Süddeutsche Zeitung

DFB-Elf unterliegt Italien 1:2:Zu stark für Deutschland

Schon wieder Italien, schon wieder im Halbfinale: Dank zweier Tore von Mario Balotelli gewinnt Italien das EM-Halbfinale gegen Deutschland 2:1 und trifft im Endspiel auf Spanien. Das deutsche Team muss sich fragen, weshalb es am Ende eines großen Turniers schon wieder eine fehlerhafte Leistung abruft.

Plötzlich stand er wie eine Statue im Strafraum. Oberkörperfrei. Ein deutscher Albtraum, ein italienischer Volksheld, Mario Balotelli. Man wird dieses archaische Bild noch lange Zeit mit dem Moment verbinden, als der Unterhaltungsfußball von Joachim Löw krachend scheiterte, als sich das neue Deutschland eine unfreiwillige Lehrstunde einhandelte.

Es lief die 36. Minute im Halbfinale zwischen Deutschland und Italien, und soeben hatte der skandalumtoste Stürmer Balotteli bereits sein zweites Tor erzielt. Ein Kopfball und ein Gewaltschuss des Mannes von Manchester City sicherten Italien die Finalteilnahme am Sonntag gegen Spanien. Die Deutschen fahren als geschlagene Favoriten heim. Wieder einmal ist der Spaß vorbei, wenn es ernst wird.

Natürlich haben die beiden Mannschaften, die am Freitag in Warschau auf dem Rasen standen, wenig mit ihren Vorfahren zu tun, aber die Geschichte scheint sich im Fußball eben doch zu wiederholen. So, wie die Engländer keine Elfmeter schießen können, können die Deutschen kein wichtiges Turnierspiel gegen Italien gewinnen. Was bei der WM 2006 der Sommermärchen-Zerstörer Fabio Grosso war, wird ab sofort dieser Balotelli sein. Der Mann in Blau, der Deutschland die Tränen brachte.

Joachim Löw sah dem Drama fast stoisch zu. Er hatte in diesem Turnier immer wieder für Überraschungen gesorgt und damit bislang fast alles richtig gemacht. An diesem Abend aber ging fast alles schief, was er sich ausgedacht hatte. Nach der Maulwurf-Gate-Affäre im Viertelfinale griff der Bundestrainer zunächst einmal zu verschärften Methoden der Spionage-Abwehr, um seine Aufstellung geheim zu halten.

Dem Vernehmen nach patrouillierten auf den Hotelfluren in Warschau Angestellte einer Sicherheitsfirma, die Taktikbesprechung mit den Spielern (alles potentielle Geheimnisverräter) wurde so weit es ging nach hinten verschoben. Erst ein paar Stunden vor der Abfahrt zum Stadion soll die deutsche Mannschaft von ihrer eigenen Aufstellung erfahren haben. Es ist davon auszugehen, dass der Gegner sie auch nicht früher kannte - ein klarer Punktsieg Löws über den Maulwurf.

Unbezwingbares blaues Bollwerk

Gegen den Stadionsprecher konnte dann aber auch der Bundestrainer nichts mehr ausrichten. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff verkündete er das wohlgehütete Geheimnis: Toni Kroos, Lukas Podolski und Mario Gomez in der Startelf, die Viertelfinal-Beginner Marco Reus, André Schürrle und Miroslav Klose auf der Bank. Jetzt war nur noch die Frage zu klären, wer sich von diesem Überraschungs-Coup mehr würde überraschen lassen: die Italiener? Oder die Deutschen selbst?

Zunächst schien die DFB-Auswahl die Kriegslisten von Löw besser zu verstehen. Und am besten verstand sie natürlich der schlaue Mats Hummels. Der Innenverteidiger eröffnete den Hauptteil des Abends mit einer vorzüglichen Stürmeraktion. Seinen Kopfball kratzte der ebenfalls ziemlich schlaue Andreas Pirlo aber technisch brillant von der Linie. Toni Kroos, der sich mit Mesut Özil das Spielzentrum sowie die einstige Müller-Reus-Flanke aufteilte, gab den nächsten Warnschuss ab. Es war ein verwirrend mutiger Beginn der deutschen Mannschaft. So konnte es weitergehen. Ging es aber nicht. Nicht einmal im Ansatz.

Löws Jungs brachten sich mit ihrem mobilen Mittelfeld nämlich auch selbst aus dem Konzept. Sie wollten das ausgefuchste italienische Mittelfeld um Pirlo, Claudio Marchisio und Daniele De Rossi verbauen. Sie bauten allerdings nur Löcher. Und vor allem vernachlässigten sie mit zunehmender Dauer ihre Kerngeschäfte. Vor dem italienischen Führungstreffer gab Hummels einen zweikampfschwachen Außenverteidiger. Auch Özil und Jérôme Boateng standen nur so dabei, als Antonio Cassano auf Balotelli flankte - und da wollte Holger Badstuber auch nicht weiter stören. Weil Deutschland keinen Pirlo auf der Linie hatte, sondern nur einen Neuer, stand es nach 20 Minuten 0:1.

Eine Viertelstunde später vernachlässigten die sichtlich geschockten Deutschen dann alle Geschäfte auf einmal. Riccardo Montolivo schickte Balotelli diesmal mit einer langen Bogenlampe auf die Reise. Im Mittelfeld fehlte der Zugriff, in der Abwehr die Ordnung. Balotelli drosch den Ball unhaltbar für Neuer zum 2:0 ins Netz. Solch ein simples Tor hatten sich Löws Fußballer schon lange nicht mehr eingefangen.

In der Halbzeitpause unternahm der sichtlich gezeichnete Bundestrainer den Versuch, seine gravierendsten Fehlkal- kulationen aus dem ersten Durchgang zu korrigieren. Er brachte die Viertelfinaltorschützen Marco Reus und Miroslav Klose für Lukas Podolski und Mario Gomez. Das Spiel der Deutschen nahm in der Folge damit wieder etwas an Fahrt auf, aber jetzt verlegten sich die Italiener auf ihre fast schon vergessenen Kernkompetenzen. Sie verbarrikadierten ihr Tor mittels eines massiven Doppelvierer-Blocks.

Die deutsche Elf mühte sich redlich, aber es fehlten die zündenden Ideen und, ja, auch die Überraschungen um dieses blaue Bollwerk zu durchbrechen. Dies glückte nur Mesut Özil spät (90.+20), mit einem Handelfmeter, den Balzaretti verursacht hatte. 1:2 - aus der Traum.

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SZ vom 29.06.2012/ebc
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