Deutsche Handballer bei der EM:Wurfmonster und Zauber-Zwirbler

Acht Europameister, zwei Überraschungen, sogar ein Politikum: Mit diesen 16 Spielern will Deutschland bei der Handball-EM in Kroatien den Titel verteidigen.

Von Carsten Scheele

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Silvio Heinevetter

Germany v Iceland - International Handball Friendly

Quelle: Bongarts/Getty Images

Verein: Füchse Berlin, 33 Jahre, 166 Länderspiele, 2 Tore

Die Zeiten, in denen Silvio Heinevetter als unkonventioneller Herausforderer unter den deutschen Torhütern galt, sind längst vorbei. Heinevetter ist gereift und hat viele große Turniere gespielt, polarisiert an manchen Tagen aber noch immer wie ein übermütiger Jungspund. Zum Beispiel kurz vor dem Jahreswechsel, als er beim Bundesligaspiel seiner Füchse gegen Magdeburg in der Schlusssekunde einen Siebenmeter parierte, zuvor den gegnerischen Schützen allerdings mit derart unschönen Worten bedacht hatte, dass ihn die Fans am liebsten Richtung Hallendecke befördert hätten. Heinevetter grinste sich einen. Nach einer mäßigen Saison scheint er rechtzeitig auf Betriebstemperatur zu kommen.

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Andreas Wolff

Germany v Iceland - International Handball Friendly

Quelle: Bongarts/Getty Images

Verein: THW Kiel, 26 Jahre, 58 Länderspiele, 8 Tore

Bei der vergangenen EM, als Deutschland den Titel holte, noch der große Held. Besonders im Finale gegen Spanien avancierte Wolff zur unüberwindbaren Torwartkrake mit gefühlt 26 Armen. Hat anschließend zwei komplizierte Jahre erlebt, in denen er zwar häufig im Fernsehen auftrat (etwa bei "Schlag den Star"), in Kiel aber hinter Niklas Landin nicht die gewünschte Spielzeit erhielt. Wolff gab miesepetrige Interviews und kündigte schließlich seinen Wechsel zum polnischen Spitzenklub Kielce an. Will nun, befreit vom Klubballast, seine zweite große Europameisterschaft spielen.

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Uwe Gensheimer

Uwe Gensheimer

Quelle: dpa

Verein: Paris Saint-Germain, 31 Jahre, 145 Länderspiele, 664 Tore

Der deutsche Kapitän, der mittlerweile bei Paris Saint-Germain spielt, ist immer noch der weltbeste Linksaußen, ein Wirbler und Zwirbler mit eigenem Zauberkasten, dazu ein sehr sicherer Siebenmeterschütze. Nachdem Gensheimer die EM 2016 verletzt verpasst hat (er reiste lediglich als TV-Kommentator nach Polen), ist er diesmal dabei, was das deutsche Team noch stärker macht. Wird manchmal zu Unrecht als schüchtern bezeichnet, denn Gensheimer macht den Mund auf, wenn es in der Mannschaft nicht läuft. Teammanager Oliver Roggisch erklärt: "Wenn er was sagt, dann hören alle zu."

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Steffen Fäth

Germany v Croatia - 25th IHF Men's World Championship 2017; Steffen Fäth 2017

Quelle: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Verein: Füchse Berlin, 27 Jahre, 57 Länderspiele, 118 Tore

Fäth galt lange als ewiges Talent, doch der linke Rückraummann ist erwachsen geworden. Er schaffte den Sprung aus Wetzlar zu den Füchsen Berlin, wo er sich so gut entwickelte, dass er das Interesse des Deutschen Meisters weckte - ab Sommer spielt Fäth für die Rhein-Neckar Löwen. Bei der EM soll er den Job des Wurfmonsters übernehmen: Wie vor wenigen Wochen in der Bundesliga, als er in der Schlusssekunde einen direkt verwandelten Kunstfreiwurf im Tor unterbrachte.

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Julius Kühn

Germany v Iceland - International Handball Friendly

Quelle: Bongarts/Getty Images

Verein: MT Melsungen, 24 Jahre, 37 Länderspiele, 124 Tore

Mit 1,98 Metern noch vier Zentimeterchen größer als sein Kollege Steffen Fäth im linken Rückraum. War 2016 noch ein Novize, wurde erst in der Hauptrunde nachnominiert, feierte in seinem fünften Länderspiel bereits den Europameistertitel. Ist wie Fäth für die wuchtigen Tore zuständig, für die schnellen Geschosse aus dem linken Rückraum, von denen der Handball manchmal lebt. Kühn zeigte sich in den Testspielen bereits sehr treffsicher. Für die EM kündigt er selbstbewusst an: "Wir wollen ganz vorne landen."

