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Deutschland gegen Italien von A bis Z:"Und auch wir sind dabei - hollahi, hollaho"

Kartoffeln oder Pasta, Bier oder Wein? Wenn die Klischees abgearbeitet sind, muss Fachwissen her: Was haben Schnellinger, Boninsegna, Udo Jürgens und Asterix mit dem Halbfinale Deutschland gegen Italien zu tun? Einfach im SZ-Lexikon nachschlagen.

Boris Herrmann

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´Ausgerechnet Schnellinger" - Legendärer WM-Torschütze wird 70

Quelle: picture-alliance/ dpa

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Kartoffeln oder Pasta, Bier oder Wein? Wenn die Klischees abgearbeitet sind, muss Fachwissen her: Was haben Schnellinger, Boninsegna, Udo Jürgens und Asterix mit dem Halbfinale Deutschland gegen Italien zu tun? Einfach im SZ-Lexikon nachschlagen.

Von Boris Herrmann

Ausgerechnet Schnellinger: Vom Fernsehmoderator Ernst Huberty benutzter Ausdruck der Verwunderung über ein Tor des deutschen Abwehrspielers Karl-Heinz Schnellinger. Im Weltmeisterschafts-Halbfinale von 1970 (-> Jahrhundertspiel) laufen die letzten Sekunden der regulären Spielzeit. Seit der 7. Minute steht es 1:0 für Italien durch einen Treffer von -> Roberto Boninsegna. Die DFB-Auswahl hat dreißig Mal vergeblich auf das italienische Tor geschossen. Als Schiedsrichter Yamasaki zur Pfeife greift, versucht es der -> Italien-Legionär Schnellinger vom AC Mailand noch ein 31. Mal - und rettet Deutschland per Torgrätsche tatsächlich noch in die berühmteste Verlängerung der Fußballgeschichte. Huberty sagt mit der Gemütsruhe eines Dorfpfarrers: "Ausgerechnet Schnellinger werden die Italiener sagen. Ausgerechnet Schnellinger. Es. Ist. Nicht. Zu. Glauben."

Boninsegna, Roberto: a) Autor des italienischen Führungstores im -> Jahrhundertspiel 1970. b) Zentrale Figur im Büchsenwurfspiel 1971. Der Profi von Inter Mailand wurde im Achtelfinale des Landesmeister-Pokals gegen Borussia Mönchengladbach womöglich von einer Cola-Dose getroffen. Womöglich aber auch nicht. Er brach jedenfalls beim Stand von 2:1 für Gladbach zusammen und ließ sich vom Platz tragen. Inter verlor 1:7, das Ergebnis wurde aber wegen der Boninsegna-Büchse annulliert. Im Wiederholungsspiel brach B. dem Gladbacher Ludwig Müller Schien- und Wadenbein. Die Partie endete -> Nullnull, Gladbach schied aus.

***BESTPIX*** Borussia Dortmund v SC Freiburg  - Bundesliga

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Castello di Casiglio: Im lombardischen Erba gelegenes Lieblingshotel von Lothar Matthäus (-> Legionär). Von hier unternahm der deutsche Rekordnationalspieler im Sommer 1990 schöne Boots-Ausflüge auf dem Comer See. Von hier aus führte er auch die DFB-Auswahl zum WM-Titel. Der Geist vom C. d. C. gehört neben dem Geist von Spiez (1954), dem Geist von Malente (1974) sowie dem Maulwurf vom Dwór Oliwski (2012) zu den wichtigsten inoffiziellen Mitarbeitern der deutschen Nationalmannschaft.

Dortmund: a) deutscher Fußballmeister der Jahre 2011, 2012. b) Ort des bislang vorletzten Länderspiels zwischen Deutschland und Italien. Im Halbfinale der WM-2006 jubelten hier die Italiener über ein 2:0 n.V. (-> Grosso). c) Ort des bislang letzten Länderspiels zwischen Deutschland und Italien. Im Februar 2011 jubelten hier die Italiener über ein 1:1 in einem Freundschaftskick. Nach dem blamablen Auftritt bei der WM 2010 gilt D. damit als Geburtsort des neuen italienischen Fußballs von Nationalcoach Cesare Prandelli. d) Geburtsort von Marco Reus.

