Deutsche Nationalmannschaft:Das Gegenteil von WM-Form

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Deutsche Nationalmannschaft: Noch viel Redebedarf: Thomas Müller und Jonas Hofmann im Zwiegespräch gegen Ungarn.

Noch viel Redebedarf: Thomas Müller und Jonas Hofmann im Zwiegespräch gegen Ungarn.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Die DFB-Elf zeigte die schwächste erste Halbzeit in der Ära von Hansi Flick. Nach einem ernüchternden 0:1 gegen Ungarn kann Deutschland die Nations League nicht mehr gewinnen.

Von Christof Kneer, Leipzig

Der vielseitig verwendbare Joshua Kimmich hatte vor dem Spiel einen Satz gesagt, der vielseitig verwendbar war. "Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich selten gegen eine Mannschaft gespielt habe, die so gut verteidigt", sagte der Nationalspieler und meinte den Tabellenführer der Nations-League-Gruppe 3: die Ungarn, denen die DFB-Elf im Juni bereits in einem zähen Hinspiel begegnet war. Mit demselben Satz hätte der Bayern-Spieler Kimmich aber auch den Tabellenführer der Fußball-Bundesliga, den 1. FC Union Berlin, meinen können. Die Ungarn, so viel lässt sich sagen, sind das Union Berlin der Nations League - sie haben jene Art von Qualität, die sich besonders dann spüren lässt, wenn man zufällig als ihr Gegner auf dem Platz steht.

Auch diese Analogie, jene zum nahezu kriselnden FC Bayern, hat die deutsche Nationalmannschaft aushalten müssen an diesem Abend, an dem ohnehin alles mit allem zusammenhing: die Verfassung der DFB-Elf mit jener des FC Bayern, das Spielsystem der DFB-Elf mit jenem des FC Bayern (ohne Mittelstürmer!) - und die Nations League mit jenem anderen Turnier, das in nicht einmal acht Wochen im fernen Arabien zur Austragung kommt.

Für Bundestrainer Hansi Flick, der selbstverständlich auch mal den FC Bayern trainierte und mit diesem nahezu nie kriselte, bot dieser Abend eine Menge Herausforderungen auf einmal. Es ging einerseits ums tagesaktuelle Ergebnis, andererseits um übergeordnete Erkenntnisse für die WM, und alles in allem war es deutlich zu viel Gepäck, das die deutsche Elf da mit ins Spiel nahm: Sie zeigte die schwächste erste Halbzeit in der Amtszeit von Hansi Flick. In der zweiten Hälfte wurde es deutlich besser, aber es war noch keineswegs das, was man WM-Form nennt. So hat Flick sein erstes konkretes Ziel als DFB-Coach bereits verfehlt: Nach dem ernüchternden 0:1 (0:1) gegen Ungarn können die Deutschen ihre Nations-League-Gruppe nicht mehr gewinnen. Und der Bundestrainer musste die erste Niederlage seiner Amtszeit notieren.

"Besser jetzt als im November", sagte Flick. So ein Spiel werfe sein Team nicht um, habe ihm aber vielleicht "die Augen geöffnet." Und was der Bundestrainer auch zugab: Dass die erste Halbzeit einfach nur "schlecht von uns" war. Das sah auch Thomas Müller so: "Man hat gemerkt, dass bei vielen die Phase im Verein nicht die leichteste ist", sagte er. "Wir haben nicht die Power auf den Platz bekommen."

Ungarn parkt extrem professionell alle Räume zu

Flick hatte sich für jene Aufstellung entschieden, die allgemein erwartet worden war. Es war, vorsichtig formuliert, keine Formation, die sich an den aktuellen Formkurven orientierte. Es war eine Elf, die vielleicht früher mal als Stammelf vorgesehen war und nun eher pädagogischen Motiven folgte. Es ging unter anderem darum, die sich selbst abhandengekommenen Timo Werner und Serge Gnabry zu sich selbst zurückzuführen, was ein titanisches Unterfangen war gegen jene Elf, die verteidigte wie eine Mischung aus Ungarn und Union Berlin. Extrem professionell parkten die Gäste sämtliche Räume zu, was vor allem für Werner zum Problem wurde. Werner braucht Pässe in Räume, aber ohne Raum gab es auch keine Pässe.

