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Deutsche Nationalelf:Zaubern bei Sonne, zaudern bei Regen

Die Akteure dieser Nationalmannschaft verfügen über außerordentliche Fähigkeiten. Langsam allerdings kommt der Verdacht auf, dass diese Generation ihre Kunst mit Vorliebe dann präsentiert, wenn alles klappt und auch der Gegner mitspielt. An wolkenreichen Tagen müht sie sich, nur nicht aufzufallen.

Jürgen Schmieder

Es gibt diese Sorte Männer, vor denen ein Vater seine Tochter zu warnen versucht. Diese bösen Buben, die einerseits wild und charmant wirken, in Wirklichkeit aber nur das zarte Mädchenherz zertrümmern. Ein Vater möchte für seine Tochter lieber einen adretten jungen Mann haben mit vorzüglichen Manieren, herausragendem Lebenslauf und trendiger, aber nicht allzu verrückter Frisur. Die auf ihre Ernährung achten, kaum Alkohol trinken, nicht rauchen - und sich nebenbei noch gewählt ausdrücken. Kurz: Der Vater wünscht sich einen Spieler der deutschen Nationalelf.

Die Akteure dieser Nationalmannschafts-Generation verfügen über ganz außerordentlichen Fähigkeiten. Marco Reus, Mesut Özil, Toni Kroos und Mario Götze können Gegenspieler in einer Telefonzelle austanzen, bisweilen könnte gar eine Briefmarke ausreichen. Es gab schon mal eine Spielergeneration in Deutschland, die hätte erst die Briefmarke kaputtgetreten und die Telefonzelle aufs Tor geköpft.

Langsam allerdings kommt der Verdacht auf, dass diese Generation ihre Kunst mit Vorliebe an jenen Tagen präsentiert, an denen ganz ausgezeichnetes Wetter herrscht. An denen alles klappt, der Gegner mitspielt - und es Spaß macht, Fußball zu zelebrieren. An wolkenreichen Tagen, gegen einen unangenehmen Gegner wie Österreich am Dienstagabend, müht sie sich hingegen, nur ja nicht aufzufallen. Das wiederum unterscheidet sie erneut von den Spielern anderer Jahrzehnte: Die haben bei jedem Wetter etwas kaputtgetreten und aufs Tor geköpft - und besonders gerne haben sie das bei strömendem Regen getan.

Diese Generation ist auch eine, die Spiele danach in ihre Einzelteile zerlegt, akribisch analysiert und dann nüchterne Kommentare abgibt, meist sind es optimistische Sätze, die man von diesen lieben Jungs hört. Sie wollen auch bei tristem Wetter ein paar Sonnenstrahlen entdeckt haben, die Kälte und der Regen drumherum wird kaum erwähnt oder wissenschaftlich erklärt. Es gibt - bis auf wenige Ausnahmen wie Sami Khedira und Thomas Müller - keinen, der sich hinstellt und sagt: "Mensch, hat das geregnet heute, war das kalt - es hat ja fast gehagelt! Und wisst ihr was? Das war ganz großer Mist, dass es geregnet hat!"

Natürlich hat diese Generation auch einen Anführer, der höchst wissenschaftlich arbeitet, der keine Analyse aus dem Bauch heraus zulässt und der am liebsten recht ausführlich erklärt, warum die Sonne geschienen hat. Auch Bundestrainer Joachim Löw wirkt bei der Analyse von Mistwetter nicht wirklich souverän, auch er sucht lieber nach Nuancen, die darauf hindeuten, dass bald wieder Badewetter herrscht.

Ein Vater will natürlich nicht unbedingt einen schlimmen Finger als Freund für seine Tochter. Er möchte aber schon einen haben, der sich bei Regen nicht hinter den Kachelofen zurückzieht und auf die Sonne wartet - sondern einen, der mutig hinausgeht, der Tochter die Jacke anbietet und den Regenschirm hält, während er selbst im T-Shirt und ohne Schirm durch den Regen spaziert. Von dieser Sorte allerdings gibt es nicht allzu viele Exemplare.

© Süddeutsche.de/ebc

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