Deutschland gegen Ukraine 3:3 Feuerwehrübung über 90 Minuten

Bundestrainer Joachim Löw experimentiert gewaltig, die Ukraine führt schnell, am Ende rettet das DFB-Team mit einem energischen Schlussspurt immerhin ein Unentschieden: Das 3:3 in der Ukraine zeigt der deutschen Elf, dass der Weg zum ersehnten EM-Titel noch weit ist. Torwart Ron-Robert Zieler erlebt eine ernüchternde Premiere.

Es war das Stadion, in dem in acht Monaten das Finale der Fußball-Europameisterschaft 2012 stattfinden wird. Man kann da ins Träumen kommen. Von einer lauen ukrainischen Sommernacht. Von einem EM-Endspiel gegen . . . Spanien? Finalträume handeln ja inzwischen eigentlich immer von Spanien!

Torjubel bei der Aufholjagd: Thomas Müller (2. von rechts) und Dennis Aogo.

(Foto: AP)

Aber nun fielen erst mal ein paar vereinzelte Schneeflocken aus den Wolken - und es wurde auch auf dem Rasen nicht der Abend, um die Gedanken schweifen zu lassen. Dafür mussten sich die deutschen Nationalspieler im Hier und Jetzt viel zu sehr konzentrieren.

3:3 endete am Freitagabend in Kiew der Test gegen den Co-Gastgeber des nahenden EM-Turniers, und die "unglaubliche Dominanz", die Joachim Löw seiner Mannschaft später attestierte, war dabei natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn was nutzt eine Dominanz, die zu ebenso vielen Toren wie Gegentoren führt? So Ergebnis-fixiert wollte Löw den Abend allerdings nicht bewerten. Vielmehr hatte er seiner Elf einige Knobelaufgaben gestellt - die stürmenden Ukrainer waren für ihn da, bei allem Respekt, nur die Staffage für ein Spiel im Versuchslabor.

Hinten verteidigte statt der üblichen Viererkette erstmals eine Dreierkette: Boateng, Hummels, Badstuber. "Na ja", lachte Löw später über diese Idee: "Da fängt man sich dann halt mal drei Tore." Dennoch hielt der Bundestrainer es für gerechtfertigt, so ein System auszuprobieren - "um den Ernstfall zu proben, bevor er eintritt". Ein Rückstand in einer EM-Partie, der zum Ausdünnen der eigenen Verteidigung zwingt, oder ein Platzverweis für einen Verteidiger - das waren die Szenarien, an die Löw dachte, als er in Kiew seine elf Männer auf den Platz schickte. Dass so eine Variation dann nicht auf Anhieb zum gewünschten Erfolg führe, analysierte er gelassen, "das nehme ich in meine Verantwortung".

Vorne wiederum lautete eine der Fragen, auf die Löw noch eine Antwort sucht, ob der Dortmunder Mario Götze bei der EM eher ein Vertreter des Spielgestalters Mesut Özil von Real Madrid sein wird - oder ob er auch als dessen Nebenmann funktioniert. Auch in der Özil-Götze-Frage bekam Löw schon Mitte der ersten Halbzeit eine Antwort, nach einer Ecke seiner Elf.

Der Ball ging verloren, Andrej Schewtschenko rannte auf das deutsche Tor zu, dann ein schlichter Flügelwechsel auf Milewski, Weiterleitung zu Rakizki, Pass zu Jarmolenko - 1:0 für die Ukraine (28.). Götze? Özil? Beide waren angesichts der Bedrohung bis in den eigenen Fünfmeterraum zurückgesprintet. Und die Art, wie sie dort nun herumirrten, machte zumindest klar: Als Innenverteidiger dürfte Löw bei der EM keinen von beiden aufstellen.

Sie hätten allerdings "viele Angriffe mit initiiert und waren sehr ballsicher", analysierte Löw. So wurde dieses Gastspiel in Kiew einer dieser typischen Einerseits-Andererseits-Abende: Der Bundestrainer erhielt eine Menge Antworten auf Fragen, die ihn umtreiben. Und dazu noch ein paar Antworten auf Fragen, die er nie hatte stellen wollen.

Und das alles bei einem Ergebnis, das dem Publikum zwei Kernbotschaft hinterließ: dass man dieser zuletzt so spielfreudig auftretenden deutschen Elf, erstens, besser nicht ihre Automatismen nehmen sollte, will man sie nicht nachhaltig verwirren. Dass sich diese Elf, zweitens, aber auch im verwirrten Zustand nicht verloren gibt.

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