Deutsche NationalelfDrei Pfostentreffer als Symptome

Lesezeit: 3 Min.

Sah drei Pfostentreffer: DFB-Torwart Manuel Neuer.
Sah drei Pfostentreffer: DFB-Torwart Manuel Neuer. (Foto: ANNEGRET HILSE/REUTERS)

Mit dem 3:1-Sieg gegen die Ukraine stößt das DFB-Team die Tür zum Final-Four-Turnier der Nations League weit auf. Aber es zeigt sich auch: Die Defensivabteilung bedarf noch einiger Justierungen.

Von Javier Cáceres, Leipzig

Es wäre Oliver Bierhoff kaum zu verdenken gewesen, wenn er sich am Sonntagmorgen im Mannschaftshotel der deutschen Nationalmannschaft in Leipzig wie ein Wetterschamane vorgekommen wäre, sobald er die Gardinen aufriss. Zur Anamnese der Leipziger Woche der Nationalelf zählt ja unbedingt auch seine Cloud-Rede vom Montag: "Dunkle Wolken" würden vor die Nationalelf geschoben, hatte Bierhoff geklagt. Doch solche düsteren Wetterphänomene waren am Sonntagmorgen auch aus den Zimmern des Businesshotels in Leipzig nicht zu entdecken. Zirruswolken, die sich im Laufe der Stunden verformten, das schon. Und ein wenig galt die Entspannung der Wetterfront im übertragenen Sinne auch für das DFB-Team.

Denn als die Profis die Bettruhe antraten, taten sie es nicht nur in dem Gefühl, als Tabellenführer zum Finale um den Sieg in der Nations-League-Gruppe A4 nach Spanien reisen zu dürfen. Sondern auch mit der perspektivischen Freude darüber, dass sie bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen für die Fußball-WM 2022 am 7. Dezember in Zürich einen Platz im Lostopf der zehn besten europäischen Teams sicher haben.

DFB-Elf in der Einzelkritik
:Leroy Sané wird tatsächlich eingeholt

Der schnelle Stürmer trifft, erlebt aber einen ungewohnten Moment. Antonio Rüdiger regt sich mächtig auf. Die DFB-Elf in der Einzelkritik.

Von Tim Brack

Mit 3:1 hatte die deutsche Nationalelf am Samstag gegen die Ukraine gewonnen. Und dass sich danach kaum noch jemand an die am Montag losgetretene Polemik erinnern konnte, lag nicht zuletzt daran, dass die Stunden vor der Partie intensiv gewesen waren. Zur Erinnerung: Fünf Positivfälle hatte der ukrainische Gegner zu verdauen; neben dem Verzicht auf Spieler vom Schlage des früheren Dortmunders Andrij Yarmolenko zerrte die Ungewissheit über die Austragung des Spiels an den Nerven, berichtete Ukraines Trainer Andrij Schewtschenko. Auch so waren die Ukrainer ein respektables Team, und bei allen nötigen Relativierungen, zeigte die DFB-Elf eben doch ein paar recht interessante Details.

Eines der explosivsten Triumvirate des Kontinents

Zum Beispiel: dass sie eine gegnerische Führung umdrehen kann (Roman Yaremchuk/11.), weil sie im Sturm über eines der explosivsten Triumvirate des Kontinents verfügt. Der strebsame Serge Gnabry fiel zwar nicht sonderlich auf, hat aber oft genug unter Beweis gestellt, zu was mit seinen Beinen fähig ist. Und: Seine Arbeit trug einen Teil dazu bei, dass seine Sturm-Compagnons Leroy Sané (23.) und Timo Werner (33./ 64.) die deutschen Treffer erzielten - ebenso der starke Leon Goretzka, der als Mittelfeldmotor sogar "ein Superspiel" machte, wie der Bundestrainer Joachim Löw sagte.

"Wir haben gerade in der ersten Halbzeit dynamische Aktionen nach vorne gehabt. Die Tore waren sehr gut herausgespielt. Es waren gute Ansätze von uns", sagte Löw. Er konnte freilich auch von Glück reden, dass das ersatzgeschwächte ukrainische Team nicht gar so genau zielte. Gleich drei Mal bewahrte der Pfosten den deutschen Torwart Manuel Neuer davor, hinter sich greifen zu müssen, der Ball machte bei Schüssen von Zintschenko, Marlos und Junior Moraes in der zweiten Halbzeit Bekanntschaft mit der Beschaffenheit von Aluminium. Nur deshalb konnte sich Neuer hernach weitgehend auf die Freude darüber konzentrieren, dass er sein 95. Spiel bestritten hatte und so mit dem durchaus legendären Sepp Maier als Rekord-Torhüter des DFB gleichgezogen war. "Das ist eine große Ehre", sagte Kapitän Neuer.

Die Pfostentreffer aber waren auch Symptome - dafür, dass es in der deutschen Mannschaft noch immer eine Unwucht gibt. Die Dominanz der deutschen Mannschaft war zwar nicht zu bestreiten; dass die Defensivabteilung noch immer einiger Justierungen bedarf, auch nicht. Aber: Im Spiel gegen die Spanier werden sich ein paar Dinge von selbst ordnen.

Der gelbgesperrte Toni Kroos (Real Madrid) kehrt ins Team zurück, und weil Antonio Rüdiger (FC Chelsea) die zweite Gelbe Karte sah, darf Aushilfs-Sechser Robin Koch (Leeds United) wohl wieder in die Abwehr. Dort hatte Koch gegen die Tschechen geglänzt. "Vom Robin bin ich sehr angetan, man kann auch schon sagen: sehr begeistert, seit er bei uns ist", sagte Löw. Der Bundestrainer schätzt vor allem die Spieleröffnung des früheren Freiburgers; zum Beleg dafür löste Koch mit einem feinen Pass auf Goretzka den Spielzug aus, der zum zwischenzeitlichen 2:1 führte - die Basis für den schlussendlichen 3:1-Sieg, der die Tür zum Final-Four-Turnier der Nations League im Oktober 2021 öffnet.

Dafür reicht nun in Sevilla ein Remis, das es schon im Oktober in Stuttgart gegeben hatte. Mit einem Unentschieden will Löw sich aber nicht begnügen. "Wir spielen in Spanien nicht auf einen Punkt. Meine Maxime in der Vorbereitung auf ein Spiel ist immer, die Dinge so anzupacken, dass man eine Chance auf den Sieg hat", sagte Löw. Sein Team reist am Montag, am Vorabend der Partie also, nach Sevilla. Angesagt ist für die andalusische Hauptstadt: aufgelockerte Bewölkung.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

MeinungLänderspiel gegen die Ukraine
:Sternfahrt der Superspreader

Kommentar von Christof Kneer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: