1:1 gegen Ungarn:Rückschritt an der blauen Donau

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1:1 gegen Ungarn: Eine Aktion, die Deutschland im Spiel hielt: Manuel Neuer pariert spektakulär mit dem ausgestreckten rechten Fuß.

Eine Aktion, die Deutschland im Spiel hielt: Manuel Neuer pariert spektakulär mit dem ausgestreckten rechten Fuß.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

Nach einer langen Saison zeigen sich beim 1:1 in Budapest Spuren der Ermattung bei der deutschen Nationalmannschaft. Dennoch sind Spieler und Bundestrainer sichtbar unzufrieden mit der Partie - und üben Selbstkritik.

Von Philipp Selldorf, Budapest

Von Feindseligkeit wurde in Kreisen ständiger Beobachter geargwöhnt und von einem Publikum, das speziell Leon Goretzka wegen seiner Vorgeschichte aus der jüngsten Ungarn-Begegnung mit Antipathien empfangen werde, sodass ernsthaft die Frage an den Bundestrainer gerichtet wurde, ob er Goretzka nicht besser auf die Bank setzen respektive verstecken würde. Wenn dieser Länderspiel-Abend zu etwas taugte, dann also immerhin schon mal zur Widerlegung stereotypischer Mutmaßungen über osteuropäische Gesinnungen.

Für den von Hansi Flick gnadenlos auf den Rasen entsandten Goretzka war es jedenfalls ein ganz normales Auswärtsspiel. Die anfangs partiell gegen ihn gerichteten Pfiffe waren nicht schriller als die Pfiffe, die ihm zum Beispiel schon in Gelsenkirchen gewidmet wurden (nach seinem Entscheid, zum FC Bayern zu wechseln). Der Münchner sprach später von einer "hitzigen Atmosphäre", aber er meinte das anerkennend, und der Bundestrainer geriet gar ins Schwärmen, als hätte er an der blauen Donau einen herrlichen Sommerabend genossen: "Tolle Stimmung, tolle Atmosphäre, ein wunderschönes Stadion."

Flicks Miene ließ allerdings nicht darauf schließen, dass die Veranstaltung in seiner persönlichen Hitliste einen vorderen Rang erhalten wird. Angestrengt schaute der Bundestrainer in die Runde, erschöpft von seinem Einsatz an der Seitenlinie, mit dem er seine Elf vergeblich auf den rechten Pfad zu führen versucht hatte. Auch diesmal blieb es beim 1:1, dem vierten 1:1 hintereinander, und auch wenn man allmählich meinen könnte, die Nationalelf sei neuerdings zu diesem Resultat verdammt wie der Fliegende Holländer zur ewigen Reise ums Kap der guten Hoffnung, so war es in Wahrheit doch eher ein glücklich erreichtes als unselig aufgezwungenes Unentschieden. Torwart Manuel Neuer habe das Remis mit seinen Paraden "festgehalten", sagte Flick und stellte fest: "Leider haben wir nicht ganz umsetzen können, was wir uns vorgenommen haben." Wie ein Geständnis ließ er den Satz klingen.

Dass Flick mehrfach betonte, er wolle "keine Alibis" vorschützen für den insgesamt dürftigen Auftritt, zugleich aber doch auf externe Rechtfertigungsargumente verwies, ergab keinen Widerspruch. Es stimmte ja, dass Ungarn ein entschlossener, starker und außerordentlich gut organisierter Gegner war und dass mancher deutsche Spieler am Ende der Saison Spuren der Ermattung zu erkennen gibt. Es geht dabei eher um Spontaneität und Einfallsreichtum als ums rein Körperliche. Kai Havertz etwa ließ es als Stellvertreter Thomas Müllers auf der Schlüsselposition hinter der Sturmspitze Timo Werner nicht an Einsatzbereitschaft und Laufleistung mangeln, sondern an schöpferischen Momenten. Torwart Neuer teilte die Beobachtung und erhob sie zugleich zum temporären Phänomen wie auch zum Kern des Problems: "Wenn's nicht mit einer gewissen Leichtigkeit funktioniert, tut man sich immer schwer", sagte er.

