenbetäubenden Pfiffen empfangen, als er als Vorhut seiner Mannschaft den Platz betrat. Grund: Er ist Schalker, und die Hertha-Fans mögen Schalke nicht. Noch ein Grund: Er ist kein Türke, und die Türken gaben im Olympiastadion den Ton an. War für die vermutlich längste Halbzeit-Nachspielzeit der EM-Qualifikationsgeschichte verantwortlich (plus fünf Minuten), weil sein unfreiwilliger Flugparaden-Check gegen Servet für eine lange Unterbrechung sorgte. Halten musste er in den 50 Minuten der ersten Hälfte trotzdem nichts. Durfte nach der Pause aber zeigen, dass er was kann: Verkürzte gegen Halil Altintop perfekt den Winkel.

EM-Qualifikation Deutschland - Türkei

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Philipp Lahm

Nach seiner persönlichen Berechnung fehlen ihm "noch ein, zwei Prozent" zur vollen Leistungsfähigkeit. Dieser eklatante Mangel war ihm jedoch höchstens zu drei, vier Prozent anzumerken. Suchte und fand immer wieder den direkten Weg nach vorn, offensichtlich in telepathischer Verbindung mit dem Flügelpartner Thomas Müller. Profitierte dabei auch von weitgehender Unterbeschäftigung in der Defensive. Das Führungstor resultierte typischerweise aus einer gelungenen Zusammenarbeit mit Müller, den Lahm mit der passgenauen Flanke versorgt hatte. Sehr agil, sehr beweglich. WM-Müdigkeit? Welche WM-Müdigkeit?

Germany v Turkey - EURO 2012 Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Per Mertesacker

Ist nicht kleiner geworden seit der WM, wo ihn die südafrikanischen Zeitungen "Abwehrlatte" tauften. Sein etwas behäbiger Bewegungsablauf wäre eigentlich ein Angebot für die wuseligen türkischen Angreifer gewesen - die forderten ihn aber zunächst eher selten. Wagte sich ein-, zweimal nach vorne, wo er im Kopfballspiel seine Lattenqualität einbrachte. Stand bei Altintops Chance aber ebenso windschief im Raum wie Badstuber. Insgesamt zuverlässig.

Deutschland - Tuerkei

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Holger Badstuber

Ist auch nicht kleiner geworden seit der WM, darf aber auf einer anderen Position spielen. Hinten links durfte sich diesmal Westermann abmühen, stattdessen führte Badstuber im Zentrum die Gnade des langen Haxens vor. Rettete einige Male mit langem Schritt. Profitierte wie die Latte neben ihm davon, dass Halil Altintop als einziger echter Angreifer im Angesicht der deutschen Abwehrriesen meist schüchtern auftrat. Sehr seriös für einen so jungen Burschen.

Germany v Turkey - EURO 2012 Qualifier

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Heiko Westermann

Erhielt den Vorzug vor Jerome Boateng, was Joachim Löw möglicherweise bald bereute. Mehrmals veranstaltete Westermann unfreiwillige Umschaltübungen in der Defensive, zwang die Mitspieler mit unsauberen Pässen aus der Vorwärts- in die Rückwärtsbewegung. Kann bestimmt ein, zwei Prozent besser spielen. Vor allem des Balltechnik des Kapitäns des Hamburger SV gab zu denken, versuchte sich nach ein paar Minuten an der womöglich ersten Kurzpass-Kombination seines Lebens. Ergebnis: Einwurf für Türkei. Als Verteidiger machte er die bessere Figur: aufmerksam, zäh, eng am Gegner.

EM-Qualifikation Deutschland - Türkei

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Sami Khedira

In Abwesenheit von Jose Mourinho, Michael Ballack und Bastian Schweinsteiger empfand er das Gefühl großer Freiheit. Wagte sich anfangs weit nach vorn und gab einen Spielmacher aus der Tiefe, wobei die Tiefe gelegentlich an den gegnerischen Strafraum heranreichte. Wirkte zunächst cool und charismatisch wie Mourinho, drosselte mit zunehmender Dauer seinen Vorwärtsdrang und ließ seinem Nebenmann Kroos den Vortritt. Erschien in seinem Handeln abgeklärt wie ein 30-Jähriger - womöglich beschleunigt Mourinhos strenges Regime den Alterungsprozess.

