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Toni Kroos beim DFB:Unverzichtbare Landmaschine für Löw

Toni Kroos, hier gegen den Niederländer Steven Bergwijn (links).

(Foto: AFP)
  • Bei der Nationalelf ist Toni Kroos nach wie vor unverzichtbar, weil er das Spiel organisiert wie kein anderer.
  • Gegen Holland verleiht er dem jungen Team Struktur.

Während der nationalen Großdebatte, die sich nach den Kündigungen des Bundestrainers für die alten Helden Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller entwickelte, offenbarte sich auch wieder der Wesenszug der deutschen Gründlichkeit. Wenn schon Frühjahrsputz - warum nicht auch bei Manuel Neuer? Und bei Toni Kroos?

Diese Stimmen, die forderten, sozusagen reinen Tisch zu machen mit den Weltmeistern, waren keineswegs selten, aber sie fanden kein Gehör bei Joachim Löw, der sich in beiden Personalien frühzeitig festlegte: Während er Neuer bis zum Beweis des Gegenteils im Amt der Nummer eins bestätigte, versicherte er Kroos seiner unverändert hohen Wertschätzung ("er ist für eine Mannschaft ein unglaublicher Gewinn, seine Ballbehandlung, seine Fähigkeit, ein Spiel zu lenken, seine Übersicht sind einmalig") und erklärte ihn ohne Vorbehalte für "unverzichtbar".

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Im Johan-Cruyff-Stadion musste der Unentbehrliche allerdings erfahren, dass die Reform der Nationalelf auch vor seinem Arbeitsplatz nicht halt macht. Kroos spielte im Prinzip zwar dort, wo er immer spielt, aber die systemrelevanten Umstände bedingten es, dass er öfter aus seiner halblinken Mittelfeldposition in die Zentrale einzurücken hatte. Das Sprichwort vom alten Baum, den man nicht verpflanzen darf, dränge sich auf, traf allerdings nicht zu. Kroos erledigte seine Arbeit akkurat und nahm es ohne sichtbare Beschwerden hin, dass er öfter als üblicherweise erwünscht in Zweikämpfe verwickelt wurde. "Nicht unverdient" empfinde er den 3:2-Sieg, sagte Kroos später: "Es tut definitiv gut, weil wir uns endlich mal belohnt haben. So kann es dieses Jahr weitergehen."

Als Anspielstation zum Aufbau fiel Kroos weitgehend aus

Linksaußen Quincy Promes und Marten de Roon konfrontierten Kroos mit physischen Mitteln, brachten ihn damit aber nicht aus dem Rhythmus. Der 29 Jahre alte Profi, der auch bei Real Madrid längst zum unverrückbaren Inventar gehört, ging das Spiel mit gestraffter Haltung an. Dass er sich dabei mehr ins Zeug legte als sonst, ließ sich jedoch nicht behaupten. Kroos ist auf gar keinen Fall der Ansicht, dass er noch irgendeinem Kritiker oder Zweifler etwas beweisen müsste, darauf hat er noch mal explizit hingewiesen, als er sagte, er werde in diesem Leben nicht mehr der 90-Minuten-Sprinter werden, "der 28 Grätschen pro Spiel macht".

Dass Toni Kroos entschieden hat, seinen Stil nicht mehr zu ändern, lässt ihn souverän erscheinen, macht ihn allerdings auch angreifbar: Sein Beharren kann man auch als Stagnieren deuten. Hübsch der Vergleich, den Bernd Schuster neulich nach einem Spiel in der Primera Division anstellte: "Dieseltraktor". Kroos fand das allerdings gar nicht hübsch, die metaphorische Kritik des Alt-Internationalen disqualifizierte er geradewegs als "Quatsch". Das Bild von der Landmaschine hat trotzdem seinen Reiz: Sieht man Kroos, wenn nicht gerade der Ball in der Nähe ist, in seinem gemäßigten Einheitstempo über den Platz traben, kann man sich das Tuckern eines Dieselmotors dazu sehr gut vorstellen.

Als die Niederländer in der zweiten Halbzeit den Aggressionsfaktor um zwei, drei Stufen steigerten, musste sich auch Kroos öfter ins Getümmel begeben - stürzen wäre zu viel gesagt. Seine Ruhe am Ball behielt er auch denn, wenn drei Oranjes zugleich heraneilten. Den Teil der Deckungsarbeit, der Dynamik und Robustheit erforderte, überließ er allerdings anderen, allen voran seinem Nebenmann Joshua Kimmich.

Als Anspielstation zum Aufbau von Entlastungsangriffen fiel Kroos weitgehend aus, da ihn Georginio Wijnaldum konsequent zustellte. Versuche, zwecks Raumgewinn mit Linksverteidiger Nico Schulz in den Austausch von Doppelpässen zu kommen, scheiterten oft an den ungenauen Zuspielen des eifrigen, bis zu seinem Siegtor aber nervösen Hoffenheimers. So begnügte sich Kroos, da es für eine prägende Rolle nicht reichte, mit einem unauffälligen Part als Ensemble-Spieler. Damit machte er sich weder unentbehrlich noch entbehrlich.

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