Hoher DFB-Sieg gegen Liechtenstein:Neun Geschenke für Jogi Löw

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Deutschland - Liechtenstein

Urkunde abholen, ins Publikum winken - dann war Joachim Löws offizielle Verabschiedung auch schon vorüber.

(Foto: Stuart Franklin/dpa)

Vor den Augen des früheren Bundestrainers feiert die deutsche Elf ein 9:0 gegen überforderte Liechtensteiner - die Abschiedszeremonie für Löw gerät allerdings ein wenig trist.

Von Carsten Scheele, Wolfsburg

Hansi Flick stand ein paar Meter entfernt von seiner Mannschaft, er hatte nach dem Schlusspfiff noch etwas zu erledigen. Der Bundestrainer wartete geduldig auf dem Wolfsburger Rasen, während rings herum die Stadionregie für Lärm sorgte, bis er auch den letzten bemitleidenswerten Liechtensteiner abgeklatscht hatte. 0:9 verloren, da gab es wenigstens einen Handschlag und ein aufmunterndes Schulterklopfen vom DFB-Coach. Eine kleine Geste, die beim Gegner gut ankam, wenn das deutsche Publikum zuvor im Überschwang schon intoniert hatte: "Einer geht noch, einer geht noch rein."

Flick zeigt sich als fairer Sieger gegenüber den Liechtensteinern

Es gingen tatsächlich einige Bälle rein beim letzten Heimspiel der deutschen Nationalelf in diesem Jahr, neun Tore insgesamt, sieben mehr als im Hinspiel, das ja "nur" 2:0 gewonnen wurde. Diesmal erzielten Leroy Sané und Thomas Müller je zwei Treffer, İlkay Gündoğan, Marco Reus und Ridle Baku je einen. Hinzu kamen zwei Eigentore der Liechtensteiner, die zudem sehr früh, bereits in Minute acht, einen Platzverweis gegen Jens Hofer hinnehmen musste, der Leon Goretzka mit hochgezogenem Fuß und offener Sohle einen Tritt ins Gesicht verpasst hatte.

Danach gab es sympathische Bilder, wie Goretzka noch benommen auf dem Rasen lag, der Übeltäter Hofer sich aber wirklich intensiv um ihn bemühte, beide Spieler schließlich Arm in Arm vom Platz gingen - und Goretzka am Ende Hofer tröstete, weil dessen Arbeitstag nach dem schwerwiegenden Foul bereits beendet war.

In mehr als 80-minütiger Überzahl hätte sein Team gegen einen solchen Gegner "das ein oder andere Tor mehr machen müssen", ermahnte Flick, jedoch ohne jegliche Dringlichkeit in seiner Stimme. Es lag ja vor allem an Liechtensteins Torwart Benjamin Büchel, dass diese Partie nicht 0:10, 0:12 oder noch schlimmer für das Team aus dem Fürstentum ausgegangen war. Büchel parierte aus allen Lagen, brachte damit insbesondere Wolfsburgs Lukas Nmecha zur Verzweiflung, der als Einwechselkraft im eigenen Stadion so gerne getroffen hätte. Das Publikum war trotzdem wie berauscht, zwischendurch ging die Laola durchs Stadion, die Fans wollten gar nicht mehr aufhören zu klatschen, zu jubeln und zu singen.

Löw kommt und wird verabschiedet - doch die große Feier bleibt aus

Die gute Stimmung passte ins Bild, zum einen war es schließlich der sechste Sieg unter dem Bundestrainer Flick im sechsten Spiel (die Qualifikation für die WM in Katar war bereits im Oktober geschafft worden). Zum anderen war der Abend in Wolfsburg auserkoren, um sich von Flicks Vorgänger Joachim Löw zu verabschieden. Der hatte eine offizielle Ehrung bislang hinausgezögert, um seinen früheren Co-Trainer Flick in Ruhe im neuen Amt ankommen zu lassen, nun war er aber da. Gut erholt, im schicken Mantel, trat Löw durch das Spalier einiger Weltmeisterspieler von 2014 auf den Rasen. Sami Khedira war gekommen, Lukas Podolski, Per Mertesacker und Mats Hummels, der wiederum einen Mantel trug, den man sich erst einmal trauen muss.

Deutschland - Liechtenstein

er ehemalige Bundestrainer Joachim Löw (Mi.) bei seiner Verabschiedung, daneben Mario Gomez (l-r), Julian Draxler, Miroslav Klose und Mats Hummels.

(Foto: Markus Gilliar/dpa)

Doch die Zeremonie war schneller vorbei als gedacht. Löw erhielt die obligatorische Urkunde in einem Bilderrahmen, sagte ein paar Worte ins RTL-Mikrofon über seine Trainerambitionen ("die Lust kommt allmählich zurück"), der Stadionsprecher rief dreimal "Danke, Jogi", dann ging das Spiel los. Keine Einspielfilme, keine emotionalen Bilder aus 17 Jahren Jogi beim DFB. Insgesamt ein recht steriler Abschied für einen Mann, der immerhin den Weltmeistertitel zurück ins Land geholt hatte. Löw nahm Platz auf der Tribüne, neben dem früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach. Feierstunde beendet.

Unten auf dem Platz sah Löw allerdings seine früheren Untergebenen, die sich mächtig reinhängten, als wollten sie ihrem langjährigen Boss zum Abschied noch etwas bieten. Unter den neun Toren waren ziemlich schöne Produktionen dabei, etwa das erste von Sané, ein Linksschuss nach toller Kombination über Reus und Goretzka. Oder der Treffer des Wolfsburgers Ridle Baku, vom Strafraumeck in den Winkel, dass es nur so klatschte. Auffallend war die Gier, mit der die Deutschen auch gegen einen überforderten Gegner immer weiter nach vorne spielten. "Wir wollten das nächste und das nächste", erläuterte Thomas Müller den Auftrag, den die Mannschaft erbarmungslos verfolgte.

Unter Hansi Flick steht die Bilanz nun bei sechs Siegen und 27 Toren, nie ist ein Bundestrainer besser ins Amt gestartet. Dass sein Startrekord am Sonntag in Armenien noch ausgebaut wird, darf als wahrscheinlich gelten; die Armenier gingen am Donnerstag im eigenen Stadion 0:5 gegen Nordmazedonien unter. Wobei Müller sogleich relativierte, man habe in den vergangenen Monaten "keine extrem schwierigen Gegner" gehabt. Auch Reus sagte: "Wie nah wir an der Weltspitze sind, kann man jetzt nicht sagen, die Gegner waren nicht auf dem Niveau."

Unweigerlich wurde der Dortmunder an diesem Abend noch zu Löw befragt. Mit Blick auf die neun Tore sagte Reus: "Das war hoffentlich ein schöner Abschied für ihn." Wenn schon die Feierlichkeiten seitens des DFB ein bisschen trist ausgefallen sind.

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