In derlei Erklärungen, die auch von anderen Beteiligten eifrig vorgebracht wurden, äußerte sich der Versuch, unangenehme Beurteilungen und Schlussfolgerungen abzuwehren. War der Aufschwung nach dem Bundestrainerwechsel im vorigen Sommer womöglich eine Art optische Täuschung? Nicht nur die Serie der Resultate, sondern auch die Summe ihrer Mängel in Abwehr und Angriff setzt die deutsche Mannschaft einstweilen dem Verdacht aus, über gehobenes Mittelmaß auf dem Niveau von Conference bis Europa League nicht hinauszukommen. Die Mannschaft hat ihr Pressing und ihre offensive Orientierung forciert, aber sie hat bisher keine überzeugende Formation gefunden und erst recht keine serienreife Spielqualität entwickelt. "Im Prozess sind wir immer noch auf dem richtigen Weg", meinte Neuer, "ein Grundsatzproblem sehe ich nicht."

Manuel Neuer zählt die Mängel auf

Statt allgemeinen Alarm auszurufen und damit die Nation zu beunruhigen, zog es der Kapitän vor, wie der Prüfer vom Technischen Überwachungsverein einzelne Mängel zu monieren, die sich angeblich in der Fachwerkstatt beheben lassen: "Die Positionierung, dass wir unangenehm werden gegen die Ungarn, hat gefehlt", sagte er. Im Zentrum hätten die Kollegen mitunter "ballorientierter" verteidigen sollen, es habe "grundsätzlich zu viele Hereingaben" von den Flügeln gegeben, auch "die Situationen mit dem Block in der zweiten Reihe bei gegnerischen Ecken" hatte ihm nicht gefallen und ebenso wenig der Umgang mit dem "bulligen Stürmer, der noch reingekommen ist", gemeint war Ungarns nationaler Schützenkönig, der äußerst bärtige Angreifer Martin Adam: Man habe eigentlich verabredet, "dass der gut wegverteidigt wird - aber das haben wir dann doch nicht getan", konstatierte Neuer. Zweimal kam der eingewechselte Adam in der Schlussphase frei zum Kopfball, zweimal hatten die Deutschen Glück, dass er den Versuch schlecht platzierte.

Neuer nannte anständigerweise keine Namen, sonst hätte er beispielsweise Niklas Süle oder Thilo Kehrer ansprechen müssen, die nicht immer den Eindruck geistiger Anwesenheit machten. Aber damit waren sie keine Seltenheiten im deutschen Team, Goretzka fiel im Zentrum auch nicht durch wertvolle Beiträge auf - häufig fiel er sogar überhaupt nicht auf. Timo Werner war als pflichtbewusst aktive Sturmspitze zwar regelmäßig im Bild, doch mit seinen zahlreichen Sprints startete er nahezu ebenso zahlreich ins Abseits.

Ein gutes Ergebnis gegen Italien könnte die Gesamtlage rosiger erscheinen lassen

Auf eine frühzeitige Einwechslung der jungen Alternativen Lukas Nmecha oder Karim Adeyemi verzichtete der Coach trotzdem. "Die richtigen Abschlüsse sind im Moment noch nicht so zu sehen", räumte Flick ein. Mit der Förderung des Spätentwicklers und abermals einzigen Torschützen Jonas Hofmann hat der Bundestrainer allerdings seinen Kennerblick bewiesen. Ein zweiter Hofmann-Treffer war beim Sololauf in der 72. Minute greifbar nahe - aber da "haben irgendwie die Synapsen nicht richtig gezündet", berichtete der Betroffene später. Statt aufs Tor zu schießen, spielte er einen Fehlpass.

1:1 gegen Ungarn: In dieser Szene wählte Jonas Hofmann (links) den Pass auf Timo Werner (rechts) - ein eigener Abschluss wäre die bessere Wahl gewesen.

In dieser Szene wählte Jonas Hofmann (links) den Pass auf Timo Werner (rechts) - ein eigener Abschluss wäre die bessere Wahl gewesen.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

"Vom Ergebnis her, und wie wir das Spiel angegangen sind, war's einfach ein Rückschritt", rang sich Flick am Ende seiner Ausführungen zu einem aufrichtigen Fazit durch. Trost spendet ihm dabei ausgerechnet das Wettbewerbsformat, die nach wie vor umstrittene Nations League. "Wenn man die Tabelle anschaut - es ist ja noch nichts passiert", sagte Flick: "Lasst uns am Dienstag ein gutes Spiel machen, und dann sieht die Sache anders aus." Mit einer einfachen Steigerung sei es beim Treffen mit Italien in Mönchengladbach allerdings nicht getan: "Uns muss klar sein, dass wir noch mal eine Schippe drauflegen müssen - oder vielleicht auch zwei oder drei."

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