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DFB:Beben mit Mogelpackung

Rainer Koch und Fritz Keller

Protagonisten im DFB-Machtkampf: Der Vizepräsident Rainer Koch (links), der bald erneut die Interimsführung des Verbandes übernimmt, und Präsident Fritz Keller, der seinen baldigen Rückzug angekündigt hat.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Finale im DFB-Machtkampf: Präsident Keller und General Curtius kündigen ihren Rückzug an. Doch nun übernimmt interimsmäßig just Vize Koch, obwohl der in der Berateraffäre eine so zentrale Rolle spielt.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Es lässt sich kaum noch zählen, wie viele Krisensitzungen es zuletzt rund um den Deutschen Fußball-Bund gegeben hat. Ein gigantischer Machtkampf lähmt den DFB seit Monaten, und der Verfall des einst so stolzen Verbandes ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Politiker und Konzernmanager von VW bis Adidas kommentierten zuletzt schon, wie die mächtigsten Funktionäre des mit sieben Millionen Mitgliedern weltgrößten Sportverbandes agieren - und wie sie mit aller Macht um ihre Posten kämpften.

Am Dienstag stand nun zum wiederholten Mal eine Krisensitzung an. Wichtige Amateurvertreter schlossen sich kurz, nach SZ-Informationen glühten die Drähte zwischen Vertretern aus dem Amateur- und dem Profilager, und bei einer weiteren Präsidiumssitzung am Abend kam es tatsächlich zu weitreichenden Ankündigungen. Der DFB gab im Anschluss bekannt, dass der Präsident Fritz Keller grundsätzlich bereit sei, seinen Platz zu räumen, und das bereits nächsten Montag. Zugleich werde ihm Generalsekretär Friedrich Curtius "nach einer Verständigung über eine Aufhebung seines Arbeitsvertrags unmittelbar" folgen. Der mächtige Vizepräsident Rainer Koch will beim nächsten Bundestag, der auf Januar vorgezogen werden soll, nicht mehr als erster Amateur-Vize kandidieren, und Schatzmeister Stephan Osnabrügge gar nicht mehr antreten.

Das klingt zwar nach einem radikalen Schnitt. Es ist allerdings insofern eine neuerliche Mogelpackung, als dass Koch fürs Erste, gemeinsam mit Liga-Vertreter Peter Peters, interimsmäßig den Verband führen soll. Dabei steht just der Strippenzieher Koch im Zentrum aller Verwerfungen, auch läuft ja eine Strafermittlung des Fiskus gegen den neuen, alten DFB-Interimsboss, der diesen Amt nach 2015/16 und 2019 nun bereits zum dritten Mal übernimmt. Und Peters? Hat als langjähriger Finanzvorstand bei Schalke 04 den dramatischen Niedergang des Traditionsklubs zumindest mitzuverantworten und darf dort jetzt nicht mehr für den Aufsichtsrat kandidieren. Immerhin: Quereinsteiger Peters rückt nun in die Mithaftung für alle Vorgänge an der DFB-Spitze.

Der DFB operierte mit einer Strafanzeige, von der die Staatsanwaltschaft gar nichts weiß

Es wird spannend sein zu sehen, wie der Verband unter Kochs Mitregie nun mit all den Ungereimtheiten und Untersuchungen umgeht, die seit Monaten den DFB so erschütterten. Im Zentrum der Kapriolen steht ein mysteriöser Beratervertrag, und mitten in die Aufgeregtheit platzt diesbezüglich nun der nächste fragwürdige Vorgang der Funktionäre um Koch und Curtius. Denn nach SZ-Recherchen wurde in den vergangenen Wochen gegenüber der Öffentlichkeit sowie auch intern gegenüber dem eigenen Präsidenten Keller mit Hinweisen auf eine Strafanzeige operiert, von der die zuständige Behörde gar nichts weiß und für die der DFB auch keinerlei Belege vorlegt. Nach Lage der Dinge wurde da also kräftig getäuscht.

