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Ausgleich in der 96. Minute:Spanien bestraft Deutschlands Passivität

Nicht im Abseit: Jose Luis Gaya erzielt das 1:1 in der 96. Minute.

(Foto: AFP)

Timo Werner bringt das DFB-Team in Führung - doch danach will die Mannschaft das Ergebnis über die Zeit retten. Das Vorhaben misslingt, weil Ramos rüde wird und Debütant Gosens das Abseits aufhebt.

Von Javier Cáceres, Stuttgart

Als Spaniens Fußballnationalmannschaft am Donnerstagabend am Stuttgarter Schlosspark in den Reisebus eines schwäbischen Unternehmens stieg, konnten sie einen Spruch am Gefährt lesen, der wirkte, als wollte man sie einlullen. "Sie machen Urlaub, wir den Rest", stand in großen Lettern auf dem Seitenflügel des Wagens.

Urlaub? Von wegen! Die Reise ging in die einst als Neckarstadion bekannte Arena, aus Anlass dieses seltsamen, noch immer neuen Wettbewerbs namens Nations League. Und dort holten die Gäste durch ein Tor von Gayá in der Nachspielzeit ein Remis gegen die DFB-Elf, die durch einen Treffer des Neu-Londoners Timo Werner in der 51. in Führung gegangen war.

"Das ist sehr ärgerlich, wir haben viel reingesteckt ins Spiel, sind sehr viel gelaufen", sagte Werner über den späten Ausgleich. Nach seinem eigenen Treffer hätte sich das Team "vielleicht zu weit hinten reindrücken lassen".

Unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw, der mit seinem schwarzen Rollkragenpullover und seiner charakteristischen Frisur aussah, als wollte er noch auf eine Beatnik-Party gehen, entwickelte sich zunächst eine flotte Partie. Die Spanier ließen den Ball in der ihnen seit Jahren eigenen Art laufen und überstanden auch, dass der Wahl-Pariser Thilo Kehrer in der 11. Minute Spaniens Torwart David De Gea per Kopf prüfte. Kaum drei Minuten aber beschwor Emre Can eine ungleich größere Gefahr herauf - für das eigene Tor. Es missriet ihm eine Rückgabe auf Torwart Kevin Trapp, der vor dem Strafraum intervenieren musste, aber von Spaniens Mittelstürmer Rodrigo ausgespielt wurde. Es war Trapps Glück, dass Rodrigo in die Landschaft schaute. Trapp rauschte noch heran und klärte per Tackling, ehe Rodrigo ausholen konnte.

Danach teilten sich Deutsche und Spanier alles, was das Spiel hergab. Eine Chance durch einen Schuss voller Drall des Neu-Bayern Leroy Sané (18.), den Spaniens Torwart De Gea bravourös ablenkte, beantworteten die Spanier durch einen Volleyschuss von Sergio Busquets (23.), den Trapp parierte. Abzüglich leuchtender Momente von Thiago, der sich offenkundig durch die Rückennummer 10 in der Pflicht sah und nichts unversucht ließ, dem Spiel der Spanier zu Glanz zu verhelfen, glitt das Spiel zusehends in die Gleichgültigkeit ab.

Gosens trieb den Ball nach vorne

Beiden Teams war anzumerken, dass sie noch in der Konstruktion begriffen sind. Wie Rohbauten, die noch von Metallgerüsten umgeben sind. In der DFB-Elf vermochten es Ilkay Gündogan und Toni Kroos nicht, die Kontrolle über das Mittelfeld an sich zu ziehen; die beiden Spitzen Timo Werner und Sané hingen aber auch deshalb zu oft in der Luft, weil Julian Draxler hinter den Spitzen nur selten als Transmissionsriemen funktionierte. Andererseits: Es wäre dem von gegenseitiger Neutralisierung geprägten Spielverlauf kaum angemessen gewesen, wenn Rodrigo unmittelbar vor der Pause seine Großchance zur spanischen Führung genutzt hätte.

"Wir hatten im Spiel insgesamt die besseren Chancen als die Spanier", befand Löw, "es ist viel passiert in der ersten Halbzeit, es war fast ein Schlagabtausch."

In der 58. Minute hatte Rodrigo neuerlich die Gelegenheit, sein Distanzschuss aber strich knapp über das Tor von Trapp. Es wäre allerdings nicht mehr die Führung gewesen, sondern der Ausgleich. Denn Timo Werner, der in der ersten Halbzeit noch weniger agil gewirkt hatte als sein Sturmpartner Sané, hatte da schon das 1:0 erzielt - nach dem ersten in Perfektion vollendeten Spielzug der DFB-Elf.

Ilkay Gündogan hatte nahe der Mittellinie gesehen, dass der bis dahin blasse Robin Gosens auf der linken Seite eine Prärie vor sich hatte, und er bediente den Länderspieldebütanten mit einem Pass, der Bernd Schuster alle Ehre gemacht hätte. Gosens trieb den Ball nach vorne, legte zurück auf Werner - und der einstiger Stuttgarter schoss ein, nachdem er sowohl Sergio Ramos als auch dessen Verteidigerkollegen Pau Torres aussteigen ließ (51.).

Das Tor an alter Wirkungsstätte festigte Werner augenscheinlich. In der 61. Minute kam er erneut gefährlich vors Tor, nach feiner Vorarbeit von Sané, der nach dem Sprint um den Wechsel bitten musste. Für den Stürmer kam Innenverteidiger Matthias Ginter, was auch auf dem Platz für Verwunderung sorgte. Die lauthals vorgetragene Bitte an Orientierung, die im Stadion zu hören war, ging aber nicht an den Beatnik Löw, sondern an dessen Assistenten Sorg. "Marcus!!! Wie spielen wir?", rief Kapitän Kroos und hob die Hände.

Nun: Fortan verteidigte Löws mit einer Fünfer-Kette und baute auf Umschaltmomente, die nicht kamen. Die Spanier verlagerten das Spiel in die Hälfte einer nur noch reagierenden DFB-Elf. Außer einem Fernschuss von Thiago (70.) brachten die Spanier zunächst kaum etwas zustande. Dafür zwang Innenverteidiger Niklas Süle nach einer Ecke De Gea per Kopf zu einer weiteren Glanztat. Bei einem Kopfball von Antonio Rüdiger (86.) wäre der Keeper wohl machtlos gewesen, doch der Ball flog übers Tor. Dann kam eine turbulente Schlussphase: Ein Treffer von Spaniens Debütant Ansu Fati wurde noch wegen eines Fouls von Sergio Ramos annulliert, nicht aber das Tor von Gayá, dessen vermeintliche Abseitsstellung durch Gosens, der im Toraus lag, aufgehoben wurde. Es war ein Tor, das die deutsche Passivität spät bestrafte.

Debütant Gosens sagte später auch mit angemessenem Ärger: "Das geht mir ordentlich auf den Zünder, dass wir in der letzten Sekunde dieses Eier-Gegentor bekommen."

© SZ vom 04.09.2020/schm
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