DFB-Elf in der Einzelkritik:Werner ist der verlorenste Wanderer

Lesezeit: 4 min

Der Stürmer macht gegen Ungarn Wege, an deren Ziel kein Ball wartet, selbst Thomas Müller findet keinen Raum und Joshua Kimmich ist sauer. Das DFB-Team in der Einzelkritik.

Von Martin Schneider, Leipzig

Fünfzehn DFB-Spieler kamen gegen Ungarn zum Einsatz. So haben sie gespielt:

Marc-André ter Stegen

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(Foto: John MacDougall/AFP)

Wurde von manchen ob seiner ewigen Ambitionen auf den deutschen Tor-Thron als Prince Charles der Nationalmannschaft bezeichnet. Das ist nun natürlich nicht mehr haltbar. Charles wird als Nummer drei seines Namens die Krone tragen, ter Stegen aber weiter als Nummer zwei warten müssen, auch wenn er in Leipzig den an Corona erkrankten Regenten Manuel Neuer vertrat. Apropos nicht haltbar: Dass Adam Szalai eine kurze Ecke mit der eingesprungenen Hacke ins lange Toreck verlängern würde - das war so unerwartet, dass ter Stegen von jeder Schuld freizusprechen ist. Gegen Daniel Gazdag im Eins-gegen-eins mutig zur Stelle, außerdem stark beim Schuss des sehr bärtigen Martin Adam und auch danach mit guten Aktionen. Leider ein Länderspiel, wie so oft in seiner Karriere: Irgendwie unglücklich, auch wenn er diesmal gar nichts dafür konnte und eher Schlimmeres verhinderte.

Jonas Hofmann

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(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Gerade so etwas wie der Nationalspieler der Stunde, da wäre man vor einiger Zeit auch nicht unbedingt drauf gekommen. Leider interessierte das die Ungarn und speziell den Ungar Attila Szalai (nicht zu verwechseln mit Adam Szalai, der wiederum nicht zu verwechseln mit Martin Adam) herzlich wenig. Der bearbeitete den offensiv spielenden Hofmann gnadenlos und zwang ihn zu zahlreichen Fehlern. Da Hofmann auf der Außenbahn oft die letzte Hoffnung eines deutschen Angriffs war, endete mit seinen Bemühungen auch die deutsche Offensive. Nach der Systemumstellung in Halbzeit zwei faktisch Stürmer. Das spricht für seine Flexibilität und brachte ein bisschen mehr Schwung. Mehr aber auch nicht.

Niklas Süle

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(Foto: MIS/Imago)

Erhielt ein wenig überraschend den Vorzug vor seinem Dortmunder Neu-Vereinskollegen Nico Schlotterbeck - hat aber auch ein paar Länderspiel mehr in der Statistik stehen (40 zu 4). Früh mit einer starken Grätsche gegen Dominik Szoboszlai, wurde später im Spiel von Szalai (Adam) angeknockt. Eigentlich mit einer tadellosen Leistung - es stotterte vorne im deutschen Spiel.

Antonio Rüdiger

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(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Seit Kurzem Verteidiger von Real Madrid, allerdings auch mal gern Ersatz-Verteidiger von Real Madrid. Bei Hansi Flick gesetzt und bewies gegen Ungarn, warum das so ist. Vor allem in der Anfangsphase Gewinner eines jedes Zweikampfs, auch in solchen, die zu akuten Notsituationen hätten führen können. In einer schwachen Halbzeit noch der am wenigsten schwache Deutsche.

David Raum

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(Foto: Alex Grimm/Getty)

Erst seit Kurzem Leipziger, aber streng genommen auch mit einem Heimspiel im alten Zentralstadion. Linker als ein Punk in Connewitz, zumindest was die Position anging. Hielt konsequent die Außenbahn, flankte aber wenig. Vielleicht auch, weil er sich dachte: Auf wen denn? Timo Werner? Gegen diese langen Kerle in der Ungarn-Abwehr? Als er es dann doch mal probierte und Thomas Müller fand, wurde es prompt gefährlich. Trotzdem: Fühlte sich an, als wollte jemand ein Schraubenzieher-Problem mit einem Hammer lösen.

