Fußball-WM Darum ist die DFB-Elf anfällig für raffinierte Gegner

  • Sami Khedira reicht Selbstkritik nach der Niederlage gegen Mexiko nach, die Führungsspieler hätten auf dem Platz "nicht eingegriffen, das ist der Vorwurf, den wir uns machen müssen, auch ich, definitiv. Wir haben nicht reagiert, wir haben keine Lösungen gehabt".
  • Es hängt auch mit der Eigenart dieser Spielergeneration zusammen, dass ihr bestimmte Instinkte in freier Wildbahn fehlen.
  • Es drängt sich nun die Frage auf, mit welcher Strategie Bundestrainer Joachim Löw mit dieser Schwäche umgeht.
Von Christof Kneer, Sotschi

Pep Guardiola hat die Geschichte mal erzählt. Wie er da im Mittelfeld des FC Barcelona spielte und merkte, dass auf einmal etwas schwer in die falsche Richtung lief. Der Gegner spielte völlig anders, als die Experten des FC Barcelona das vorhergesehen hatten, und Guardiola spürte, wie das ganze schöne Barca-Spiel minütlich mehr zu zerfallen drohte. In höchster Not lief er hinaus zur Seitenlinie, dort erwartete ihn sein Trainer, der große Johan Cruyff. Cruyff zog Guardiola zu sich heran, nahm seinen Lolli aus dem Mund und flüsterte: Spiel einfach alle Bälle zu den Guten.

Joachim Löw lutscht keine Lollis, das muss man erst mal festhalten. Aber auch ohne Lolli bekommt man dieses Bild nur schwer in den Kopf: Wann hat man das zuletzt gesehen, dass Sami Khedira oder Toni Kroos ihr Mittelfeld verließen und raus trabten zu ihrem Coach?

Dieses Bild wird es sicher mal gegeben haben in all den Jahren, aber es ist gewiss kein Bild, das sich aufdrängt. Löw macht am Spielfeld die unterschiedlichsten Sachen, er wirft die Arme empor, er winkt ab, er spricht mit seinem Assistenten Thomas Schneider, der die Hand vor den Mund hält. Manchmal (nicht oft) macht Löw auch Sachen, die man nicht in der Zeitung zeigt. Löw kann ein Übersprungshandlungstrainer sein, er staunt manchmal, wenn er hinterher Bilder sieht, die ihn bei oder mit irgendwas erwischen (etwa: mit einer wunderschönen Nagelschere). Nichts davon ist bedenklich oder spielentscheidend.

Spielentscheidend könnte manchmal höchstens sein, dass man das Guardiola-Cruyff-Bild so selten sieht. Dass man den Trainer Löw so selten bei konkreten Coaching-Eingriffen ertappt.

"Die haben uns ein bisschen ausgetrickst"

Sami Khedira, 31, ist am Donnerstag vor dem Training hinausgetrabt zu den Reportern, die paar Meter können weit sein in Sotschi, wo die Luftfeuchtigkeit möglicherweise bei etwas über 100 Prozent liegt. "Best never rest" stand auf Khediras Trikot, schon ein lustiger Slogan in der aktuellen Situation. Khedira gehört nicht zu den Spielern, die sich verstecken, er ist clever genug, auch in sogenannten Krisen die Offensive zu suchen, wenn es auch eher nicht jene Offensive sein sollte wie im Auftaktspiel gegen Mexiko. Da hatte Khedira sittenwidrig seine Position verlassen und war nach vorne durchgerauscht, wo er prompt jenen Ball verlor, der ein paar Sekunden später auf der anderen Spielfeldseite im deutschen Tor lag. Am Donnerstag hat Khedira das Spiel noch mal öffentlich nachbearbeitet und dabei hat er eher ungewollt eine prägnante Charakterstudie der aktuellen Nationalspieler-Generation erstellt.

Man hat dabei jedenfalls an den Spieler Guardiola denken müssen, aber auch an den Trainer Cruyff.

Khedira hat noch mal erzählt, wie überrascht die DFB-Elf war, als die Mexikaner plötzlich völlig anders spielten, als das vieltausendköpfige deutsche Spionageressort das vorhergesagt hatte. Die letzten acht Mexiko-Spiele haben sie im deutschen Scoutingstab alle live gesehen, und jedes Mal haben die Mexikaner ihre Gegner früh attackiert. Ausführlich haben die Deutschen also geübt, wie man so einem Spielstil begegnet, im Südtiroler Trainingslager haben Deutschlands extra angereiste U20-Junioren hoch professionell den mexikanischen Stil imitiert. Und dann: Machen die listigen Mexikaner einfach das Gegenteil. Mit acht Mann seien die "erst mal hinten geblieben" und hätten "nur zwei Spieler vorne gelassen", sagte Khedira und scheute sich nicht vor dieser Erkenntnis: "Die haben uns ein bisschen ausgetrickst."

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Das ist die eine, die bereits erzählte Geschichte dieses Spiels. Khedira hat am Donnerstag nun aber eine für alle deutschen Hierarchie-Ebenen nicht sehr schmeichelhafte Selbstanzeige nachgereicht: Die sogenannten Führungsspieler - also unter anderem er, aber gewiss auch sein Zentrumsnachbar Toni Kroos - hätten auf dem Platz "nicht eingegriffen, das ist der Vorwurf, den wir uns machen müssen, auch ich, definitiv. Wir haben nicht reagiert, wir haben keine Lösungen gehabt".