Abschied vom DFB:Köpke wählt die elegante Lösung

Weltmeister 2014: Andy Köpke, Jogi Löw und Hansi Flick

Weltmeister 2014: Andy Köpke (li.) nach seinem größten DFB-Triumph an der Seite von Jogi Löw. Der neue Bundestrainer Hansi Flick (re.) muss ohne Köpke planen.

(Foto: Markus Gilliar/dpa)

Mit Löw begonnen, mit Löw gegangen: Nach 17 Jahren bei der Nationalelf hört Torwarttrainer Andreas Köpke auf. Wie seine Nachfolge gestaltet wird, könnte für Diskussionen sorgen.

Von Philipp Selldorf

Was man Andreas Köpke spätestens seit dem 30. Juni 2006 nicht absprechen darf, ist das Vorhandensein einer eigenen Handschrift. An jenem Tag setzte er sich in seinem Zimmer im "Schlosshotel Grunewald" an den Schreibtisch, um den mutmaßlich berühmtesten Notizzettel der Nachkriegsgeschichte anzufertigen. Zwar hat der Empfänger der Aufzeichnungen deren Bedeutung später heruntergespielt. Aber als Legende taugte das Manuskript allemal, weshalb es nun als Exponat im "Haus der Geschichte" in Bonn verwahrt wird.

Nationaltorwart Jens Lehmann hatte am besagten 30. Juni angeblich Schwierigkeiten, das Dokument zu entschlüsseln, was aber nicht an Köpkes womöglich unsauberer Handschrift lag, sondern am Werkzeug - der Torwarttrainer des DFB hatte den blass malenden Bleistift des Hotels benutzt, um auf dem Zettel die bevorzugten Ziele der argentinischen Elfmeterschützen zu notieren. Als Lehmann nun im Shootout des WM-Viertelfinalspiels vom geheimen Informationsmaterial Gebrauch machen wollte, konnte er die Buchstaben kaum erkennen. "Andy, warum schreibst du mit Bleistift?", dachte sich Lehmann, "das kann doch kein Mensch lesen."

Köpke, 59, war damals noch keine zwei Jahre im Dienst, er konnte nicht ahnen, dass noch weitere 15 Jahre folgen sollten. Erst jetzt, nach 17, ist seine Zeit als BTT, als Bundestorwarttrainer, an ihr Ende gelangt. Den Zeitpunkt hat Köpke selbst bestimmt, sein Vertrag mit dem Verband hätte noch bis zur WM 2022 in Katar Gültigkeit gehabt, und der neue Bundestrainer Hansi Flick hatte bisher keine Signale gesendet, daran etwas zu ändern. "Ich bin mit Jogi (Löw) gekommen und werde nach 17 Jahren mit ihm gehen", teilte Köpke der Agentur dpa mit, nachdem abends zuvor die Frankfurter Rundschau seinen Abschied vermeldet hatte. Was Köpke sonst noch Bedeutsames mitzuteilen hatte: "Jetzt gehe ich erst einmal in Urlaub."

Als Betroffener bleibt Oliver Bierhoff zurück

In einem Statement, das der DFB am Mittwoch verbreitete, sprach Köpke außerdem von den "neuen Impulsen", die in der nächsten Bundestrainer-Epoche vonnöten sein, "weswegen ich mich entschieden habe, nicht mehr zur Verfügung zu stehen". Kenner des DFB-Betriebs interpretieren den Entschluss als Geste an Löw, dem Köpke stark verbunden war, und als elegante Lösung, bevor er womöglich jemandem lästig fiele: "Es war eine gute Gelegenheit für ihn, durch die Tür zu gehen", heißt es.

Als Betroffener bleibt der Manager, Mannschaftsbus-Sitznachbar und enge Freund Oliver Bierhoff zurück. Zugleich formiert sich im Nationalteam das neue Trainergespann: Neben Flick und dem im Job verbleibenden Assistenten Marcus Sorg, 55, wird Danny Röhl, 32, der dritte Mann sein. Er hatte zuletzt bereits in München mit Flick zu tun, zuvor war er als Analyst und Co-Trainer in Leipzig und bei Ralph Hasenhüttl in Southampton.

Manuel Neuer, der mit Köpke seit dem Debüt 2009 zusammenarbeitete, erfuhr während des Urlaubs in den Alpen vom Abschied des Spezialtrainers. Selbstredend hat sich Neuer nach dem deutschen EM-Aus nicht in irgendeine Strandliege verzogen, stattdessen macht er in seinen Ferien Höhenmeter auf dem Fahrrad und in Wanderstiefeln. Mit Köpke hat ihn naturgemäß kein so enges Verhältnis verbunden wie mit seinem Münchner Heimtrainer Toni Tapalovic, den er aus Gelsenkirchen hatte importieren lassen. Überlegungen, ob sich diese Kooperation auch auf die Nationalmannschaft übertragen ließe, soll es mal gegeben haben, der FC Bayern lehnte jedoch ab.

Wäre es allein nach Köpke gegangen, hätte ter Stegen wohl mehr als bloß 25 Länderspiele gemacht

Das Modell könnte aber noch mal aktuell werden, wenn es um den Nachfolger für Köpke geht. Die Sache wäre dann aber gleich doppelt kritisch: Für die Bayern, selbst wenn der neue Mann nicht hauptamtlich, sondern als Honorarkraft beim DFB beschäftigt werden sollte - und für Marc-André ter Stegen, der es sicher nicht lustig fände, wenn sein Rivale den Privatlehrer zur Nationalelf mitbringen dürfte. Offenkundig wird der Zweikampf ja noch eine Weile weitergehen: Neuer, 35, will mindestens die November 2022 anstehende WM bestreiten, gern auch die EM 2024 in Deutschland. Ter Stegen, 29, will ins deutsche Tor, bevor ihm graue Haare wachsen.

Die Konkurrenz der beiden Spitzentorhüter hatte Köpke immer als Dilemma empfunden: Er hat Sympathien für ter Stegen und dessen manchmal strengen Ehrgeiz, er mag aber auch Neuer und dessen Ruhe und Souveränität. Außerdem hat er in seiner eigenen Torwart-Zeit selbst das Los des unverdienterweise zweiten Mannes ertragen müssen, während Bodo Illgner bei der EM 1992 und der WM 1994 die Nummer eins war. Wäre es allein nach ihm gegangen, hätte ter Stegen wohl mehr als bloß 25 Länderspiele gemacht. Aber Köpke war eben auch ein sehr loyaler Mitarbeiter, der seinem Chef keine Probleme machen wollte.

All die Jahre hat sich Köpke nicht nur hoher Beliebtheit im Kreis des Nationalteams erfreut, sondern auch an einem Job, um den ihn mancher beneidete, der so gern darüber spottete. Aufwand und Einkünfte standen in einem für den Arbeitnehmer günstigen Verhältnis. Ob das künftig auch wieder so sein wird oder sein muss, darüber hat außer Bierhoff und Flick auch der DFB zu entscheiden.

© SZ/mok/ska
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