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Rune Dahmke

Rune Dahmke

Quelle: dpa

Verein: THW Kiel, 24 Jahre, 32 Länderspiele, 64 Tore (nachnominiert)

Dahmke fand zunächst keine Berücksichtigung im EM-Kader von Christian Prokop. Nicht die erste Enttäuschung in Sachen Nationalmannschaft für den 24-Jährigen vom THW Kiel. Vor dem Hauptrunden-Duell mit Dänemark nominierte der Nationaltrainer Dahmke nun nachträglich, hat dafür Maximilian Janke aus dem Kader gestrichen. Dahmke soll für Tore sorgen. Außerdem heißt es, der Kieler sei ein Typ dafür, auch emotional Pep ins Mannschaftsgefüge bringen zu können, etwas was die DHB-Auswahl nach durchwachsenen bis schwachen Leistungen in den ersten EM-Spielen gut gebrauchen kann.

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Maximilian Janke

Handball: Deutschland - Island

Quelle: dpa

Verein: SC DHfK Leipzig, 24 Jahre, 2 Länderspiele, 1 Tor (nicht mehr im Kader)

Eine der Überraschungen im Kader, bis er durch die Nachnominierung von Rune Dahmke seinen Platz verlor: Bundestrainer Prokop nahm den jungen Maximilian Janke, den er noch aus Leipzig kennt, mit zur Europameisterschaft, ließ stattdessen beispielsweise Europameister Fabian Wiede zu Hause. Janke musste im Laufe des Turniers zeigen, dass er sein Ticket nicht nur aus Gründen der Vetternwirtschaft (Prokop war bis 2017 sein Vereinstrainer) erhalten hatte, was ihm nicht gelang.

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Paul Drux

Paul Drux

Quelle: dpa

Verein: Füchse Berlin, 22 Jahre, 58 Länderspiele, 114 Tore

Hat häufiger Knieprobleme, meldete sich aber rechtzeitig zur Europameisterschaft fit. Ist eigentlich im linken Rückraum zu Hause, in Prokops Kader aber zusammen mit Philipp Weber als Mittelmann eingeplant. Kann schön die Bälle verteilen oder einfach ansatzlos draufhauen. Wird deshalb an guten Tagen mit dem Franzosen Nikola Karabatić verglichen. Will bei der EM zeigen, dass dieser Vergleich nicht völlig unberechtigt ist.

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Philipp Weber

Germany v Iceland - International Handball Friendly

Quelle: Bongarts/Getty Images

Verein: SC DHfK Leipzig, 25 Jahre, 11 Länderspiele, 36 Tore

Bester Spieler in der Vorbereitung, hat zudem das Alleinstellungsmerkmal, dass der Leipziger im Gegensatz zum Kollegen Drux ein gelernter Mittelmann ist. Die Mannschaft soll von seiner Übersicht und seinem strategischen Gespür profitieren. Weber tritt dabei aber nicht bloß als Bälleverteiler auf: Er ist obendrein sehr torgefährlich, war 2016 bereits Torschützenkönig der Bundesliga.

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Kai Häfner

Handball: Deutschland - Island

Quelle: dpa

Verein: TSV Hannover-Burgdorf, 28 Jahre, 57 Länderspiele, 132 Tore

Hat laut eigener Aussage sehr um seine EM-Nominierung gezittert. "Es war pure Anspannung und Nervosität", erzählte Häfner in einem Interview. Dabei hätte der Linkshänder wissen können, dass Bundestrainer Prokop genau seinen Spielertyp benötigt: Häfner ist ein absoluter Kämpfer, der die Situationen sucht, in denen es auch mal weh tun kann. Auch in hitzigen Momenten bewahrt er den kühlen Kopf, wie schon bei der EM 2016, als er Deutschland in der Verlängerung gegen Norwegen sechs Sekunden vor Schluss ins Finale warf.

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Steffen Weinhold

Handball: Deutschland - Island

Quelle: dpa

Verein: THW Kiel, 31 Jahre, 100 Länderspiele, 252 Tore

Einer von drei Spielern des THW Kiel im Kader. Gehört mit seinen 31 Jahren auch schon zu den erfahrenen Recken. Weinhold hat viel mitgemacht, galt früh als Hoffnungsträger des deutschen Handballs, entwickelte sich zu einem Weltklassemann im rechten Rückraum mit großen Qualitäten in Angriff und Abwehr, der auch von der Mittelposition das Spiel dirigieren kann. Tragische Figur vor zwei Jahren, als er sich bei der EM in der Hauptrunde schwer verletzte und den Titelgewinn letztlich nur von der Tribüne aus betrachtete.

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Patrick Groetzki

Men's Handball - Germany v Hungary - 2017 Men's World Championship Main Round - Group C

Quelle: REUTERS

Verein: Rhein-Neckar Löwen, 28 Jahre, 117 Länderspiele, 317 Tore

Von der Nicht-Nominierung seines Kollegen Finn Lemke war Groetzki "überrascht". "Das hatte ich so nicht erwartet", sagt der Rechtsaußen offen. Um seine eigene Nominierung musste sich der Spieler der Rhein-Neckar Löwen keine Sorgen machen: Wenn Gensheimer im deutschen Team auf Links gesetzt ist, dann ist es Groetzki auf Rechts. Schon seit 2009 gehört Groetzki fest zum DHB-Team, ist dabei erst 28 Jahre alt. Nachzuholen hat er trotzdem etwas: Die glorreiche EM 2016 hatte er wegen eines Wadenbeinbruchs verpasst.

