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Deutsche Nationalmannschaft:Mit neuen Kräften gegen das französische Hupkonzert

EURO 2016 - Germany team training

Bisher durfte Julian Weigl (r.) bei der Europameisterschaft nur von der Bank aus zuschauen - das könnte sich ausgerechnet im Halbfinale ändern.

(Foto: dpa)

Im Halbfinale erwartet die DFB-Elf ein euphorischer Gastgeber. Trotz der Ausfälle herrscht auch bei Joachim Löw gute Stimmung - das liegt wohl an einem Jungspund.

Von Philipp Selldorf, Évian

Nur noch zwei Tage im Teamquartier am schönen blauen Genfer See, das Turnier geht auf das Ende zu, und der Bundestrainer spricht bereits von der Heimreise und dem Daheimsein. Joachim Löw weiß: Schon am Freitag könnte es soweit sein. Sollte die Nationalmannschaft am Donnerstagabend ihr Halbfinalspiel gegen Frankreich verlieren, dann werden sich die 23 Spieler und der Trainerstab und das tausend Köpfe zählende Betreuerheer am nächsten Tag zügig in alle Winde verteilen.

Wenn Löw nun ein bisschen wehmütig von der Rückkehr in den Breisgau spricht, dann heißt das jedoch nicht, dass er die Franzosen fürchtet. Das einzige, das er wirklich fürchtet, ist der Abschiedsschmerz und die melancholische Leere, die unweigerlich in den nächsten Tagen drohen - im Fall der Niederlage wie auch im Fall des Sieges. Als Löw am Montag seine Sorgen benannt hat, erinnerte er sich der Erfahrungen früherer Turnierkampagnen: "Nachdem man sechs, sieben Wochen zusammen war, ist man dann den ersten Tag zuhause und fragt sich: Was soll ich eigentlich tun?" "Und daher", so stellte der Bundestrainer sozusagen vorbeugend fest, "fällt der Abschied immer schwer."

Viele Verletzungen sollten die Stimmung eigentlich trüben

Ansonsten war von Sorgen und Nöten selten die Rede, als Joachim Löw am Montag über die Lage informiert hat. Obwohl es ausreichend Anlass gäbe, die Nachrichtenlage vor der Begegnung mit den bestens in Schwung gekommenen Franzosen als dramatisch zu schildern: Turnier-Aus für Mario Gomez wegen eines Faserrisses; mutmaßliches Turnier-Aus für Sami Khedira wegen einer Adduktorenverletzung; mutmaßliche Zwangspause für Bastian Schweinsteiger wegen einer Außenbandzerrung; Spielsperre für Mats Hummels. Vier von 13 Spielern, die Italien bezwungen haben, werden gegen Frankreich nicht dabei sein können - dieser Tatbestand ist geeignet, Verdruss und Skepsis hervorzurufen. Was aber sagt Löw? "Super, dass es solche Spiele gibt!", sagt er. "Ich liebe solche K.o.-Spiele gegen solche Mannschaften."

Der Bundestrainer hat sich am Montag zum dritten Mal vor die Reporter in Évian begeben. Dreimal öfter somit als während der Weltmeisterschaft in Brasilien, wo er keine Lust dazu hatte, Fragen zu beantworten und die Nation zu unterrichten. In Brasilien absolvierte er das von der Fifa vorgegebene Pflichtprogramm, in Frankreich scheint es ihm Spaß zu machen, sich öffentlich mitzuteilen. Zweimal ist er an Tagen eingesprungen, an denen er seiner Mannschaft freigegeben hatte, und am Montag ist er im Medienzentrum erschienen, weil er - ja, warum eigentlich? Sicherlich auch deswegen, weil er etwas zu Mehmet Scholls Tirade gegen Urs Siegenthaler sagen wollte (siehe Seite 26)

. Auf jeden Fall aber auch deswegen, weil er wieder verdammt gute Laune hatte. Diese wird auch nicht dadurch beeinträchtigt, dass plötzlich große Euphorie im Gastgeberland ausgebrochen ist, weshalb am Sonntagabend um Mitternacht sogar im beschaulichen Évian hupende Autos durch die Villenviertel brausten. Die französische Mannschaft werde am Donnerstag "viel Energie" im Stade Velodrome empfangen, das ganze Land werde hinter ihr stehen, glaubt Löw. "Aber - es ist doch super, wenn's so ist." Bei der WM habe man im Halbfinale auch gegen elf Brasilianer auf dem Platz und den Beistand von 200 Millionen brasilianischen Fans antreten müssen. Ergebnis bekannt.

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