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Torhüter der Nationalelf:Sensation: Neuer schenkt ein Pflichtspiel her!

v.re., Torwart Manuel Neuer (Deutschland), Torwart Marc Andre ter Stegen (Deutschland), Torwart Kevin Trapp (Deutschland; Fußball

Hinten anstellen! Manuel Neuer (vorn) im Training der Nationalmannschaft mit den Ersatztorleuten Marc-André ter Stegen (Mitte) und Kevin Trapp.

(Foto: Maik Hölter/Team 2/Imago)

Gegen Nordmazedonien darf Marc-André ter Stegen ins deutsche Tor. Mehr als solche Almosen darf der Barça-Keeper kaum erwarten - denn Manuel Neuer wird vermutlich noch lange spielen.

Von Christof Kneer

Man hört viel in den leeren Geisterstadien, aber man hört leider nicht alles. Man hört, wenn Thomas Müller seine seriöse Einschätzung über den Gegner Atlético Madrid abgibt ("Rabaukentruppe"). Man hört, wenn er den Schiedsrichter beim Spiel gegen den VfB Stuttgart in ein Fachgespräch über Regelkunde verwickelt ("nicht immer, wenn's wehtut, ist es auch ein Foul"). Man hört David Alaba rufen, kürzlich hörte man sogar Jogi Löw. Aber es gibt leider keine Ohrenzeugen von dem Gespräch, das vor exakt zwei Wochen in der Münchner Arena stattgefunden haben könnte. Man weiß ja nicht mal, ob es das Gespräch wirklich gab. Aber wäre es nicht furchtbar naheliegend, dass sich zwei Leidensgenossen umgehend über ihr gemeinsames Leiden unterhalten, zumal, wenn es ein sehr exklusives Leiden ist, das den meisten anderen auf der Welt erspart bleibt?

Vor zwei Wochen, im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League, stand Alexander Nübel im Tor des FC Bayern, Pepe Reina stand im Tor von Lazio Rom. Zwei Männer, die wissen, wie es sich anfühlt, unter Morbus Manu zu leiden.

Allerdings, das sollte man dazu sagen, handelt es sich dabei um keine wirklich bedrohliche Krankheit, für Mitleid gibt es keinen Grund. Wer sich Morbus Manu eingefangen hat, sitzt viel herum, aber immerhin an der frischen Luft. Das Problem sind die Mangelerscheinungen. Man hat deutlich zu wenig von etwas, was man dringend braucht. Und noch ein Problem: Die benötigte Spielpraxis kann einem kein Mannschaftsarzt verschreiben. Das heißt, er könnte schon, aber es würde nicht viel bringen. Manuel Neuer müsste das Rezept akzeptieren, und das, ehrlich gesagt, kann man vergessen.

Neuer will immer spielen, im WM-Finale und in der Saisonvorbereitung gegen eine All-Star-Auswahl der Fanklubs. Immer, immer, immer.

Ter Stegen gehört zu den vielen zweitbesten Torhütern der Welt

Es war im Grunde eine Sensation, als Joachim Löw am Dienstag in der Pressekonferenz dies verkündete: Er werde beim WM-Qualifikationsspiel gegen Nordmazedonien am Mittwochabend (20.45 Uhr) wenig verändern und im Großen und Ganzen wieder jener Elf vertrauen, die gerade die beiden Siege gegen Island (3:0) und Rumänien (1:0) herausgeholt hat - allerdings werde Manuel Neuer das deutsche Tor räumen und Marc-André ter Stegen hinein lassen. In einem Pflichtspiel sogar! Die Kapitänsbinde werde Neuer an einen Feldspieler weiterreichen, Ilkay Gündogan wird sie übernehmen.