Einseins: a) Ergebnis des bislang letzten deutsch-italienischen Fußballspiels (-> Dortmund.) b) Zwischenstand des bislang besten deutsch-italienischen Fußballspiels nach 90 Minuten. (-> Ausgerechnet Schnellinger, -> Jahrhundertspiel)

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Quelle: fotogloria

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Fertig haben: Ende der neunziger Jahre gebräuchlicher Ausdruck der Verwunderung über die große Anzahl von leeren Flaschen im Trikot des FC Bayern München (Strunz, Basler, Scholl, etc.). F. h. und seine Konjugationsformen (Ich habe fertig, du habe fertig, er/sie/es habe fertig, etc.) wird sowohl im deutschen als auch im italienischen Sprachraum verstanden. Das Urheberrecht wird dem deutsch-italienischen Fußballlehrer -> Il Tedesco zugeschrieben.

Grosso, Fabio: Italienischer Fußballspieler, der am 4. Juli 2006 in -> Dortmund zum 1:0 gegen Deutschland traf und sich damit einen Platz als böse Hexe in dem Volksschauspiel -> Das Sommermärchen sicherte. Schoss den entscheidenden Elfmeter im späteren Finale gegen Frankreich, was ihm zudem einen Platz als Glücksfee in allen italienischen Fußballmärchen bescherte.

Haarigen, die: Offizieller Fachbegriff für "Italiener" in der Sprache des EM-Gastgeberlandes Polen. Beruht einer umstrittenen Theorie zufolge auf der polnischen Wahrnehmung, die Bewohner Italiens seien besonders stark behaart. (Poln.: Wlosi = Haare, Wlochy = die Italiener). Hat aber nichts mit dem langmähnigen Andrea Pirlo zu tun, das Wort gibt es schon lange. In der Welt der polnischen Sprache treffen die Haarigen am Donnerstag im Halbfinale auf die Stummen, so lässt sich der offizielle Fachbegriff der Bewohner Deutschlands übersetzen (Poln.: niemy = stumm, Niemcy = die Deutschen). Hat aber nichts mit dem verschwiegenen Marco Reus zu tun, das Wort gibt es schon lange.

Die Römer kommen

Quelle: dpa

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Il Tedesco (deutsch: der Deutsche): Für seine einstmals blonden Haare, seine zurückhaltende Art und seine Verbalkonstruktionen (-> Fertig haben) berühmter Deutsch-Italiener, der einst ausgerechnet mit -> Schnellinger beim AC Mailand spielte, sich inzwischen aber berufsbedingt in Irland aufhält. Hört auch auf die Spitznamen: Maestro, Trap und Giovanni Trapattoni.

Jahrhundertspiel, das: Halbfinale WM 1970. Aztekenstadion, Mexiko City: 1:0 Boninsegna (7.), 1:1 -> Ausgerechnet Schnellinger (90.+3), 1:2 G. Müller (95.), 2:2 Burgnich (99.), 3:2 Riva (104.), 3:3 G. Müller (109.), 4:3 Rivera (111.).

Keiner haut wie Don Camillo: Italienischer Spielfilm aus dem Jahre 1983 mit Terence Hill, -> Roberto Boninsegna und Carlo Ancelotti. Boninsegna kommt in einer höchst amüsanten Fußballszene im Team von Don Camillo zum Einsatz, der ehemalige Nationalspieler Ancelotti kickt in der Mannschaft von Peppone.

Legionär, der: a) Römer, der einer professionellen kriegerischen Tätigkeit außerhalb Roms nachgeht. Klassische Verwendungsform: Kanonenfutter für Asterix und Obelix. b) Fußballer, der einer professionellen sportlichen Tätigkeit außerhalb seiner Heimat nachgeht. Klassische Verbreitungsform: der Italien-Legionär. Pionierarbeit leistete Ludwig Janda, der 1949 beim AC Florenz als erster deutscher Fußballer einen gut dotierten Vertrag in Italien unterschrieb. Der L. Ludwig Janda bestritt im Gegensatz zu seinen berühmten Nachfolgern -> Ausgerechnet Schnellinger und Lothar Matthäus (-> Castellio di Casiglio) nie ein Länderspiel für den DFB.

Cagliari Calcio vs Juventus FC

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Münzwurf, der: Glücklichster Moment der italienischen EM-Geschichte. Nach 120 Minuten steht es im Halbfinale 1968 zwischen der Sowjetunion und Gastgeber Italien -> Nullnull. Der Sieger wird schließlich mit einer Münze ermittelt. Die beiden Verbandspräsidenten Walentin Granatkin und Artemio Franchi treffen sich dafür in der Schiedsrichter-Kabine. Die Mannschaften warten draußen auf dem Rasen. Granatkin besteht auf einen Probewurf, bei dem die Sowjetunion siegt. Im gültigen zweiten Wurf gewinnt Italien, zieht ins Finale ein und wird Europameister. Wenig später wird das Elfmeterschießen erfunden.