EM-Qualifikation Deutschland - Türkei

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Toni Kroos

Benötigte bis zur Spätphase der ersten Hälfte, um sich auf der ungewohnten Position zu akklimatisieren. Fand bis dahin nicht zum präzisen Spiel, das ihn sonst hervorhebt. Seine Eckbälle und Freistöße bedeuteten allerdings einen Fortschritt fürs Team, die schlägt er um ein-, zweihundert Prozent besser als Bastian Schweinsteiger, den er in der Startreihe vertreten durfte. Der 20-Jährige genoss zunehmend die Gnade der späten Geburt: Ließ nebendran den alten Khedira, 23, für sich schaffen.

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Quelle: AFP

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Thomas Müller

Reiste als Mitglied der Bayern-Krisengruppe in die Hauptstadt, wovon im Spiel zunächst aber nichts zu sehen war. Über Müller - und das Krisengruppenmitglied Lahm - liefen über die rechte Seite die deutschen Angriffe. Im Dribbling gelegentlich unglücklich, aber das ist ihm wurscht, das ist ohnehin nicht sein Spiel. Gefährlich war er trotzdem. WM-Müdigkeit? Ach, Schmarrn. Na ja: Ein bisschen.

Deutschland - Tuerkei

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Mesut Özil

Wurde ebenfalls mit ohrenbetäubenden Pfiffen empfangen. Grund: Er spielt für Deutschland. Die Pfiffe begleiteten ihn bei jeder Ballberührung, was ihn nicht davon abhielt, den ersten gefährlichen Torschuss abzugeben. Litt zunächst unter dem eher statischen deutschen Aufbauspiel, er fand keine Anspielstationen, musste den Ball lange führen, was die Dauer die Pfiffe erhöhte. Nahm sich die Pfiffe anscheinend zu Herzen, wirkte eher nicht so cool wie sein Klubcoach Mourinho. Fand später zu mehr Sicherheit und Kreativität mit einigen kleinen, feinen Aktionen, vor allem sein effektives Zusammenspiel mit Podolski besserte das Bild deutlich. Wurde für seine Courage durch das Tor zum 2:0 belohnt. Verzichtete aus Anstandsgründen auf Jubelgesten.

EM-Qualifikation Deutschland - Türkei

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Lukas Podolski

Schien erst später eingewechselt worden zu sein. Bis er in der 19. Minute durch eine robuste Balleroberung gegen Halil Altintop auffiel, hatte ihn noch keiner gesehen. Wenig später die Chance zum 1:0 - doch sein Volleyschuss flog mit Raketentempo Richtung Spandau. Gerüchten zufolge soll er sich selbst auch eine Weile in Spandau aufgehalten haben. Ob das stimmt, ist nicht bewiesen. Im Spiel war er jedenfalls nicht. Spätestens in der 63. Minute war er aber von seinem Ausflug zurück: Da klärte er wertvoll am eigenen Strafraum. Sorgte später durch eine fahrlässig vergebene Chance für den spektakulärsten Wutanfall in der Geschichte des Joachim Löw.

Germany v Turkey - EURO 2012 Qualifier

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Miroslav Klose

Machte als einsamer Kämpfer in der Spitze auch vor dem türkischen Torwart nicht halt. Das lohnte sich nicht nur wegen des Fleißkärtchens, das er sich für seinen Einsatz verdiente. Machte das, was ein echter Mittelstürmer machen muss: Staubte zum 1:0 ab, womit er in der ewigen DFB-Torjägerliste nun alleiniger Zweiter hinter Gerd Müller ist. Fügte später noch sein 57. Länderspieltor hinzu. Gerd Müller hat 68. Da geht noch was! Und dies, obwohl Miroslav Klose es - wie so oft - mitunter übertrieb mit seiner Selbstlosigkeit. Aber WM-Müdigkeit? Wer behauptet denn sowas?

© SZ vom 9.10.2010/jbe
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