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Tobias Reichmann

Germany v Iceland - International Handball Friendly

Quelle: Bongarts/Getty Images

Verein: MT Melsungen, 29 Jahre, 69 Länderspiele, 200 Tore

Zweiter Mann auf Rechtsaußen, was allerdings nicht bedeuten soll, dass Reichmann nur eine Ersatzkraft wäre. Reichmann bildet mit Groetzki zusammen ein sehr starkes Duo, auch der Melsunger kann an guten Tagen ganze Spiele alleine entscheiden. Wenn der flinke Reichmann dann Anlauf nimmt und wurfbereit durch den Sechsmeterraum fliegt, können einem die gegnerischen Torhüter leid tun. Ebenso übrigens bei Reichmanns Siebenmetern.

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Jannik Kohlbacher, 22, HSG Wetzlar

Handball: Deutschland - Island

Quelle: dpa

Verein: HSG Wetzlar, 22 Jahre, 37 Länderspiele, 74 Tore

Gleich vier Kreisläufer hat Trainer Prokop in seinen Kader berufen, der erste ist Jannik Kohlbacher. Galt bei der EM vor zwei Jahren als reiner Angriffspieler, der sich emsig seine Lücken sucht und blitzschnell in den freien Raum drehen kann, immer seine Tore macht. Weil er in der Abwehr aber deutliche Schwächen aufwies, wurde Kohlbacher nach jedem Angriff ausgewechselt. Hat sich mittlerweile aber in der Defensive weiterentwickelt. Wagt nach der EM den großen Schritt, wenn er aus Wetzlar zu den Rhein-Neckar Löwen in die Champions League wechselt.

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Hendrik Pekeler

Germany v Iceland - International Handball Friendly

Quelle: Bongarts/Getty Images

Verein: Rhein-Neckar Löwen, 26 Jahre, 71 Länderspiele, 108 Tore

Wenn Kohlbacher zu den Rhein-Neckar Löwen kommt, wird Hendrik Pekeler den Klub verlassen: Er wechselt im kommenden Sommer in die Heimat zum THW Kiel. Bei der EM wird Pekeler vor allem im Mittelblock gebraucht: Er gehört zu den besten deutschen Abwehrspielern, ist schnell auf den Beinen, kann aber auch sehr kräftig zupacken. Wenn gegnerische Angreifer der deutschen Deckung und Pekeler zu nahe kommen, soll es weh tun.

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Bastian Roschek

Germany Handball Media Access

Quelle: Bongarts/Getty Images

Verein: SC DHfK Leipzig, 26 Jahre, 2 Länderspiele, 1 Tor

Das größte Politikum im Kader, schließlich führte Roschecks überraschende Nominierung dazu, dass ein normalerweise gesetzter Mann wie Europameister Finn Lemke zu Hause bleiben muss. Gewiss ein Wagnis des Bundestrainers, doch für Roscheck dürfte gesprochen haben, dass er als Leipziger Abwehrchef die besten Defensivwerte aller Bundesliga-Spieler aufweist und zudem - im Gegensatz zu Lemke - kein reiner Abwehrspieler ist. Der Leipziger könnte auch im Angriff als Kreisläufer agieren, muss sich hier aber gegen drei Konkurrenten durchsetzen. Mit nur zwei Länderspielen ist er sehr unerfahren.

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Patrick Wiencek

Germany v Iceland - International Handball Friendly

Quelle: Bongarts/Getty Images

Verein: THW Kiel, 28 Jahre, 107 Länderspiele, 243 Tore

Am Kieler Wiencek, genannt "Bamm-Bamm", führte diesmal kein Weg vorbei. Die EM 2016 hatte er verletzt versäumt, jetzt will er nachholen, was er vor zwei Jahren verpasst hat. Wiencek ist ein knallharter Abwehrspieler und Kreisläufer, mit 2,01 Metern im Angriff nur sehr schlecht zu verteidigen. "Unsere Mannschaft ist besser als die vor zwei Jahren", sagt Wiencek selbstbewusst. Klar, diesmal ist er ja mit dabei.

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Christian Prokop

Christian Prokop

Quelle: dpa

Bundestrainer, 39 Jahre

Ist erst seit März 2017 Bundestrainer, folgte damals auf den EM-Titel-Trainer Dagur Sigurðsson, der sich nach Japan verabschiedet hatte. Ein Dreivierteljahr durfte Prokop sein Team in Ruhe kennenlernen, mit dieser Ruhe ist es nun vorbei: Mit seinen Personalentscheidungen, etwa der Nicht-Nominierung von Finn Lemke, hat sich das große Trainertalent bewusst und ziemlich offensiv angreifbar gemacht. Die Kritik in Handballdeutschland an dieser Personalie war groß, Prokop weiß: Geht sein Plan bei der EM auf, hat er alles richtig gemacht. Scheidet Deutschland früh aus, wird Prokop schnell als Schuldiger ausgemacht werden.

© SZ.de/chge/ghe
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