Deutschland im Viertelfinale der Eishockey-WM:Der Überraschungsfaktor ist weg

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Nico Sturm mit Teamkollege Frederik Tiffels und WM-Maskottchen. (Foto: Action Pictures/Imago)

Schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen Frankreich steht Deutschland im Viertelfinale der Eishockey-Weltmeisterschaft. Der WM-Zweite von 2023 muss lernen, mit der neuen Favoritenrolle umzugehen. Aber er hat in Nico Sturm einen guten Lehrmeister.

Von Johannes Schnitzler

Wenn es noch eines objektiven Beweises bedurft hätte, dass Bayer Leverkusen eine hochansehnliche und hoch angesehene Saison spielt, dann erbrachte ihn die Eishockey-Weltmeisterschaft in Tschechien. In der dritten Ausgabe der diesjährigen "Power Rankings", einer satirischen Rubrik des Weltverbands IIHF zum WM-Geschehen, stand auf Platz zehn Lettland - und dahinter der Satz: "We got Bayer Leverkusen-ed." Die Rangliste erschien nach dem deutschen 8:1-Kantersieg gegen die Letten.

Die Leverkusen-Metapher war sowohl eine Reverenz vor dem neuen deutschen Fußballmeister (Fußballvergleiche sind im Eishockey sonst in etwa so beliebt wie 1:8-Niederlagen) als auch ein Kompliment für das deutsche Eishockeyteam, das die Letten scheinbar mit Leverkusener Leichtigkeit bezwungen hatte wie Bayer 04 den VfL Bochum. Am Freitag folgte mit dem 8:2 gegen Kasachstan ein weiterer Leverkusen-Moment.

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Dass es mit Spielkunst allein bei der WM nicht getan ist, daran erinnerte Stürmer Marc Michaelis: "Kampf und Leidenschaft gehören zur deutschen DNA. Wir haben so viele technisch feine Spieler. Aber wir können gegen Teams wie Schweden oder die USA nicht nur spielerisch dagegenhalten." Gegen Schweden und die USA, beide fast ausnahmslos mit Topspielern aus der nordamerikanischen NHL besetzt, kassierte die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes zwei 1:6-Niederlagen. Weil aber zum Auftakt die Slowaken und am Samstag Aufsteiger Polen bezwungen wurden und die Slowaken am Sonntag Lettland unterlagen, ist das deutsche Team schon vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen Frankreich am Dienstag (12.20 Uhr, Pro7 und Magentasport) für das Viertelfinale qualifiziert, zum fünften Mal nacheinander. Nun fängt die Arbeit erst richtig an.

"Ich glaube, die meisten hätten nicht die mentale Kraft, die er aufbringen muss jeden Tag", sagt Kapitän Müller über NHL-Profi Sturm

Nico Sturm hat bei dieser WM bislang eine makellose Bilanz. Die beiden Partien gegen Schweden und die USA verpasste der Stürmer wegen einer Knieverletzung; alle vier Spiele mit ihm gewann das DEB-Team. Kein Zufall, wenn es nach Kapitän Moritz Müller geht: "Hundert Prozent seines Lebens sind seinem Sport gewidmet", sagt der Verteidiger. Der gebürtige Augsburger Sturm ist so etwas wie das personifizierte Arbeitsethos der deutschen Mannschaft. Nach Jahren in unterklassigen US-Ligen und am College erhielt er seine NHL-Chance - und nutzte sie. Mittlerweile hat der 29-Jährige fast 300 Spiele in der Eliteliga im Lebenslauf stehen, 2022 gewann er als Teil der Colorado Avalanche den Stanley Cup.

In San Jose war er in den vergangenen beiden Spielzeiten das Rückgrat einer Mannschaft im Umbruch. Das Team schloss die aktuelle Spielzeit mit den wenigsten Punkten aller 32 Klubs ab, die ersten elf Partien gingen verloren. Als Sturm sich vor Weihnachten an der Hand operieren lassen musste, verloren die Sharks ohne ihn zwölf Spiele in Serie. Mit ihm gewannen sie immerhin jedes dritte Spiel.

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Sturm versteht es, seinen Mannschaften Stabilität zu verleihen mit vermeintlich kleinen Hilfestellungen, im Unterzahlspiel oder beim Bully. Mehr als 60 Prozent seiner Anspiele gewinnt Sturm in der NHL, bei der WM sind es sogar zwei Prozent mehr. Das bringt Scheibenbesitz und spart Kraft. "Eine meiner größten Stärken ist, dass sich mein Spiel nie ändert", sagt er. "Ich versuche mich auf meine Basis zu konzentrieren", dafür trainiert er extra nach jeder Einheit. Moritz Müller sagt über Nico Sturm: "Ich glaube, die meisten hätten nicht die mentale Kraft, die er da aufbringen muss jeden Tag."

"Wenn Sturmi draußen ist, dann brennt nichts an."

In der NHL hat Sturm seine Nische gefunden. Im Nationalteam ist die Nische eher ein ganzer Gebäudeflügel. Sturm geht voran, die Mitspieler hören auf ihn. "Die Jungs sollen Vertrauen haben", sagt Sturm. "Sie sollen sagen: Wenn Sturmi draußen ist, dann brennt nichts an."

Auch den Sonntag, den Bundestrainer Harold Kreis seinen Spielern freigegeben hatte, begann Sturm mit einer Trainingseinheit, ehe er sich mit seinen Eltern und seinen Brüdern in Ostrava zum Kaffee traf. Während des Telefongesprächs liegt er auf dem Behandlungstisch beim Physiotherapeuten, das Knie, der Rücken, die Hand, "Kleinigkeiten", sagt Sturm. Aber auch die Kleinigkeiten müssen erledigt werden.

Gegen Polen monierte er in der ersten Pause das deutsche Spiel. Es stand 0:0, und Sturm ahnte, dass es zäh werden würde. Prompt verkürzten die Polen einen scheinbar sicheren 3:0-Vorsprung auf 3:2, ehe John-Jason Peterka das entscheidende 4:2 gelang. "Die Bedingungen in der Halle sind nicht sehr gut", sagt Sturm, es ist warm, und bei bis zu drei Partien pro Tag leidet die Eisqualität. "Das spielt der Mannschaft, die das Spiel machen will, nicht in die Karten." Aber: "Da wollten wir ja hin."

Nach der Silbermedaille im vergangenen Jahr, als Sturm sein WM-Debüt gab, werde die Mannschaft von den Gegnern anders wahrgenommen: "Der Überraschungsfaktor ist weg." Bis auf die Spiele gegen Schweden und die USA seien sie immer in der Favoritenrolle gewesen, Sturm sagt: "Es ist ein Lernprozess, mit dieser Rolle und einer höheren Verantwortung umzugehen." Auch gegen Frankreich. Wer denn am Donnerstag im Viertelfinale wartet, Kanada, Gastgeber Tschechien oder die Schweiz, sei egal. "Wir wollen mit einem guten Gefühl da rausgehen." Bayer-Leverkusen-like.

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