DFB-Team Baywatch am Schwarzen Meer

Joachim Löw ganz entspannt, das war aber im Jahr 2014: Der Strand vor dem Campo Bahia, dem Quartier der Weltmeister, war für ihn Ort der Inspiration.

(Foto: Marcus Brandt/picture alliance/dpa)
  • Aus Sicht des deutschen Fußballs stand Sotschi bisher für Glück, Harmonie und unermesslichen Reichtum. Vor einem Jahr gewann von dort aus eine junge deutsche Nationalmannschaft den Confederations Cup.
  • Nun zieht das DFB-Team für fünf Tage von Watutinki nach Sotschi, doch die Stimmung ist nach dem 0:1 gegen Mexiko gedrückt.
  • Joachim Löw muss als Krisenhelfer tätig werden und wird sehr genau zur Kenntnis nehmen, dass der Plan des Watutinki-Befürworters Oliver Bierhoff möglicherweise nicht aufgeht.
Von Christof Kneer, Sotschi

Vielleicht wird man Joachim Löw jetzt wieder beim Joggen am Strand sehen. Vielleicht wird er wieder an einer Anlage vorbeilaufen, in der die Fernsehreporter wohnen, und vielleicht wird er dann wieder einen kurzen Boxenstopp einlegen, um mit einem der Reporter einen freundlichen Smalltalk zu halten. Vielleicht werden Leon Goretzka und Timo Werner wieder im Strandcafé sitzen, und Julian Brandt wird wieder ins Meer springen. Vielleicht wird Antonio Rüdiger wieder als Einziger die Hotelanlage nicht verlassen, und vielleicht wird er nachher wieder Witze darüber machen. Bestimmt isst Urs Siegenthaler wieder ein Eis.

Bilder können manchmal gemein sein, selbst wenn es schöne Bilder sind. Am Dienstag hat der Tross der deutschen Nationalmannschaft für fünf Tage sein Quartier verlegt, von Watutinki im Südwesten Moskaus hinunter nach Sotschi ans Schwarze Meer, wo am Samstagabend ab 20 Uhr das zweite Vorrundenspiel gegen Schweden zur Austragung kommt.

Sotschi ist nicht irgendein Ort, Sotschi kann rechts wie links, es kann Olympische Winterspiele und Sommer-Fußball-WM. Aber aus Sicht des deutschen Fußballs ist Sotschi vor allem ein Symbol: Sotschi steht für Glück, Harmonie und unermesslichen Reichtum. Vor einem Jahr gewann von dort aus eine junge deutsche Nationalmannschaft den Confederations Cup, eine Art Generalprobenturnier für die große WM, und nachher blickte die Welt mit neidischer Bewunderung auf diesen fast schon anstößigen Überfluss an Talenten.

Dieser Werner, dieser Goretzka! Und dieser Abwehrspieler heißt Ginter, oder? Und dieser Rudy im defensiven Mittelfeld, ist der etwa auch noch jung?

Eingetreten ist das Gegenteil dessen, was geplant war

All diese Spieler sind ein Jahr später auch wieder dabei, der Bundestrainer mit den Laufschuhen im Gepäck ebenfalls, der Chefscout Siegenthaler sowieso. Und doch ist alles anders jetzt, auf einmal wirkt die Sotschi-Reise ein bisschen wie das Auftaktspiel gegen Mexiko: Eingetreten ist das Gegenteil dessen, was geplant war.

Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass der Genussmensch Löw das DFB-Camp für die komplette Zeit am Schwarzen Meer aufschlagen wollte, während die Verbandslogistiker gemeinsam mit dem Quartiermeister Oliver Bierhoff am Ende gegen Löws Willen dieses kuriose Watutinki durchsetzten, das nicht am Meer sowie am Fuße der schneebedeckten Gipfel des Kaukasus liegt, sondern an der Stadtautobahn sowie am Fuße der staubbedeckten Plattenbauten von Watutinki.

Oliver Bierhoff hat vor allem logistische Gründe ins Feld geführt, und am Ende ist ihnen zur Befriedung des Konflikts noch ein Kompromiss eingefallen, auf den sie alle recht stolz waren: Vor dem zweiten Gruppenspiel in Sotschi würde man nicht einen oder zwei, sondern gleich vier Tage vorher an den Spielort fliegen.

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Der Genussmenschtrainer hätte dort seinen Cappuccino am Meer und seinen Lauf am Strand, und seine Spieler könnten nach einem Auftaktsieg gegen Mexiko ein wenig Seele und Beine baumeln lassen. Und die jungen Confed-Cup-Gewinner würden sich mit einem versonnenen Lächeln zurückerinnern und den älteren Spielern, die nicht dabei waren, davon erzählen. Die älteren Spieler würden dann stolz und beglückt und motiviert sein, und alle gemeinsam würden sie dann die Schweden besiegen, 4:0 oder so.

Die Realität ist nun aber so, dass sich Sotschi für den DFB anfühlen muss wie die Klosterpforte für den HSV. Dieses ostwestfälische Quartier haben die Verantwortlichen des Hamburger Bundesligisten gern gebucht, wenn die Mannschaft mal wieder auf den Relegationsplatz zurückgefallen war, nach einem 0:4 gegen den FC Augsburg möglicherweise. Nach dem 0:1 gegen den FC Mexiko fühlt sich nun auch Deutschland im Abstiegskampf. Aus dem Erfrischungsaufenthalt in Sotschi ist plötzlich ein Krisentrainingslager geworden.