DFB-Team bei der WM Grätsche ins Glück

Eine schiere Willensfrage: Sara Däbritz (am Boden) taucht unter der zunächst besser postierten Marta Torrejón hindurch, um den Ball zum 1:0 für Deutschland über die Linie zu bugsieren.

(Foto: Phil Noble/Reuters)
  • Nach einem glücklichen 1:0 (1:0)-Sieg gegen Spanien steht Deutschland kurz vor dem Gruppensieg und benötigt im finalen Gruppenspiel gegen Südafrika nur noch einen Punkt, um sich die Spitzenposition zu sichern.
  • Sara Däbritz gelingt per Grätsche der entscheidende Treffer.
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Von Ulrich Hartmann, Valenciennes

Bei den deutschen Fußballfrauen gibt es ein tägliches Ritual. Jede Spielerin muss jeden Morgen drei Fragen zum Befinden beantworten: Schlaf, Muskeln, Fitness. Der Schlaf dürfte in der Nacht zum Donnerstag hervorragende Umfragewerte erhalten haben, denn das deutsche Team ist auf dem besten Weg, bei der WM in Frankreich ein Achtelfinalspiel gegen den Titelverteidiger USA zu vermeiden. Nach einem ziemlich glücklichen 1:0 (1:0)-Sieg gegen Spanien steht Deutschland kurz vor dem Gruppensieg und benötigt im finalen Gruppenspiel gegen Südafrika nur noch einen Punkt, um sich die Spitzenposition zu sichern. Spanien hingegen droht der zweite Platz und damit ein Achtelfinale gegen jene Amerikanerinnen, die am Vorabend beim 13:0 gegen Thailand einen WM-Rekord aufgestellt hatten. Solch einen Gegner will man natürlich möglichst lange vermeiden, und wenn die Deutschen jetzt immer schön weiter gewinnen, dann spielen sie gegen die USA erst im Finale.

"Dzsenifer Marozsán ist nicht zu ersetzen", hatte die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg vor dem Anpfiff über ihre verletzte Spielmacherin gesagt, die mit gebrochenem Mittelzeh auf der Tribüne saß. Die Deutschen nutzten trotzdem ihr Recht, mit elf Spielerinnen aufzulaufen. Die Trainerin nahm sogar noch zwei weitere Wechsel vor. Sie verbannte Melanie Leupolz und Carolin Simon auf die Ersatzbank. Für Letztere rückte Verena Schweers links in die Abwehrkette. Sara Däbritz spielte im Mittelfeld zwischen den beiden Neuen Lena Gößling und Lena Oberdorf. Svenja Huth und Alexandra Popp markierten im 4-4-2 die Doppelspitze.

DFB-Team in der Einzelkritik

Wirklich Alarm macht lange nur Huth

Spaniens Nationaltrainer Jorge Vilda war sich vor dem Spiel nicht ganz sicher gewesen, ob es sich bei Marozsáns angekündigtem Ausfall nicht bloß um eine Finte gehandelt haben könnte. "Bei uns haben Spielerinnen schon mit gebrochenem Arm gespielt", hatte er gesagt. Doch Marozsán schießt mit Rechts wie mit Links, und mit dem Zehenbruch im linken Fuß wäre jeder Schuss schmerzhaft geworden.

Das Spiel begann mit einem Schreck für die Deutschen, denn die Spanierinnen forcierten ihr Vertikalspiel in die Tiefe von Anfang an mit Vehemenz. Nach acht Sekunden musste die deutsche Torfrau Almuth Schult gegen Spaniens schnelle Mittelstürmerin Garcia klären und nach sechs Minuten auch die deutsche Innenverteidigerin Sara Doorsoun. Nach 14 Minuten schoss Garcia sehr knapp am Tor vorbei. Die deutsche Mannschaft schwamm, und das lag nicht daran, dass es in den ersten Minuten wie aus Eimern geschüttet hatte. "Wir hatten Glück, dass wir nicht in Rückstand geraten sind", sagte Voss-Tecklenburg.

In der zweiten Halbzeit stehen die drei Jüngsten im Kader auf dem Platz

Erst vier Mal hatten deutsche und spanische Frauen zuvor gegeneinander gespielt und nie hatten die Spanierinnen gewonnen. Ihr Wunsch, dies zu ändern, war klar erkennbar. Als Garcia nach 25 Minuten verletzt behandelt werden musste, kamen alle deutschen Spielerinnen zu einer Diskussionsrunde zusammen, und es konnte nur darum gegangen sein, dass es so nicht weitergeht. Ab sofort wehrten sie sich jedenfalls mit mehr Mut und erspielten sich erste Chancen. Markant blieben wie schon im ersten Spiel viele Ballverluste in der eigenen Hälfte, so dass Schult gut zu tun hatte.

Dass die deutschen Frauen in der 42. Minute trotz allem mit 1:0 in Führung gingen, war ein spanisches Geschenk. Die Torhüterin Sandra Paños hatte einen Popp-Kopfball zwar parieren, aber nicht festhalten können, und statt dass Spaniens Verteidigerin Marta Torrejón den lange frei liegenden Ball entschlossen wegdrosch, kam Däbritz angerauscht und grätschte ihn mit unbändigem Willen über die Torlinie. Es war eine slapstick-artige Szene, bezeichnend fürs Spiel, aber das Tor fiel eigentlich auf der falschen Seite.

"Ich habe darauf spekuliert, dass ich noch hinkomme. Dann habe ich einfach mal gegrätscht. Dass der Ball dann rein geht, ist natürlich überragend", sagte die aufgekratzte Däbritz im ZDF: "Das war ein absoluter Sieg des Willens. Es war von Anfang an unser Ziel, Gruppenerster zu werden." Dafür reicht dem Olympiasieger im letzten Gruppenspiel am Montag gegen den WM-Neuling Südafrika ein Punkt.

Als nach der Pause die Angreiferin Klara Bühl für die Verteidigerin Kathrin Hendrich kam, standen in einem heiklen Spiel tatsächlich eine 17- (Oberdorf), eine 18- (Bühl) und eine 19-Jährige (Giulia Gwinn) und damit die drei Jüngsten des deutschen Kaders auf dem Feld. Diesbezüglich hat die Bundestrainerin wirklich überhaupt keine Skrupel. Bühl übernahm ganz vorne Pressing- und Konter-Aufgaben, Gwinn rückte nach hinten, von wo sie im ersten Spiel, aufgerückt, das Siegtor gegen China geschossen hatte.

Variabilität ist Voss-Tecklenburgs Credo.

Nach einer Notbremse entging Schweers eine halbe Stunde vor Schluss einer roten Karte, und mit dem Freistoß wussten die Spanierinnen nichts anzufangen. Am Ende hatten sie es schwer gegen massiv verteidigende Deutsche. Letztlich hat die schwache Chancenverwertung die Iberer den verdienten Punkt gekostet. Und die spielerisch erneut mauen Deutschen? Bleiben Meisterinnen der Effektivität.

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