Süddeutsche Zeitung

DFB-Boss Wolfgang Niersbach:Vermittler zwischen Erde und Planet Jogi

Lesezeit: 3 min

Wolfgang Niersbach ist als DFB-Präsident wiedergewählt worden. Die Bilanz seiner Tätigkeit fällt positiv aus. Vor allem im Verbandsinneren hat der Zwanziger-Nachfolger vieles geradegerückt, zudem soll Deutschland die EM 2024 bekommen - doch es gibt noch einige Baustellen.

Von Johannes Aumüller, Nürnberg

Wolfgang Niersbach wandte sich ausgesprochen höflich an Michel Platini. Mit "Mon Ami" begrüßte er ihn, dann mit "Cher Michel", und dann sogar mit "Très Cher Michel". Und weil der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dabei verschmitzt lächelte, deutete sich an, dass die folgende Begrüßungsrede mehr enthalten könnte als die üblichen Floskeln.

Also sprach Niersbach noch ein bisschen weiter, und dann teilte er dem Chef der Europäischen Fußball-Union (Uefa) mit, was in sportpolitischen Kreisen mehrfach zu vernehmen war: Dass sich Deutschland für die Austragung der Europameisterschaft 2024 bewerben wolle.

Eineinhalb Jahre ist es nun her, dass Niersbach an die Spitze des DFB rückte, an diesem Freitag haben ihn die Delegierten des Bundestages im Amt bestätigt - ohne Gegenkandidaten, wie sich das halt für einen anständigen Sportverband gehört. Niersbach hätte wohl auch so ein tolles Ergebnis erreicht, doch als zusätzliche Motivation für eine Ja-Stimme hat er den Delegierten also noch zwei kleine Geschenke mitgebracht.

Das erste erfolgte bereits letzte Woche, als er in der Verbandszentrale in Frankfurt den Vertrag mit Bundestrainer Joachim Löw verlängerte - und das zweite eben jetzt zur Eröffnung des Bundestages. Denn auch wenn Michel Platini vergnügt sagte, er sei bezüglich der Wahl neutral, wissen die DFB-Strategen doch: Die Chancen, dass Deutschland sich für die EM 2024 nicht nur bewirbt, sondern sie auch bekommt, sind sehr hoch.

Diese beiden Geschenke stehen auch stellvertretend für das grundsätzliche Wirken von Wolfgang Niersbach. Nationalmannschaft und Löw, Platini und EM 2024, die großen Dinge des Fußballs sind seine Welt. Er sitzt gerne neben dem Bundestrainer auf einem Podium oder auf den Tribünen der Erstliga-Stadien, er zitiert gerne Bonmots seines alten Kompagnons Franz Beckenbauer und andere Anekdoten aus der Vergangenheit.

Zu aktuellen emotionalen Streitfragen, wie jüngst den Debatten um die Auslegung der Handspiel-Regel oder der Dreifach-Bestrafung nach einem Foul im Strafraum, leistet er gerne einen Beitrag. Und er kann in der Tat für sich reklamieren, die Situation rund um die Nationalmannschaft clever moderiert zu haben. Er hat den "Planeten Jogi", der früher mal ein ziemlich eigenständiges Leben führte, wieder näher an den Verband gerückt; und er hat mit der vorzeitigen Vertragsverlängerung verhindert, dass bis zur WM 2014 ein mediales Dauerthema entsteht.

Doch als DFB-Chef gibt es auch noch einige andere Tätigkeitsfelder, und in denen fällt die Bewertung von Niersbach erster Amtszeit deutlich anders aus. Das betrifft vor allem den gesellschaftspolitischen Bereich. Vorgänger Theo Zwanziger hatte diese Aufgaben des DFB betont, und sich in einer Mischung aus Überschwang und Naivität dabei bisweilen gar zu einer Art Nebenkanzler aufgeschwungen, der der echten Kanzlerin schon mal Lösungen für die Griechenland-Krise unterbreitete.

Kritiker wünschen sich mehr Klarheit

Von Niersbach sind bisher keine Lösungsvorschläge für die Griechenland-Krise bekannt, aber auch nur wenige andere Initiativen. Niersbach selbst fühlt sich diesbezüglich zwar "nicht korrekt bewertet" und sagt, es sei "nichts liegen geblieben", doch viele Kritiker wünschen sich ein klareres Profil.

Auch fußballintern gibt es einige Baustellen. Schon ewig debattiert der DFB über ein Leistungszentrum, doch ob es jemals kommen wird, ist immer noch ungewiss; die strukturierte Nachwuchsarbeit ist zumindest erschwert, weil es seit dem Abschied von Robin Dutt keinen Sportdirektor gibt und auch erst nach der WM 2014 in Gestalt von Hansi Flick ein neuer kommt; dabei stehen schon jetzt maßgebliche Entscheidungen an.

Die Probleme des Amateurbereichs hat Niersbach zumindest noch so rechtzeitig vor dem Bundestag entdeckt, dass er dort eine 2,5 Millionen Euro teure Kampagne für die Aufwertung des Ehrenamtes vorstellen und den Mitgliederschwund bei den Zehn- bis 14-Jährigen thematisieren will.

Zudem fällt auf, wie konfliktscheu Niersbach ist. Harmonie in der Fußballfamilie ist ihm wichtig, national wie international. In der Verbandszentrale hat er nach den unruhigen Schlusstagen der Zwanziger-Ära ein Team von loyalen Mitstreitern um sich geschart. Als sich rund um die Suche nach einem neuen Sportdirektor ein Konflikt zwischen DFB und Deutscher Fußball-Liga (DFL) entspann und DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig via FAZ einen heftigen Angriff auf den DFB fuhr, hielt sich Niersbach in der Öffentlichkeit zurück.

Auch bei den Eskapaden der Fifa tut er das in der Regel, seien es die Berichte über menschenunwürdige Zustände auf den Baustellen für die WM 2022 oder das Wissen von Sepp Blatter über Zahlungen der ISL; andere wie der DFL-Chef Reinhard Rauball melden sich da eher zu Wort.

Zur Uefa wiederum sind ohnehin keine kritischen Einlassungen zu erwarten, die führt schließlich sein enger Freund Michel Platini, als dessen Nachfolger er bisweilen schon gehandelt wird, was derzeit aber eher unwahrscheinlich erscheint. Aber dafür erhöht Niersbachs Auftreten die Chancen, dass die Deutschen die EM in elf Jahren tatsächlich bekommen.

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SZ vom 25.10.2013/jbe
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