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Deutsche Nationalmannschaft:Kraftkern in der Mitte

v.l. Leon GORETZKA (GER), Joshua KIMMICH (GER) Fussball Laenderspiel, WM Qualifikation Gruppe J Spieltag 1, Deutschland; Kimmich Goretzka

Zentrales bajuwarisches Duo: Leon Goretzka und Joshua Kimmich

(Foto: Sven Simon/imago images)

Bundestrainer Löw muss sich wohl endgültig von dem Gedanken verabschieden, Joshua Kimmich wieder zum Rechtsverteidiger zu machen. Doch das Angebot an Mittelfeldspielern ist so hoch, dass schon Fragen nach Toni Kroos gestellt werden.

Von Philipp Selldorf, Duisburg

Sicher, es gab sehenswerte Tore beim 3:0 der Nationalmannschaft gegen Island, und phasenweise führten die deutschen Spieler Serienproduktionen von Flachpass-Kombinationen auf, als ob in den tiefschwarzen DFB-Trikots lauter Spanier namens Xavi und Iniesta stecken würden. Dann gab es auch noch einen brillanten Ilkay Gündogan im Mittelfeld, dessen Repertoire zurzeit das ganze Spektrum des Fußballs erschließt: von künstlerisch wertvoll bis kämpferisch mitreißend. Für den Treffer zum 3:0 fand er zwischendurch auch noch Zeit.

Dennoch spielten sich die vielleicht faszinierendsten Szenen dieser Partie an einem Ort ab, der weit weg vom Schauplatz der populären Action lag. Dort, im Zentrum der Abwehrhälfte, war Joshua Kimmich regelmäßig damit beschäftigt, den Ball zum Weitertransport in die Offensive aufzunehmen, und immer wieder kamen dann aus allen Himmelsrichtungen baumlange Isländer angerannt, um eindeutig feindselige Absichten zu verwirklichen. Wie der schmächtige Kimmich die Übermacht der bedrohlichen Nordmänner ignorierte, wie er die Gefahr kalt und unbeeindruckt abperlen ließ, und wie er sich mit ein paar Körpertäuschungen und Rhythmuswechseln die Gegner vom Hals schaffte, bevor er den richtigen Pass spielte - das war eine ganz besondere Spezialität, die der 970. Einsatz einer vom DFB ausgesandten Nationalelf auch noch zu bieten hatte.

An diesem Fußballabend auf dem Heimatrasen des ehrenwerten MSV Duisburg hat die zuletzt noch schwer beleidigte Fußballnation einige Anregungen erhalten, um das schmähliche 0:6 in Spanien allmählich aus dem Gedächtnis zu löschen. Mancher ehrenamtliche Bundestrainer hat in seinem Wohnzimmer vielleicht sogar darüber nachgedacht, den eigentlich für immer unehrenhaft verbannten Bundestrainer Jogi Löw wieder in sein Herz zu lassen. Ein bisschen zumindest, auf Probe und Bewährung. Denn alles in allem war dieser Auftritt schon ein versöhnliches Comeback vom Tiefpunkt der Tiefpunkte, den Deutschland im November beim Debakel in Sevilla erreicht zu haben schien.

Zumal unter Umständen, die den stets minutiös geplanten und preußisch eingehaltenen Betriebsabläufen beim DFB-Team in die Quere kamen. Jonas Hofmanns positiver Corona-Test am Vormittag brachte Unsicherheit ins Teamhotel, auf einmal, so Löw, sei es "hektisch und unruhig" gewesen. Alle Mann wurden aufs Zimmer geschickt, alle Sitzungen abgesagt, Doktor Tim Meyer übernahm die Generalstabsplanung. Am Nachmittag Entwarnung, am Abend das Spiel, in dem die Deutschen ziemlich cool zur Sache gingen und nach sieben Minuten 2:0 vorne lagen.

Muss Toni Kroos sich um seinen Stammplatz sorgen? Die Frage findet Löw unpassend, dabei liegt sie nahe

Den Schlüssel zur geglückten Leistung lokalisierte Löw im Mittelfeld mit der Besatzung Kimmich, Gündogan und Leon Goretzka. Sie seien "sehr, sehr gut unterwegs" und der wesentliche Wettbewerbsvorteil gewesen. "Das Mittelfeld war ein Pfund, ein Gewicht für uns", lobte der Bundestrainer. Wer wollte da widersprechen? Man hatte die Drei in bester Form und Verfassung erwartet, und genau so hatten sie sich präsentiert. Die Frage, ob der verletzungshalber abwesende Toni Kroos sich nun Sorgen machen müsse, hielt Löw aber für äußerst unpassend. Lautstark hielt er eine Verteidigungsrede auf den alten Weggefährten Kroos, in der unter anderem der Begriff "Weltklassespieler" fiel.

Ganz so abwegig war die Frage natürlich keineswegs, denn gegen Island wurde Löw einer Option in seinen Gedankenspielen beraubt. Dass Kimmich jemals wieder rechts hinten in der Deckung verschwindet, das schien nach dessen Show in Duisburg unvorstellbar. Zwar hatte der 26-jährige Münchner neulich erst erklärt, zugunsten des Teamerfolgs würde er aus dem Mittelfeld auch wieder in die Viererkette umziehen, und Löw hat diese Möglichkeit jetzt auch ausdrücklich unterstrichen ("das ist vielleicht ein Thema, das man im Mai bespricht"). Aber wie im Verein nimmt Kimmich auch in der Nationalelf eine immer zentralere Bedeutung ein. Er fiel ja auch dadurch auf, dass er nebenbei diese Spielmacherpässe einstreute, mit denen er auf dem Umweg über Serge Gnabry und Leroy Sané prompt die Treffer von Goretzka und Kai Havertz einleitete. Spezialist für den vorletzten Pass zu sein, das ist inzwischen im Fußball ein anerkanntes Qualitätsmerkmal.

In der Aufzählung der tragenden Momente dieser Partie kommen nicht nur deshalb so viele Bayern-Spieler vor, weil sie in dominanter Zahl die Nationalelf bevölkern. Sondern weil ihre Wirkung aufs Team mindestens so prägend ist wie in den kaiserlichen Zeiten mit Maier, Schwarzenbeck, Beckenbauer, Hoeneß und Müller. Der FC Bayern liefert gewissermaßen das Kern-Modul für das Nationalteam der nächsten Epoche. Und neben Manuel Neuer, Kimmich, Goretzka, Sané und Gnabry ist immer noch Platz für weitere Gesandte aus München, mit Niklas Süle ist auf jeden Fall noch zu rechnen, mit Thomas Müller womöglich auch, mit Robert Lewandowski bedauerlicherweise nicht.

Zum Fall Müller hat Löw ausdrücklich die Aussage verweigert, aber nur, weil er dieser Befragung müde ist und nichts Neues mitzuteilen hatte. Grundsätzlich, erläuterte der Bundestrainer, würden beim Turnier sowieso mehr als die elf Stammspieler gebraucht.

© SZ/nee/jkn
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