Hintergrund ist auch hier der höchst erklärungsbedürftige Vertrag, den der DFB 2019 mit dem Medienberater Kurt Diekmann schloss und zu dem es so viele und immer neue Fragen gibt. Das betrifft nicht zuletzt sein Verhältnis zu Vize Koch, mit dem ihm eine lange Bekanntschaft verbindet und das über die Jahre Treffen zu diversen heiklen Themen beinhaltet. Seit Anfang des Jahres steht der Kontrakt im Fokus, und lange versuchte der DFB Fragen dazu abzuwimmeln. Erst hieß es, man wolle sich gar nicht äußern zu Verträgen mit Dritten, dann wurden Sachverhalte auf Vorhalt häppchenweise eingeräumt. Und Ende April entstand auf einmal ein neues Argument.

Da wurde darauf verwiesen, dass der Computer des Beraters angeblich gehackt worden sei. Illegales Material sei im Umlauf, gab der DFB zu verstehen, es sei ja diesbezüglich sogar Strafanzeige erstattet worden. Ein gehackter Rechner, die Justiz ist längst alarmiert: Dieses Narrativ war in den vergangenen zwei Wochen das zentrale Instrument, um Fragen nach heiklen Umständen rund um den Beratervertrag abzuwehren. Vizepräsident Koch verbreitete am Samstag sogar vor einem Millionenpublikum im ZDF-Sportstudio wiederholt seine Überzeugung, dass die zuletzt neu aufgetauchten, immer brisanteren Dokumente zur Vorgeschichte des Medienagenten im DFB-Dunstkreis nur gehackt sein könnten.

Nun zeigt sich: Die Geschichte von der Strafanzeige ist eine große Luftnummer.

Der DFB hatte etwa schon am 29. April SZ-Fragen rund um den Diekmann-Vertrag nicht inhaltlich beantwortet - sondern mit vehementem Hinweis auf ein Hacking. "Diesbezüglich wurde bereits von den Betroffenen Strafanzeige gestellt", ließ der Verband mitteilen. Dann berichtete in der vergangenen Woche auch noch der Spiegel, der seinerseits mit dem Berater von 2016 bis Mai 2019 zusammengearbeitet hatte, dass Diekmann Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Duisburg gestellt habe. Es gehe um das Ausspähen von Daten.

Plötzlich teilt Diekmanns Anwalt mit, er habe die Anzeige vorsorglich nochmal vorgelegt

Der Anwalt des Beraters antwortete der SZ auf die schlichte Frage, ob die Anzeige in Duisburg gestellt worden sei, am Samstag nicht mit "ja", sondern reichlich ausschweifend. "Die Information mit der Staatsanwaltschaft Duisburg ist zutreffend. Die örtliche Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft richtet sich nach dem wahrscheinlichen Tatort"; der Standort des Rechners des Mandanten falle in diese Region. Mag alles sein, nur klärt es keineswegs die schlichte Frage, ob Anzeige erstattet wurde. Nicht eindeutig.

Und siehe da: Am Dienstag konnte die Staatsanwaltschaft Duisburg den Eingang einer entsprechenden Strafanzeige durch Diekmann noch immer nicht bestätigen, wie schon bei mehreren Nachfragen seit vergangener Woche. Also: Der große Bluff vom angeblichen Hacker? Konfrontiert mit diesem Sachverhalt, teilte Diekmanns Anwalt am Dienstagnachmittag plötzlich mit: "Ich habe Ihren Hinweis gerne zum Anlass genommen, selbst bei der Staatsanwaltschaft in Duisburg nachzufragen. In der Tat konnte mir die Mitarbeiterin den Eingang unseres Schreibens (noch) nicht bestätigen. Ich habe heute vorsorglich die Anzeige nochmals auf elektronischem Wege in Duisburg vorgelegt." Wann die Anzeige gestellt worden sein soll, sagt er weiterhin nicht.