Joshua Kimmich

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(Foto: Ronny Hartmann/AFP)

Musste einen kleinen Rollentausch verkraften. Hat beim FC Bayern in dieser Saison ja meist Marcel Sabitzer neben sich, der ihm die Abräumer-Aufgaben wegnimmt. So ein Spielertyp ist Ilkay Gündogan nun nicht, aber Kimmich hat sich ja auch nie vorm Aufräumen gedrückt. Wirkte trotzdem so, als käme gerade er in diesem dichten roten Gewusel in Unordnung und muss sich ein bisschen so gefühlt haben wie im Klub. Fand keinen freien Raum (die physikalische Größe, nicht den Linksaußen), wobei es aber auch gut sein konnte, dass die Ungarn einfach gar keinen Platz frei ließen. Früh mit einer gelben Karte nach taktischem Foul, später mit zwei guten Fernschüssen. Wahrscheinlich, weil er sauer war.

Ilkay Gündogan

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(Foto: Alex Grimm/Getty Images)

Noch der passendste Schlüssel für das ungarische Schloss. Jedenfalls schaffte er es, sich zumindest ab und zu mal mit dem Ball zu drehen, einen Pass nach vorne zu spielen und eine gefährliche Situation zu kreieren. Bisschen überraschend, dass er in der 70. Minute runter musste, aber Jamal Musiala, Kai Havertz und Gündogan - das wären Flick dann wohl zu viele Feinfüße gewesen.

Leroy Sané

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(Foto: Martin Rose/Getty)

Hat Glück, dass er gerade ganz gut beim FC Bayern spielt, weil sonst nach dieser ersten Halbzeit wieder die halbe Republik über ihn diskutiert hätte. Erlaubte sich über weite Strecken eines seiner Unsichtbar-Spiele, bei denen er grenzwertig selten im Fokus der Fernsehkamera steht. Allerdings: Es kamen auch wenige Bälle zu ihm. Einmal mit einem Fernschuss, der sich aber auf den Weg über das Tor Richtung West-Sachsen machte. In der zweiten Halbzeit dann aktiver und mit einer guten Chance, die von Peter Gulacsi vereitelt wurde.

Thomas Müller

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(Foto: Ulrich Hufnagel/Imago)

Wenn man ganz ehrlich ist: Genauso unsichtbar wie Sané, aber bei Müller wird da ja nie drüber diskutiert. Dass auch er keinen freien Raum fand, sprach allerdings dafür, dass wirklich keiner existierte (siehe Kimmich). Brachte das Leipziger Stadion zu einem lauten "Woooaaaaaaah", weil er in der 39. Minute die erste Torchance des deutschen Teams hatte. Einen ungefährlichen Kopfball. Traf in der zweiten Halbzeit das Tor - allerdings stand Jonas Hofmann zuvor im Abseits.

Serge Gnabry

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(Foto: Marc Schüler/Imago)

Spielt beim FC Bayern gerade nicht - dabei dachte man doch, dass er nach dem Abgang von Robert Lewandowski einen Teil der Tore übernimmt. Aber auch in der Nationalmannschaft ist er nur manchmal Teil der Lösung, was das Sturmproblem angeht. Gegen Ungarn war keiner dieser Tage. Wurde zur Halbzeit ausgewechselt.

Timo Werner

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(Foto: Martin Rose/Getty)

Von all den verlorenen Wanderern dieses Abends der verlorenste. Er versuchte es, das schon. Aber er machte Wege, an deren Ziel kein Ball wartete. Er versuchte Zweikämpfe gegen die schweren Jungs aus Ungarn, bei denen klar war, dass er sie nicht gewinnen kann. Überhaupt sah er die Kugel nur handgezählte 14 Mal im ganzen Spiel. Einmal, da schien es, als habe sich das ganze Warten, das ganze Laufen gelohnt. In der 57. Minute bereitete er seine eigene Chance auch noch selbst vor - und vergab. Musste nach 70 Minuten vom Platz.

Einwechselspieler

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(Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Völlig überraschend war Thilo Kehrer Hansi Flicks erste Wahl - allerdings, um mit einer Systemumstellung auf Dreierkette den Riegel zu knacken. Klappte ein bisschen. Erst in der 70. Minute kamen in Kai Havertz und Jamal Musiala zwei ausgewiesene Kettensprenger. Zu spät für ein Tor. Ebenso wie Lukas Nmecha.

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