Deutsche Tennis-Brüder:Zverev-Bekenntnisse

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Deutsche Tennis-Brüder: Burn-out-Geständnis: Mischa Zverev, 31, scheiterte auch in Paris.

Burn-out-Geständnis: Mischa Zverev, 31, scheiterte auch in Paris.

(Foto: Martin Bureau/AFP)

Die Gebrüder Zverev erleben schwierige Zeiten. Immerhin übersteht Top-10-Spieler Alexander einen Fünfsatz-Marathon in der ersten Runde.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Für seine Erklärung hatte sich Mischa Zverev, so wollte es der Zufall, ein eher ungemütliches kleines Plätzchen ausgesucht - er konnte natürlich nichts dafür. Auf der Anlage der French Open wurde viel erneuert, so auch der Medienbereich. Die Interviewräume sind durchnummeriert, der kleinste, die Nummer 4, ist eigentlich kein Raum. Es sind ein paar Stühle und ein Tisch. So saß Zverev da, eine Pflanze im Nacken, und was als Fragerunde nach einer weiteren von vielen frühen Niederlagen begann, wurde rasch zu einem Bekenntnis. "Ich hatte einen internen Kampf mit mir, fast acht Monate", sagte Zverev und verriet, er habe "ein leichtes Burn-out-Syndrom" gehabt. Überhaupt: "Es war ein anstrengendes Jahr."

Mischa Zverev, 31, ist der ältere Bruder von Alexander Zverev, 22, dem besten deutschen Profi, der im vergangenen November ATP-Weltmeister wurde. Auch Alexander macht gerade keine einfache Zeit durch, doch die Lage von Mischa ist anders gelagert. Das wird am Ende des Gesprächs klar, als er sagt: "Wenn du auf Rang 40 oder 50 stehst und Burn-out hast, denkst du: alles okay." Aber: "Wenn du auf Platz 150, 200 stehst, dann wachst du eines morgens auf und musst feststellen: Ob du Burn-out hast oder nicht, interessiert keinen." Er habe die Erfahrung gemacht: "Dann musst du noch härter arbeiten." Nur wie, wenn der Wille nicht da ist?

Es war ein schleichender Prozess, bis Zverev überhaupt den Mut fand, sich mentale Probleme einzugestehen. Denn sich diese bewusst zu machen, sei der erste Schritt zur Besserung, schildert er. "Der Alkoholiker muss auch erst sagen: Ich habe ein Problem", sagt er. "Ich will mich damit nicht mit einem Alkoholiker vergleichen. Aber ich muss sagen: Ja, ich hatte Burn-out! So sieht's aus, ich muss was ändern."

Den Anfang seiner Spirale kann er sogar benennen, sie begann bei den US Open im September 2018. Zverev führte 6:4, 6:2 gegen den talentierten Amerikaner Taylor Fritz - dann sei ihm "das Match weggelaufen". Er verlor in fünf Sätzen. Und ab dem Moment lief nichts mehr wirklich zu seinen Gunsten. Zumindest sportlich und gesundheitlich betrachtet.

Einerseits wurde Zverev ja erstmals Vater, ein Sohn, er hatte zuvor geheiratet, privat hat er sein Glück gefunden. Aber als der Nachwuchs da war, "wollte ich lieber zu Hause sein", gesteht er. Er lebt in Monte Carlo. Er habe sich zunehmend "platt gefühlt". Die Crux: "Wenn es nicht läuft, brauch' ich eigentlich keine Turniere zu spielen. Aber wenn ich im Hauptfeld bin, was mach ich dann?" Dann muss er es versuchen, das ist sein Job. Und so versuchte er es. Obwohl er sich am falschen Ort fühlte. Und so verlor er reihenweise. Und reiste doch wieder an. Ein Teufelskreislauf.

Dann kam die Offseason, die turnierfreie Zeit. Die nächsten Schwierigkeiten.

Eine Wadenverletzung. Erkältungen, man fand Metalle im Blut, sagt Zverev. In Australien im Januar ein Handgelenksbruch. Und seit er wieder fit ist, tauchen Vorhandprobleme auf. Er hat die Technik umgestellt, "große Ausholbewegung, kleine Ausholbewegung", so was hat er probiert. Er hat sich mit zwei GoPro-Kameras gefilmt. Um sich selbst zu analysieren. Er spielt mit links, ist einer, der das Volleyspiel mag. Mischa Zverev ist ein begnadeter Analytiker. Aber um sich selbst wieder zu finden, hat er doch länger gebraucht.

Was seine Lage komplizierter machte: Bruder Alexander - der sein Erstrundenspiel gegen den Australier John Millman in einer vierstündigen Schlacht mit 7:6 (4), 6:3, 2:6, 6:7 (5), 6:3 gewann (und nun auf den schwedischen Qualifikanten Mikael Ymer trifft) - kämpft seit Jahresbeginn auch mit vielem. Er verlor öfter als gewohnt, trennte sich vom Manager, man streitet juristisch. Das belaste ihn, räumte er ein. Überdies wurde in Roland Garros klar: Auch die Trainersituation mit Ivan Lendl ist nicht optimal. Der frühere Weltranglisten-Erste stößt erst in Halle und Wimbledon zu Zverevs Team, wie Zverev dem Tennis Channel sagte. Zuvor hieß es immer, Lendl komme nach Paris, eine Pollenallergie habe ihn abgehalten, früher zu den europäischen Turnieren zu erscheinen. "Ich bin gegen einen starken Gegner bei schwierigen Bedingungen weitergekommen, das ist das, was am Ende zählt", konnte Zverev immerhin nach dem Sieg am Dienstag sagen. "Vielleicht spiegeln wir uns gerade ein bisschen", sagt Mischa Zverev, der dabei positiv klingt. "Irgendwann kommt so ein Durchhänger", sagt er über Alexander. "Er muss selber erwachsen werden als Mensch." Aber er ist sich sicher: Wenn Alexander da "durchkomme", sei er "viel stärker und größer". Der Familienzusammenhalt helfe allen, aber: "Es ist eine Reise, die jeder selbst für sich gehen muss." Es ist, als spreche er auch von sich.

Seit einige Wochen fühlt sich Mischa Zverev wieder motiviert, hat Spaß im Training. Dass er 2019 nur ein Match von neun gewann und das nur dank Aufgabe des jungen Spaniers Nicola Kuhn? "Die letzten Monate waren eine Katastrophe", sagt er. Ein Zucken in seinem Arm kam auch noch hinzu. Ärzte hätten das manchmal. Und Musiker. In der Ballung klingt das alles wirklich viel. Und das war es auch für Zverev, der sogar kurz dachte, im Arm mit Spritzen "den Nerv abzuschalten". Er ließ eine solche Verzweiflungstat bleiben.

Er wirkt jetzt gefasst. "So ist das im Tennis, ich gebe nicht auf", betont er. "Wenn ich mal auf Rang 300 stehe, kann ich eine Pause machen." 114. ist er, Tendenz fallend. In Paris unterlag er dem Franzosen Richard Gasquet 3:6, 4:6, 3:6. Aber Zverev fühlt sich bereit, alles zu tun, um die Wende zu schaffen. Ein Anfang. "Die Realität hilft dir am meisten, wieder rauszukommen", sagt Zverev. Deshalb habe er keine externe Hilfe angenommen, wenngleich er, als er oft krank war, mit Ärzten geredet hat. Erst wenn man selber aus sich heraus bereit ist, sich zu ändern, schaffe man es. So sieht er das.

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