Hat da also, wie man beinahe denken könnte, die Justiz eine Strafanzeige über zwei Wochen oder länger verschlafen - und der Berater und seine DFB-Verbündeten haben in bestem Gewissen das Narrativ von einer Strafanzeige wegen Hackings verbreitet? Kaum vorstellbar. Eine Eingangsbestätigung lag ja nie vor, schon gar nicht ein Aktenzeichen. Aber auf welcher Grundlage ließ der DFB alle glauben, dass eine Anzeige tatsächlich längst erfolgt sei?

Der DFB teilte zur Frage, warum er schon Ende April auf eine "bereits gestellte" Anzeige verwies, für die es bis Dienstag keine behördliche Bestätigung gab, nur mit: Man äußere sich dazu aus rechtlichen Gründen nicht. "Darüber hinaus haben wir andere Informationen als Sie." Gewiss. Das könnte sich auf die eilig am Dienstag, nun angeblich wirklich in Duisburg eingereichte Anzeige beziehen. Es erklärt aber die Vorgänge der vergangenen Wochen nicht.

Besonders pikant ist, dass die Erzählung von der Strafanzeige nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit, sondern auch gegenüber dem eigenen Präsidenten gepflegt wurde. Fritz Keller teilte am Dienstag zu den DFB-internen Abläufen um die mysteriöse Anzeige seit 29. April mit: "Ich habe mehrfach einen Beleg dieser angeblichen Strafanzeige wegen eines Datenhack angefragt. Es wurde mehrfach schriftlich bestätigt, nachgewiesen oder belegt wurde es mir gegenüber allerdings nicht." Dieses Verhalten im anderen Lager reihe sich "nahtlos in die bisherigen Abläufe ein, die mich das Vertrauen in Einzelpersonen verlieren ließ. Man steht externen Beratern offenbar näher als dem eigenen Verband." Der DFB sagt zu Fragen zu diesen internen Vorgängen nichts.

Damit ist das mysteriöse Treiben um die Diekmann-Aktivitäten um ein Kapitel reicher. Dessen Arbeit hatte, so heißt es, im April 2019 begonnen und soll im Spätsommer 2020 geendet haben. Es flossen gut 360 000 Euro, als offizieller Grund wird die mediale Begleitung von DFB-internen Nachforschungen zum Langzeitvermarkter Infront sowie zur WM-2006-Affäre angegeben. Auf den Weg gebracht hatten den Vertrag Kellers heutige Gegenspieler - tatsächlich war die mysteriöse Kooperation also bereits sechs Monate vor Kellers Wahl im Herbst 2019 "gelebt worden", wie der Präsident moniert. Denn formal unterzeichnet wurde der Kontrakt erst im Oktober 2019.

Die internen Revisoren schlugen wegen des Vertrages Alarm

Mehr als ein Jahr später kam dem Präsidenten dieser Vertrag zunehmend verdächtig vor, er forcierte intern eine Aufklärung. Im Januar 2021 entzog Keller wegen des Kontraktes seinem Generalsekretär Curtius das Vertrauen. Seither prüfen externe und interne Revisoren den Vorgang - und schlugen ihrerseits bereits Alarm: Sie monieren zum Beispiel fehlende Unterlagen und verstehen nicht, warum das viele Geld wirklich floss. So steht der Beratervertrag grell im Licht: Welche Leistungen wurden wirklich abgegolten? Die internen Prüfer brachten vorsorglich sogar eine Selbstanzeige ins Spiel.

So viele Fragen sind offen rund um diesen Beratervertrag. Und nun soll nach den am Dienstagabend ersonnenen Plänen eine Konstellation her, in der mit Rainer Koch ausgerechnet der gute alte Bekannte dieses Beraters interimistisch die Geschäfte des Verbandes führt. Ein Funktionär, der immer schon ganz oben dabei war und bisher nicht für Aufklärung stand. Gut möglich, dass die Ankündigung von Kellers und Curtius' Abschied aus den Spitzenämtern noch nicht die letzte im monatelangen DFB-Machtkampf war.

© SZ/cca/ebc
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