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Deutsche in der NHL:Spaß in der zweiten Reihe

Colorado Avalanche - San Jose Sharks

Rückhalt der Colorado Avalanche: Torhüter Philipp Grubauer.

(Foto: David Zalubowski/dpa)

Die Stanley Cup Playoffs haben begonnen, und einige deutsche Akteure dürfen sich Hoffnungen auf den Titel machen: Philipp Grubauer ist der Rückhalt bei Colorado Avalanche, Nico Sturm schaffte den Durchbruch bei Minnesota Wild. Debatten gibt es dagegen um Leon Draisaitl in Edmonton - dabei will der jetzt Spaß haben.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Spaß? Nein, Spaß war diese Partie der Edmonton Oilers gegen die Vancouver Canucks nicht. Sie war so überflüssig, als würde dem Blinddarm ein zweiter Blinddarm wachsen und daran noch einer, weil: Die Oilers waren längst für die Playoffs qualifiziert, sogar ihr Platz in der Setzliste war geklärt und die Playoffs wurden schon wenige Minuten nach dem Ende des überflüssigen Spiels mit der Partie Washington gegen Boston (3:2) eröffnet. Die Canucks wiederum sind längst ausgeschieden, dennoch müssen sie bis Mittwoch antreten, um die wegen Corona durcheinander geratene Saison der Eishockeyliga NHL zu beenden.

Oilers-Flügelspieler Leon Draisaitl schaffte bei dieser 1:4-Niederlage das Zuspiel zum einzigen Treffer seines Teams. Ein eigenes Tor blieb ihm verwehrt, es wäre das 200. seiner sieben Jahre alten NHL-Laufbahn gewesen; erst kürzlich hatte er einen anderen Meilenstein erreicht: 500 NHL-Punkte in 475 Spielen, er ist der erfolgreichste deutsche Punktsammler der NHL Geschichte, und er ist gerade mal 25 Jahre alt. Wer Draisaitl kennt, weiß, dass solche Rekorde für ihn so bedeutsam sein wie der Blinddarm. Er will den Stanley Cup gewinnen, gerne auch in dieser chaotischen Spielzeit, in der aber einige deutsche Akteure aufgefallen sind.

Marc Michaelis etwa spielte am Samstag für die Canucks, er war elf Minuten auf dem Eis. Der Liga-Neuling darf sich seit Anfang März empfehlen. "Es ist schwer, das in Worte zu fassen, man träumt davon", sagte er nach seinem ersten NHL-Spiel. Sein Vertrag läuft aus, er hofft nun, dass zu seinen 13 Partien kommende Saison noch weitere dazu kommen. In Ottawa beendete Tim Stützle seine erste NHL-Spielzeit mit zwölf Toren und 17 Zuspielen in 53 Partien dieser verkürzten Saison. Macht 29, so eine Quote für einen deutschen Rookie ist bislang nur Uli Hiemer 1984/85 gelungen, und wie wohl sich Stützle bei den Senators fühlt, war in der vergangenen Woche nach dem ersten Hattrick seiner Karriere zu sehen: Einen Tag danach standen Nachbarskinder vor dem Haus (er teilt sich eine Bleibe mit den Kollegen Josh Norris und Brady Tkachuk) und warfen als Hommage ein paar Mützen über den Zaun. "Ich habe das noch nie erlebt, das war einfach ein schöner Moment", sagte Stützle.

Sie erwarten eine Menge von Stützle in Ottawa, auch wenn es in diesem Jahr nicht geklappt hat mit der Playoff-Teilnahme. "Er ist dynamisch, technisch stark - wirklich unglaublich ist aber sein Spielverständnis", sagt Senators-Manager Pierre Dorion über den 19-Jährigen: "Er ist in den letzten Wochen der Saison ein bisschen gegen die Wand gelaufen, das gehört zur Entwicklung junger Leute. Wichtig ist, wie er damit umgegangen ist: Er will unbedingt der Beste sein, sich immer weiter entwickeln; deshalb wird er einer der besten Flügelspieler der Liga werden." So wie, und es sagt viel über den Status des anderen aus: Draisaitl.

Die Saison von Stützle und Michaelis ist vorbei, so wie die von Torwart Thomas Greis (sehr gute Leistungen bei den Detroit Red Wings), Lean Bergmann (gab am vergangenen Mittwoch sein NHL-Debut für die San Jose Sharks) und Tobias Rieder (schwieriges Jahr bei den schwachen Buffalo Sabres); es sind aber einige deutsche Akteure noch dabei: Torwart Philipp Grubauer spielt bei Colorado Avalanche eine starke Saison, sein Verein schaffte die meisten Punkte (82) der regulären Saison und ist nicht nur der Favorit in der Serie gegen die St. Louis Blues von Montag an, sondern für viele auch der Favorit auf den Titel. Center Nico Sturm gelang in seinem dritten NHL-Jahr bei Minnesota Wild der Durchbruch (elf Tore, sechs Zuspiele), sein Team ist in der Serie gegen die Vegas Golden Knights indes Außenseiter.

Die größten Titelchancen neben Grubauer haben Draisaitl und Dominik Kahun mit den Oilers, doch wird an beiden das Dilemma dieses Teams sichtbar: Draisaitl spielt nicht nur wegen der individuellen Meilensteine grandios, er und Sturmpartner Connor McDavid bilden wieder mal ein Duo, das kaum jemand verteidigen kann. In der Liste der besten Punktesammler (Tore und Zuspiele) führt McDavid mit 104, direkt dahinter folgt Draisaitl mit 83. Danach klafft eine Lücke, auf Platz drei liegt Brad Marchand (Boston) mit 69 Punkten. Nur, und das ist interessant: In der Statistik der Oilers klafft keine Lücke, sondern der Grand Canyon. Auf Platz drei der Stürmer liegt Ryan Nugent-Hopkins (35), der allerdings beim Power Play häufig gemeinsam mit dem dynamischen Duo spielt. Kahun kam auf 15 Punkte.

Das führt in Edmonton vor dem Duell gegen die Winnipeg Jets von Mittwoch an zur Debatte, die schon so oft geführt wurde: Sollen McDavid und Draisaitl gemeinsam agieren, damit die schwächeren Offensivreihen weniger gebraucht werden - falls denn die beiden auch weiterhin treffen? Oder sollte Trainer Dave Tippett für mehr Ausgewogenheit Draisaitl in die zweite Reihe schicken? "Wir werden das nicht von Spiel zu Spiel entscheiden, sondern wirklich von Moment zu Moment", sagt Tippett. Sollte die zweite Sturmreihe, in der Kahun mit Nugent-Hopkins und Kailer Yamamoto spielen wird, mit dem Toreschießen (und auch dem Verhindern, zumal der 39 Jahre alte Torwart Mike Smith trotz guter Fangquote zuletzt als eher durchschnittlich gilt) Probleme haben, dürfte Tippett schnell rotieren.

Draisaitl wäre eine vermeintliche Degradierung egal, so wie er sich auch um persönliche Meilensteine nicht schert. Oder, in seinen Worten, trocken wie immer: "500 Punkte sind was Besonderes. Aber: Wir werden als Team immer besser, unsere Kurve zeigt nach oben. Wir wollen Titelkandidaten sein und in den nächsten Jahren den Stanley Cup gewinnen. Der Spaß beginnt gerade erst."

© SZ
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