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Deutsches WM-Quartier in Brasilien:Vor der Tür schwer bewaffnete Polizisten

Im Jahre 1500 waren in dieser Gegend die Portugiesen gelandet, daran erinnern Kreuze und Kapellen. Ureinwohner aus dem Stamm der Pataxó erklären Zuhörern gerne, dass man nicht entdeckt worden sei, "das war eine Invasion des weißen Mannes". Dennoch durchfährt der DFB bei Santa Cruz Cabrália einen Torbogen, den der Bürgermeister aufgestellt hat und der die Seleção aus Alemanha im "Mutterland Brasiliens" begrüßt. Am Campo Bahia treffen dann aufeinander: Santo André und Deutschland. Unternehmer, Funktionäre, Fußballprofis, Handlanger, Künstler und mehr oder weniger begeisterte Bürger.

Die Neugierde steigt stetig, weil die meisten Menschen nur bis zu dem grünlichen Palisadenzaun und den Schiebetoren vordringen. Bei den Sandhaufen dahinter wachen Aufpasser - und davor nun auch schwer bewaffnete Polizisten. Auch Chinas Staatsfernsehen und die New York Times hielten vergeblich um einen Besichtigungstermin an, der brasilianische Medienriese TV Globo filmte ersatzweise aus einem Hubschrauber. Sogar eine Drohne soll über dem Pool gesichtet worden sein.

Erst durfte einzig die Zeitschrift Gala zur Homestory hinein. Selbst schafft man es nur in das Refugium, weil einen der Kunstexperte Achenbach einschleust und die Besitzer überzeugt. Helge Achenbach betreute Berühmtheiten wie Gerhard Richter und Jeff Koons, er war auch mal erfolgloser Präsident von Fortuna Düsseldorf und wollte Maradona verpflichten. Zu dem Auftrag, mit einem Team renommierter Maler und Installateure aus Europa und Brasilien diese Chalets zu verzieren, kam er so unverhofft wie Santo André zu diesem Campo Bahia und den Fußballern.

Das frühere Fischerkaff hat 800 Bewohner, darunter wohlhabende Rentner in entsprechenden Anwesen, und während der kurzen Saison Touristen in Herbergen mit Yoga, Massagen und Wassergymnastik. Da sind zum Beispiel eine pensionierte Schwäbin, die sich Wally nennt, und ihr Mann Hans. Er war Manager bei Daimler, sie war Lehrerin und gibt heute geduldig Deutschkurse ("Wie teuer sind die Eier im Sonderangebot?").

2008 kaufte Christian Hirmer aus dem gleichnamigen Münchner Modeimperium gemeinsam mit dem Allianz- Vertreter Kay Bakemeier und Tobias Junge einem örtlichen Politiker das Grundstück ab. Sie bauten für sich selbst und reiche Gäste. DFB-Manager Oliver Bierhoff war schon vor der WM-Auslosung im Dezember 2013 in Santo André, danach griff der DFB zu. Die Deutschen brauchten einen Standort für die Spiele in Salvador, Recife und Fortaleza - die Besitzer bekommen angeblich 1,5 Millionen Euro für einen Monat und unbezahlbare Werbung, wenn Hunderte Journalisten einfallen.

Nur war die Reklame erst miserabel. Man las, alles werde nicht fertig, das Übungsfeld saufe im Regen ab, Killermücken flögen Luftangriffe. Ohnehin sei dieses Campo Bahia ein goldener Käfig, umzingelt von Armut und Drogen. Junge macht seit langem in Brasiliens Bergbau Geschäfte, er kennt das Land und spricht Portugiesisch, aber er sagt: "Wir hatten das unterschätzt. Da ist ein Tsunami auf uns zugerollt." Sie fanden erst auch nicht genügend treues und qualifiziertes Personal. Zur Belohnung wurden Fernseher und Kühlschränke verlost, wenn die Angestellten trotz mäßiger Löhne auch an Feiertagen zupackten und wochentags nicht fehlten. Deutsche Organisationssucht und brasilianische Improvisationslust. Daumen hoch, tudo bem, alles gut.

Nachbarn fanden es weniger angenehm, als 300 Arbeiter anrückten und Bagger und Planierraupen durch ihr Idyll rumpelten. "Weißt du, wie eine Motorsäge klingt?", fragt einen Steinwurf vom Campo Bahia entfernt auf ihrer Terrasse die Journalistin Léa Penteado und trinkt Campari auf Eis. Und stimme es, dass eines dieser hübschen Häuser mit sechs Zimmern künftig 2500 Euro kosten solle, pro Tag? "Das sind zehn brasilianische Mindestmonatslöhne." Deutscher Fußball sei ihr eh egal, "ich kenne nur Beckenbauer".

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