Schwimmen:Leuchtturm im Schatten

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Schwimmen: Vertrauen entzogen: Marco Troll ist nicht mehr DSV-Präsident.

Vertrauen entzogen: Marco Troll ist nicht mehr DSV-Präsident.

(Foto: Sören Stache/dpa)

Marco Troll hört als Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes auf . Seine Stelle bleibt vakant, die künftigen Verbandschefs stehen kaum für einen Neuanfang. Und über allem steht die ungeklärte Frage, warum der olympische Kernsport so schleppend mit der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe vorankommt.

Von Sebastian Winter

Der Name Alina Baievych dürfte künftig öfter auftauchen, wenn es um den deutschen Schwimmsport geht. Jedenfalls wenn das Leistungsbarometer des Teenagers auch weiterhin so sehr nach oben zeigt. Deutsche Meisterin ist die 13-Jährige vom TB Erlangen am vergangenen Wochenende auf ihrer Paradestrecke über 200 Meter Schmetterling bei der Kurzbahn-DM in Wuppertal geworden - bei den Erwachsenen. Weitere schöne Erfolge auch der etablierten DSV-Schwimmer weisen den Weg Richtung Kurzbahn-Weltmeisterschaft im Dezember in Australien. Soweit zum Sportlichen, das aber mal wieder überlagert wird von offenen Konfliktlinien im Verband.

Denn parallel zu den Wettkämpfen in Wuppertal veranstaltete der Deutsche Schwimm-Verband 200 Kilometer weiter östlich in Kassel seine Mitgliederversammlung. Dort verzichtete der bisherige Präsident Marco Troll, ein Polizeibeamter aus Freiburg, nach zwei Jahren im Amt auf eine erneute Kandidatur - und begründete seinen Rückzug mit fehlendem Vertrauen in ihn. Troll wollte die Mitgliedsbeiträge erhöhen, um den notorisch klammen Verband zu sanieren und Haushaltslöcher zu stopfen, ist jedoch bei mehreren Abstimmungen gescheitert. Nicht wenige Delegierte aus den Landesverbänden warfen Troll dem Vernehmen nach vor, Hinterzimmer-Entscheidungen getroffen und den Verband in einem engen Führungszirkel ohne große Transparenz geführt zu haben. Neben Troll tritt auch Claudia Boßmann ab, die Vizepräsidentin Finanzen. Auch Vizepräsident Harald Walter, zugleich Präsident des Bayerischen Schwimm-Verbandes, kandidierte nicht mehr. Nach einer Satzungsänderung sind solche Doppelämter nicht mehr möglich, Walter zieht sich auf seinen Landesverbands-Chefposten zurück.

"Wir wollen einen Aufarbeitungsprozess führen, wie es ihn im Sport noch nie gegeben hat", sagt der neue DSV-Chef

Die Mitgliederversammlung sei teilweise chaotisch gewesen, berichten Teilnehmer, und nun steht der DSV mal wieder ohne Präsident da - aber mit neuer Doppelspitze: Wolfgang Rupieper und Kai Morgenroth sollen den Verband durch die vielen Untiefen führen, gewählt sind sie für die nächsten vier Jahre. Rupieper, 75, Jurist und ehemaliger Richter musste dazu - Stichwort Satzungsänderung - seinen Stuhl als Präsident des Brandenburgischen Schwimm-Verbandes räumen. Morgenroth soll als Steuerexperte die Finanzen mal wieder ordnen, wie schon zwischen 2018 und 2020. Zwei Männer, einer davon im fortgeschrittenen Rentenalter - nicht gerade ein nachhaltiges Zeichen für den Neuaufbruch.

Das Duo hat im Ehrenamt einen Berg voller Aufgaben vor sich, nicht nur, weil der Haushaltsplan von den Delegierten abgeschmettert wurde und die neue Führungsspitze nun schnell einen neuen Etat für 2023 aufstellen muss. Eine seit Jahren geplante Strukturreform, samt hauptamtlichem Vorstand, wird andauernd verschoben. Auch weil dafür Geld fehlt, das durch die abgelehnte Beitragserhöhung auch weiter fehlen wird. Die Chef-Bundestrainer-Stelle bleibt vakant, eine Lösung ist nicht in Sicht. Dafür laufen Arbeitsgerichtsprozesse gegen die fristlos gekündigten DSV-Funktionäre Thomas Kurschilgen und Lutz Buschkow. Wie zu hören ist, plagt den DSV ein strukturelles Defizit in sechsstelliger Höhe - falls er die Verfahren verliert, hätte er also ein gewaltiges Problem.

Der olympische Kernsport, getragen von immer noch mehr als 500 000 Mitgliedern - die Zahl schrumpft aber auch wegen der Corona-Pandemie - steckt strukturell in seiner wohl größten Krise, die auch eine Glaubwürdigkeitskrise ist. Denn über allem schweben die Vorwürfe der sexualisierten Gewalt. Der ehemalige Weltklasse-Wasserspringer Jan Hempel hatte im August seinen Trainer des massiven Missbrauchs beschuldigt - und systemisches Versagen und Wegschauen beim DSV beklagt. Es gibt weitere Fälle, eine Kommission soll gebildet werden, die interne Aufarbeitung läuft aber schleppend. Außerdem bleibt Würzburg laut aktuellem Beschluss bis 2024 Freiwasserstützpunkt - obwohl in dessen Dunstkreis nach SZ-Informationen auch weiterhin Stefan Lurz, ein verurteilter Sexualstraftäter, agiert.

Der gerade ins neue Amt gewählte Rupieper sagt: "Wir wollen einen Aufarbeitungsprozess führen, wie es ihn im Sport noch nie gegeben hat. Mit diesem Leuchtturmprojekt wollen wir Vorbild werden für den gesamten deutschen Sport und Prozesse und Standards im DSV und in ganz Sportdeutschland nachhaltig verbessern." Auch an diesen Worten muss sich der neue DSV-Chef nun messen lassen.

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