Ironischerweise gingen die Ungarn früh in Führung - durch das Tor eines klassischen Mittelstürmers. Adam Szalai, der immerhin eine ordentliche Bundesligakarriere hinter sich hat, lenkte einen Eckball von Dominik Szoboszlai mit der Hacke ins Tor (17.). Szoboszlai, übrigens, spielt im zivilen Leben für RB Leipzig, für ihn war es ein Heimspiel in diesem Stadion, wie auch für seine Landsleute Peter Gulacsi und Willi Orban sowie für die DFB-Spieler Timo Werner und David Raum. Neben der DFB-Elf, Ungarn, Union Berlin, dem FC Bayern und Katar stand also auch noch RB Leipzig auf dem Platz, was den Raum dort zusätzlich verengte.

Tatsächlich dürfte Flick einigermaßen erschrocken sein über die erste Hälfte. Zwar weiß er, dass seine Elf es deutlich besser kann, aber in den ersten 45 Minuten war diese Tatsache maximal zu erahnen. Langsam und unter Verzicht auf jegliche Tempowechsel spielte die DFB-Elf vor dem Strafraum von Union Ungarn hin und her und kreuz und quer, außer Ilkay Gündogan wagte kaum ein Spieler mal einen steiler adressierten Pass. Es dauerte bis zur 39. Minute, ehe Thomas Müller nach einer Flanke von Raum per Kopf etwas zeigte, was man mit einiger Barmherzigkeit die erste deutsche Torchance nennen könnte. Auch das könnte bei der WM in Katar noch ein größeres Thema werden: dass Flick sich im Kader zwar einen der besten Flankenspieler des Landes hält - David Raum -, aber eben keinen Abnehmer, der sich über solche Sendungen freut.

Flick ändert die Statik des Spiels

Auf den ersten Blick mutete der Wechsel abenteuerlich an, den Flick zur Pause vornahm: Er ersetzte den weiterhin irritierend um Form ringenden Gnabry durch Verteidiger Thilo Kehrer. Auf den zweiten Blick zeigte sich die Idee hinter dem Manöver: Flick stellte auf eine Dreier-Abwehrkette Kehrer/Süle/Rüdiger um und ließ die ehemaligen Außenverteidiger Raum und Jonas Hofmann eine Art Außenstürmer spielen. Ob es nun daran lag oder an einer Kabinengardinenpredigt des Bundestrainers, jedenfalls änderte sich die Statik des Spiels. Die deutsche Elf akzeptierte nun den Umstand, dass man sich Räume mit ein bisschen Aufwand auch selber schaffen kann. Nun gab es jene Tiefenläufe zu sehen, die Flick von Beginn an gefordert hatte. Es dauerte nur fünf Minuten, bis Gündogans langer Ball den lossprintenden Leroy Sané fand, Keeper Gulacsi musste nun erstmals eine ernsthafte Parade zeigen. Weitere drei Minuten später näherte sich die DFB-Elf nach ähnlichem Muster an: Gündogans nächste Vorlage legte Hofmann zurück auf Müller, dessen Tor allerdings keine Anerkennung fand - Hofmann war aus dem Abseits gestartet.

Deutlich entschlossener wirkte Flicks Team jetzt, was der Bundestrainer durch die Einwechslungen von Kai Havertz und Jamal Musiala unterstützte. Die DFB-Elf rannte nun an (sofern man gegen Ungarn/Union anrennen kann), und in der 77. Minute wurde es wieder knapp: Havertz und Kimmich scheiterten in einer großformatigen Doppelchance erst an Torwart Gulacsi und dann an Verteidiger Adam Lang, der den Ball von der Linie köpfte. Aber die Ungarn verteidigten weiterhin wie der Tabellenführer der Nations-League-Gruppe 3 und/oder der Tabellenführer der Bundesliga.

Für die DFB-Elf blieb am Ende eines unerfreulichen Abends wenigstens noch eine gute Nachricht übrig: Die Ungarn sind bei der WM gar nicht dabei.

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