Marc-André ter Stegen leidet unter einer sehr speziellen Form von Morbus Manu, bei ihm ist Verlauf leichter oder schwerer, je nachdem, wie man es nimmt. Ter Stegen hat den Vorteil, dass er im Alltag komplett symptomfrei ist, er hat sich beim FC Barcelona längst durchgesetzt und gehört - wie der Belgier Courtois, der Brasilianer Allison, der Slowene Oblak, der Italiener Donnarumma - zu den vielen zweitbesten Torhütern der Welt (hinter Neuer). Ter Stegens Nachteil ist aber, dass die Krankheit immer bei der Nationalmannschaft ausbricht. Und dort nicht zu spielen, bedeutet, nicht zu spielen.

Ter Stegen kann nicht den Verein wechseln, wie Pepe Reina das im Sommer 2015 tat. Der Spanier hat den FC Bayern nach nur einem Jahr wieder verlassen, oder, besser gesagt, die Bayern haben ihn gehen lassen, ablösefrei, obwohl sein Vertrag noch weiter lief. Die Bayern hatten ein schlechtes Gewissen, sie hatten Reina deutlich mehr Spiele zugesagt als jene drei, die er am Ende machen durfte.

Neuers Torwartspiel beruht auf einem Raum- und Zeitgefühl, das ständig gepflegt werden will

Kommt einem das bekannt vor? Kommt es, ja. Im Moment macht Alexander Nübel eine nahezu identische Erfahrung, auch er ist angeblich mit klar definierten Zusagen nach München gewechselt. Auch er spielt selten bis nie, warum auch? Sein Trainer Hansi Flick ist ein bekennender Hier-und-Jetzt-Trainer, er sieht keinen Grund, warum er einen zweifellos veranlagten Torwart im laufenden Geschäftsbetrieb für eine Zukunft ausbilden sollte, von der niemand weiß, ob sie überhaupt kommt. Flick hat den besten Torwart der Welt in seinem Tor, vielleicht den besten Torwart der Geschichte, und den nimmt er nicht raus. Und Neuer, gerade 35 geworden, treibt nicht nur eine radikale Spiellust an, er weiß auch sehr genau, wie wichtig es für einen Torwart ist, die Körperspannung nicht zu verlieren. Anders als bei den Torhütern vor 30 oder vielleicht auch vor 15 Jahren reicht es nicht mehr, athletisch, mutig und reaktionsschnell zu sein. Das Torwartspiel, das Neuer erfunden hat, beruht auf einem komplexen Raum- und Zeitgefühl, das ständig gepflegt werden will.

Wann komme ich aus dem Tor, wann bleibe ich lieber drin? Wann gehe ich beim Mitspielen welches Risiko ein? Diese Abwägungsprozesse kann man im Training versuchen zu simulieren, aber es ist nicht das Gleiche. Man braucht dafür den Wettbewerb.

Marc-André ter Stegen hat bisher nichts falsch gemacht, außer, dass er im Nationalteam immer ein bisschen von dieser einschüchternden Aura verliert, mit der er beim FC Barcelona die gegnerischen Stürmer erschreckt. Aber vielleicht liegt auch das an dem untergründig nagenden Gefühl, noch besser sein zu müssen als der ewig Beste?

Ter Stegen ist zur falschen Zeit ein Weltklassetorwart geworden, er ist mitten in die Ära Neuer hineingeraten. Er ist sechs Jahre jünger, aber mit jedem Jahr, das Neuer weiterspielt, wird dieser Vorteil kleiner - zumal man von Neuers empfindlichster Stelle, dem Mittelfuß, seit geraumer Zeit nichts Negatives mehr gehört hat. Ter Stegen wird demnächst 29, es wäre jetzt dringend an der Zeit, mal ein großes Turnier zu spielen. Aber aus München ist zu hören, dass Neuers Ehrgeiz vielleicht sogar noch für drei Turniere reichen könnte: die anstehende Europameisterschaft 2021, die Winter-WM 2022 in Katar und die Europameisterschaft in Deutschland im Sommer 2024.

38 wäre Neuer dann. Aber ist das ein Alter? Der große Italiener Gianluigi Buffon denkt gerade noch mal über einen Vereinswechsel nach, mit 43.

© SZ/moe
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