Nullnull: Deutsch-italienisches Lieblingsergebnis. Siehe: WM 62, WM 78, EM 96.

Ohrschrauber, der: Vielfach kopierte aber nie erreichte Jubelgeste des bayrischen Italieners Luca Toni.

Plön: a) Kreisstadt in Schleswig-Holstein. b) Heimatort der deutschen Mutter des italienischen Nationalspielers Riccardo Montolivo.

Quinquennio d'Oro: (Deutsch: Das goldene Jahrfünft). Bezeichnung für die erfolgreichste Periode in der Vereinsgeschichte von Juventus Turin (1931-1935) mit fünf Meisterschaften in Serie (italienischer Rekord!). In Deutschland wird das Erreichen einer ähnlichen Bestmarke von zahlreichen Dortmunder Eingeborenen fürs Jahre 2015 prognostiziert. (deutsch: Das schwarz-gelbe Jahrfünft, italienisch: Quinquennio di Kloppo).

Udo Jürgens zum 80. Geburtstag

Quelle: dpa

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Römer: a) Bewohner Roms. b) Erzrivalen von Asterix und Obelix. c) Rathaus der Stadt Frankfurt am Main mit charakteristischer Treppengiebelfassade. Ehemalige Feierstätte erfolgreicher deutscher Nationalmannschaften. Inzwischen abgelöst vom Brandenburger Tor in Berlin (-> Sommermärchen).

Sommermärchen: Von -> Fabio Grosso jäh beendete fiktive Geschichte eines Fußball-Turniers.

Tschenscher, Kurt: a) Deutscher Schiedsrichter, der im EM-Halbfinale 1968 das Geldstück warf und damit Italien ins Finale und zum EM-Titel brachte (-> Münzwurf). b) Deutscher Schiedsrichter, der zwei Jahre später die erste gelbe Karte der Fußballgeschichte zückte (diesmal nicht zugunsten Italiens).

Udo Jürgens: österreichischer Komponist und Sänger mit familiären Wurzeln in Schleswig-Holstein (-> Plön). Interpretierte für die WM 1990 gemeinsam mit der deutschen Nationalelf den Fußballhit "Wir sind schon auf dem Brenner". Konnte dabei vor allem in der zweiten Strophe ein Glanzlicht deutsch-italienischer Liedermacherkunst setzten:

"D'rum nichts wie hin, / hinter uns liegt der Inn, / und vor uns liegt der Po. / Die Welt spielt sich frei / und auch wir sind dabei, / hollahi, hollaho! / Wir sind enorm motiviert und in Form / und die Freundschaft gewinnt. / Versiegelt das Tor, / schiebt elf Riegel davor, / denn wir kommen bestimmt. / Wir sind schon auf dem Brenner, / wir brennen schon darauf. / Wir sind schon auf dem Brenner, / ja, da kommt Freude auf!"

Euro 2012 - Xavi

Quelle: dpa

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Versiegelt das Tor, schiebt elf Riegel davor: a) ehemalige italienische Fußballtaktik. b) Zweitbeste Zeile aus "Wir sind schon auf dem Brenner" (-> Udo Jürgens). Nur knapp geschlagen von: "hollahi, hollaho!"

Weltmeister der Herzen: Im Jahre 2006 erfundener Trostpreis für unterlegene Deutsche. (-> Sommermärchen, -> Fabio Grosso).

Xavi: weltweit führender Mittelfeldspieler, brillanter Stratege, genialer Passgeber. Spielt weder für Italien noch für Deutschland. Genießt aufgrund seines Anfangsbuchstabens aber eine gewisse Monopolstellung in der X-Nische.

Yogi: a) Ajurvedische Gewürzteesorte. b) Trainer des Erzrivalen von Italien. c) großer Bewunderer von -> Xavi.

Zoff: a) weit verbreiteter deutscher Gemütszustand nach Länderspielen gegen Italien. b) ehemaliger Torwart-Dino. Einziger Italiener, der Welt- und Europameister wurde (1982 beziehungsweise 1968). Bis jetzt.

© SZ vom 28.06.2012/ske

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