DFB-Gegner Island:Ein Mini-Haaland als Attraktion

ZALTBOMMEL 07 03 2018 sportpark de Watertoren voetbal EK Kwalificatie Nederland onder 17 IJsl; Andri Gudjohnsen

Andri Lucas Gudjohnsen (re.) kam 2002 in England zur Welt, als sein Vater Eidur beim FC Chelsea spielte.

(Foto: Pro Shots/Imago)

Die schwer kriselnden Isländer hoffen gegen Deutschland besonders auf einen: Real-Nachwuchsmann Andri Lucas Gudjohnsen, der einen berühmten Vater hat - und beste Erinnerungen an den DFB.

Von Jonas Beckenkamp

Sein erstes Tor in der Nationalelf erzielte der Mann, den sie daheim in Island nur "Andri" nennen, in klassischer Bomber-Manier: Flachpass von links an den Fünfmeterraum, Ball mit dem Rücken zum Tor gestoppt und abgeschirmt, Drehung, rein damit! Eine internationale Karriere so zu beginnen, ist nicht die schlechteste Voraussetzung, das durfte Andri Lucas Gudjohnsen sogar in der Zeitung lesen - nach seinem Ausgleichstreffer in der WM-Qualifikation zum 2:2 gegen Nordmazedonien.

"Wie Gerd Müller", lautete am Dienstag der Titel eines Artikels im Morgunbladid, das voller Stolz vom Vergleich des Magazins Kicker zwischen der kürzlich verstorbenen FC-Bayern-Legende und Gudjohnsen berichtete. Islands Fußballer stehen vor dem Treffen mit der DFB-Elf am Mittwochabend zwar nicht gut da, den Fußball auf der Insel plagt eine Missbrauchs-Affäre um Verband und Nationalspieler, sportlich ist das Team längst nicht mehr so gut wie in den "Huh"-Tagen der Fan-Euphorie bei der EM 2016. Doch immerhin: Es gibt eine neue Attraktion in Islands Nationalteam: einen 19-jährigen Stürmer, der nach seinem zweiten Länderspiel ein großes Thema ist - und das nicht nur in der Heimat.

Gudjohnsen sieht ein wenig aus wie Erling Haaland, nur weniger muskulös. Blonde Haare, Pausbacken, ein Junge mit Dynamik und Instinkt. Und schon sein Nachname verspricht Historisches, entsprechend gewaltig sind die Erwartungen, die der Sohn von Eidur Gudjohnsen, 42, schürt. Das mit dem Toreschießen ist bei den Gudjohnsens nämlich Familiensache. Bereits Eidurs Vater war in den 1980er-Jahren beim RSC Anderlecht eine Berühmtheit, sein Sohn wurde dann in den Nullerjahren als Wandersmann zum bekanntesten Fußballer, den Island je hervorbrachte.

Bei seinem Debüt bekommt Andri Gudjohnsen einen Kuss vor der Einwechslung

Eidur Gudjohnsen reüssierte unter anderem in Eindhoven, bei Chelsea in London, in Barcelona (dort als Champions-League-Sieger) und Bolton, er ist bis heute Islands Rekordtorschütze. Er galt auf dem Rasen als Rumtreiber, als furchtloser Unruhestifter, der auch mit wenig Spielzeit seine Tore machte. Heute ist er Assistent von Nationaltrainer Arnar Vidarsson. Er sieht seinen Sohn Andri also alle paar Monate - und ist dann so etwas wie sein Vorgesetzter. Bei Andri Gudjohnsens Debüt am vergangenen Donnerstag gegen Rumänien (0:2) gab er ihm einen Kuss mit aufs Spielfeld. "Für uns war das eigentlich nichts Besonderes", sagte der Filius später im isländischen Fernsehen RUV, "natürlich ist er mein Vater, aber er ist eben auch Co-Trainer."

Eidur Gudjohnsen

Auch in Spanien unterwegs: Eidur Gudjohnsen schoss 19 Tore im Trikot des FC Barcelona.

(Foto: imago)

In Island sind Familien besonders eng verbunden, jeder kennt jeden. Trotzdem versuchen der junge Stürmer und sein Vater die Beziehung "so professionell wie möglich zu halten", wie Andri erklärte: "Ich denke, er (Eidur) war einfach stolz, seinen Sohn als Nationalspieler bei seinem ersten Länderspiel zu sehen." Von der Schmonzette habe er selbst ohnehin nichts mitbekommen, vor lauter Aufregung habe er sich nur aufs Spiel konzentriert: "Ich habe die Szene erst später auf Video gesehen."

Sein Mitspieler Kari Arnason, 38, der selbst noch mit Eidur zusammengespielt hatte, erklärte bei einer Pressekonferenz unter Gelächter, was Vater und Sohn Gudjohnsen voneinander unterscheidet: "Er hat sich im Training gut geschlagen und ist im Gegensatz zu seinem Vater ein bescheidener und gutaussehender Junge." Ein cooler Typ sei dieser Andri, und rein fußballerisch scheint der junge Mann, geboren 2002 in London, einiges vom Talent seines Vaters geerbt zu haben. Er bewegt sich filigran, ist ein guter Kopfballspieler und bringt Gespür für Räume mit.

Andri Gudjohnsen hat allerbeste Erinnerungen an Deutschland

Und überhaupt: Wenn ein junger Isländer im Nachwuchsteam von Real Madrid spielt und dort mit Toren auffällt, dann muss er Qualitäten haben. Begonnen hatte Gudjohnsen 2010 in der berühmten Barça-Kaderschmiede La Masia, ehe er erst in die Jugend von CF Gava und dann zu Espanyol Barcelona wechselte. 2018 verhalfen ihm (und seinem 15-jährigen Bruder Tristan) die Kontakte des Vaters zur Aufnahme in die Jugend-Akademie von Real Madrid. Mit 16 gelangen ihm in der U17 dort prompt 31 Treffer in 29 Spielen. In der zweiten Mannschaft der Königlichen, Real Castilla, lernt er aktuell von einem der Besten: Sein Trainer dort ist Klublegende Raúl.

Wohl auch auf dessen Empfehlung meldete Real Gudjohnsen nun sogar als einen von 40 Spielern für die Champions League an. Ob er in der Königsklasse erste Einsätze bekommt, hängt vor allem am Trainer, am großen Mister Carlo Ancelotti - und der gilt gemeinhin nicht als Förderer der Jugend, wie das Beispiel des entnervt zu Arsenal gewechselten Norwegers Martin Ödegaard zeigte.

Andri Gudjohnsen bekommt wohl erst mal seine nächste Chance im A-Nationalteam, wo in Abwesenheit der Angreifer Alfred Finnbogason und Kolbeinn Sigthorsson neuerdings Platz ist. Und an Deutschland hat er bereits allerbeste Erinnerungen: In der EM-Qualifikation der U17 erzielte er vor zwei Jahren in Worms einen Hattrick beim 3:3 gegen die DFB-Junioren. Einer seiner Gegner damals: Karim Adeyemi. Auch der debütierte diese Woche gegen Armenien ja mit einem Tor als Neu-Nationalspieler.

© SZ/tbr
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