DFB-Abwehr Es wäre Ersatz da

Jérôme Boateng und Mats Hummels (re.).

(Foto: Patrik Stollarz/AFP)
  • Die deutsche Nationalmannschaft kassiert gegen die Niederlande drei Gegentore. Mats Hummels und Jérôme Boateng wirken dabei nicht glücklich.
  • Boateng muss verletzt abreisen, Hummels provoziert mit umstrittenen Aussagen nach dem Spiel.
  • Hinter den beiden Stamm-Innenverteidigern gibt es aber seriöse Alternativen - Niklas Süle, Antonio Rüdiger oder auch Jonathan Tah.
Von Sebastian Fischer

Der Fußballer Jonathan Tah ist ein höflicher Mensch, und als solcher legt er Wert darauf, seine Zurückhaltung zu betonen. In der vergangenen Woche saß Tah, 22, auf der Terrasse des Teamhotels der U 21-Nationalmannschaft in Niederbayern und sprach als Kapitän der Nachwuchsauswahl über die Tendenz zur Selbstdarstellung vieler seiner Generationsgenossen. Und er erinnerte zur Selbstverteidigung daran, dass er einst erst vor seinem ersten Spiel als Profi einen Instagram-Account einrichtete.

Wenn es um sportliche Ambitionen geht, legt Tah jedoch seine Zurückhaltung auch mal ab. "Natürlich will ich den nächsten Schritt machen, dass ich nur noch oben dabei bin", sagt er dann, mit "oben" meint er die A-Nationalelf. Als talentierter Verteidiger kann man so etwas in diesen Tagen durchaus sagen, ohne den Verdacht der Hochstapelei zu erwecken.

Boateng muss verletzt abreisen, Niklas Süle gilt als Alternative - ebenso der bei der U21 starke Tah

Die Abwehr ist nicht die große Problemzone der deutschen Nationalelf, sie ist ja nicht der Sturm. Doch das 0:3 in Amsterdam zeigte, dass auch in der Defensive in Zukunft ein paar Verschiebungen anstehen könnten. Denn Jérôme Boateng und Mats Hummels, das heroische Innenverteidiger-Duo aus dem WM-Finale 2014, vor ein paar Monaten noch mit Recht als bestes der Welt bezeichnet, macht sich in diesen Tagen durchaus angreifbar.

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Boateng, 30, kann trotz einer eigentlich ja beschwerdefreien Vorbereitung kaum den Verschleiß seines von zahlreichen Verletzungen geplagten Athletenkörpers kaschieren. Er dehnte seine Muskeln gegen die Niederlande schon nach wenigen Minuten, er schien sich mehr über den Platz zu quälen, als im besten Fitnesszustand zu sein. Bei den Kontern zum 0:2 und 0:3 schien er mehr zu humpeln als zu sprinten. Und Bundestrainer Joachim Löw konnte sicher auch Boateng meinen, als er sagte: "Da müssen die Spieler Verantwortung übernehmen und nicht vogelwild irgendwo rumlaufen." Am Sonntag reiste Boateng mit Wadenproblemen ab, für das Spiel gegen Frankreich fällt er aus.

Hummels, 29, hat ebenso mit wiederkehrender Behäbigkeit zu kämpfen, zumal die Grundschnelligkeit ohnehin nicht zu seinen herausragenden Fähigkeiten zählt. Und dann provozierte er noch Kritik mit seinen Aussagen nach dem Spiel, wonach die Niederlage allein auf die Chancenverwertung zu schieben sei. Man muss kein Psychologe sein, um sich vorstellen zu können, wie das bei jenen Spielern ankommt, die vorher die Chancen vergaben.

Es ist eines von zahlreichen Zeichen der sportlichen Krise der Nationalelf, dass die Unantastbarkeit von zwei herausragenden Spielern schwindet. Doch es gehört auch zu den gerade gar nicht mal so zahlreichen guten Nachrichten rund um die Nationalelf, dass zur Not Ersatz vorhanden ist.

Beim FC Bayern planen sie die Fehlbarkeit ihrer berühmtesten, zu allem Überfluss einander nicht gerade in inniger Freundschaft verbundenen Innenverteidiger schon seit geraumer Zeit ein. Der Transfer Boatengs nach Paris war im Sommer ja nahe. Und es ist sicher kein Zufall, dass Niklas Süle, 23, nach sieben Spieltagen schon auf 540 Bundesligaminuten kommt - und damit auf jeweils 180 mehr als Hummels und Boateng. Süle blieb dafür in der Champions League zweimal zunächst draußen. Doch er gilt nicht mehr als klarer Verteidiger Nummer drei hinter seinen älteren Kollegen. Süle ist erkennbar noch nicht so routiniert, doch dafür deutlich schneller, und für das Spiel in Frankreich gilt er nun als erste Alternative für die Position neben Hummels. Danach folgen in der Hierarchie der Nationalmannschafts-Innenverteidiger der diesmal verletzt pausierende Antonio Rüdiger vom FC Chelsea - und Tah.

Der Leverkusener saß am Samstag in Amsterdam auf der Bank, nach dem 2:1 der U 21 im EM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen in Ingolstadt am Freitagabend war er für die A-Elf nachnominiert worden. Und so dominant, wie er zuvor für die U 21 aufgetreten war, die sich mit dem Sieg vorzeitig für die EM im kommenden Sommer qualifizierte, steht Tah stellvertretend für das große Reservoir an Defensivspielern im Land. U 21-Bundestrainer Stefan Kuntz sagte, als er über seinen Kader sprach: "Die Jungs, die Stammspieler in Bundesligavereinen sind, stehen in der Defensive und im Mittelfeld. Offensiv, da haben wir nicht so viele." Aus der Abwehr ragte Tah heraus. Er wirkte so souverän wie ein Vater, der beim Trainingsspiel ausnahmsweise im Nachwuchsfußball aushilft. Und er bereitete sogar das 1:0 mit einem Pass in die Tiefe vor, dem man mit gutem Willen Absicht unterstellen konnte.

Nun ist davon auszugehen, dass Löw weiter Hummels und Boateng aufstellt, wenn er kann. Doch je nach dem, wie Boatengs Muskeln heilen und Hummels' Worte nachhallen, könnte das 0:3 in Amsterdam eines Tages für den Beginn eines Generationenwechsels auf der deutschen Prunkposition stehen. Seine Ankunft bei der A-Elf verkündete Jonathan Tah übrigens ohne erkennbare Zurückhaltung bei Instagram.

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