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Deutschland spielt 3:3 gegen Paraguay:Viel Spektakel, noch mehr Sorgen

Lesezeit: 4 min

Die deutsche Nationalelf wirkt gegen Paraguay phasenweise völlig unsortiert in der Abwehr. Erst steht es 0:2, dann 2:3 und es deutet sich erneut an, dass Löws Mannschaft ein gravierendes Defensivproblem hat. Immerhin klappt es im Angriff, wo Gündogan, Müller und Lars Bender treffen.

Von Andreas Glas

Die Menschen lieben Rekordjäger. Und weil Miroslav Klose nicht nur Rekordjäger ist, sondern auch Pfälzer, hatten die Zuschauer ihn am Mittwochabend besonders lieb. In Kaiserslautern, wo Kloses Profi-Karriere vor gefühlten 50 Jahren begann, hätte passieren können, worauf die Nation seit gefühlten 500 Jahren wartet. Immer wenn Klose den Ball hatte, raunte das Publikum auf dem Betzenberg. Und dann kam die 11. Spielminute.

Aus dem Mittelfeld schlug Sami Khedira einen weiten Ball in den Strafraum, dort stand Klose völlig frei, drehte sich elegant um die eigene Achse und löffelte den Ball über Paraguays Torwart Justo Villar. Es wäre Kloses 68. Länderspieltor gewesen, er hätte gleichziehen können mit Gerd Müller, Deutschlands Ur-Torjäger. Aber Klose traf nicht, der Ball landete auf dem Tornetz, die Nation muss weiter warten. Und so stand am Ende des Fußballabends nicht die 68 im Mittelpunkt, sondern eine andere, weniger erfreuliche Zahl: die Drei.

Drei Tore kassierte die DFB-Elf nämlich beim 3:3 (2:3) im Test gegen Paraguay. Das ist vor allem deshalb eine Nachricht, weil ja vor dem Spiel viel über die deutsche Abwehrschwäche geredet worden war. Nach zuletzt sechs Gegentoren gegen Ecuador (4:2) und die USA (3:4) hatte Löw diese Debatte unter der Woche höchst selbst befeuert. "Wir haben absolut zu viele Gegentore zugelassen", hatte er gesagt, und mit Blick auf die WM 2014 entsprechende Erziehungsmaßnahmen angekündigt. Das Königsziel, so Löw, "besteht darin, defensiv gut zu stehen, ohne Catenaccio zu spielen, und vorne noch zwei, drei Tore zu schießen."

So gesehen war der Paraguay-Test ein sauberer Misserfolg für Joachim Löw. Zwar fielen vorne die gewünschten Tore, aber hinten stand die Null nicht. Im Gegenteil, da stand ja die dicke, fette Drei. Nach dem Spiel sprach Löw wahlweise von "Konzentrationsfehlern", "taktischen Fehlern" und "krassen Fehlern". Vor allem zu Beginn der Partie habe seine Mannschaft "in der gesamten Defensivarbeit sehr, sehr fahrig" agiert. Dieser Vorwurf dürfte besonders für Innenverteidiger Mats Hummels gelten. Ausgerechnet Hummels, der während der Woche noch betont hatte, wie wichtig es sei, eine defensive Grundordnung zu haben.

Ein wahrlich kluger Satz, wie sich schon in der neunten Spielminute zeigen sollte. Denn hätte die deutsche Defensive so etwas wie eine Grundordnung gehabt, wäre der lange Ball nicht über Hummels hinweg in den Lauf von José Nuñez geflogen. Nuñez zog sofort ab, zimmerte den Ball ins Tor und ließ Löw wild mit den Armen rudern.

Vier Minuten später mochte der Bundestrainer nicht einmal mehr rudern. Diesmal hatte Sami Khedira gepatzt. Nach einer Faustabwehr von Torwart Manuel Neuer landete der Ball an der Strafraumgrenze, wo ihn Khedira in Wilson Pittonis Beine stolperte, der aus 20 Metern volley ins Tor traf (13.). Joachim Löw blickte ein paar Sekunden fassungslos drein, dann drehte er seinen Spielern den Rücken zu und machte eine wegwerfende Handbewegung als wollte er sagen: "Ja, hat mir denn überhaupt keiner zugehört!"

Und als kurz vor der Pause Miguel Samudio zum dritten Mal für Paraguay traf, musste man Angst haben, dass sich Löw nicht auf die Zunge beißt, so böse wie er drein schaute. Wieder hatte Mats Hummels geschlafen: Nach einem Steilpass von Victor Ayala entwischte ihm Roque Santa Cruz, der nicht gerade für seine Schnelligkeit bekannt ist. Der frühere Bayern-Stürmer legte quer zu Samudio, der nur noch den Fuß hinhalten musste, um Neuer zu überwinden (45.).

"Ich denke mir bei beiden Szenen, dass der Gegner im Abseits steht", kommentierte Hummels die Geschehnisse vor dem 0:1 und dem 2:3. "Das war mein Fehler oder der Fehler von irgendjemand anderem. Aber am besten wäre es, der Fehler passiert überhaupt nicht", sagte der Dortmunder nach dem Spiel. Noch ein kluger Satz.

Zwischenzeitlich hatten immerhin Ilkay Gündogan (18.) und Thomas Müller (31.) zum 2:2 ausgeglichen. Gündogan traf mit einem feinen Schlenzer von der Strafraumkante, musste aber nach 27 Minuten wegen Rückenschmerzen ausgewechselt werden. Und Müller stoppte einen guten Hummels-Pass aus der Luft, dann spitzelt er ihn mit links an Paraguays Torwart vorbei ins Tor.

In der zweiten Halbzeit kam Jérôme Boateng für den schwachen Per Mertesacker und spielte den zweiten Innenverteidiger neben Hummels. Dass die Abwehr nach der Pause keine Fehler mehr machte, lag vor allem daran, dass die DFB-Elf mit enormer Angriffslust aus der Kabine gekommen war - und die müde gewordenen Paraguayer in die eigene Hälfte drängte. Auch dank der eingewechselten Lukas Podolski und Lars Bender kam mehr Schwung und Stabilität ins deutsche Spiel.

Arsenal-Profi Podolski leitete in der 75. Minute den 3:3-Ausgleich ein, indem er einen Flachpass in den Strafraum spielte, der für Unordnung in Paraguays Abwehr sorgte. Lars Bender schnappte sich den Ball und traf aus 14 Metern ins lange Ecke (75.). Doch außer viel Ballbesitz hatten die Deutschen danach keine klaren Torchancen mehr zu bieten. In der Nachspielzeit drosch der ebenfalls eingewechselte André Schürrle den Ball freistehend über das Tor - und vergab die letzte Chance auf den Siegtreffer.

Insgesamt hat der Länderspielabend in Kaiserslautern keine Erkenntnisse gebracht, die nicht vorher schon da waren: Die Offensive schießt zuverlässig Tore, die Defensive wackelt ebenso zuverlässig. "Das war ein Warnschuss. Wir müssen das vor den nächsten Qualifikationsspielen analysieren und daraus lernen", sagte Manuel Neuer. Und auch Thomas Müller wurde nach dem Spiel gefragt, wie das nun alles zu bewerten sei. Er blies die Backen auf, überlegte kurz und sagte, was sich möglicherweise viele dachten: "Ich finde, es war ein Testspiel, das ein bisschen komisch einzuordnen ist."

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