Deutsche Bewerbung EM 2024 Schwachstelle Grindel

DFB-Präsident Reinhard Grindel.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Der DFB-Präsident scheint auf der gesamten nationalen Fußballbühne den Rückhalt verloren zu haben - im Grunde kann ihn nur noch die Vergabe der EM 2024 nach Deutschland retten.

Kommentar von Thomas Kistner

Doch, es gibt noch Leute, denen das Herz aufgeht, wenn Reinhard Grindel das Wort ergreift; ganz gleich, zu welchem Thema. Nur sitzen diese Leute gerade überwiegend im Bewerberkomitee der Türkei für die Fußball-EM 2024. Dort haben sie den DFB-Präsidenten schon seit Monaten genüsslich im Visier. Grindel ist, aus Sicht der Türken und ihrer Spindoktoren, die Schwachstelle der deutschen EM-Bewerbung.

Das ist für den Deutschen Fußball-Bund vor der Turniervergabe am Donnerstag im Hauptquartier der Europäischen Fußball-Union Uefa mehr als ein Handicap. Es ist ein veritables Problem. Zumal ja die deutschen EM-Strategen lernen mussten, dass ihr eifriger Präsident weitgehend beratungsresistent und vom eigenen Lager kaum einzufangen ist. Warum auch? Grindel ist der Boss des DFB.

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Doch die Anzeichen häufen sich, dass letztere Feststellung mit dem Zusatz noch zu versehen ist. Sollte es schiefgehen mit der EM-Kür, darf sowieso viel Geld darauf verwettet werden, dass das DFB-Spitzenamt im Handstreich umbesetzt wird. In der Liga, bei den Klubmächtigen, im Lager der Amateure: Nirgendwo finden sich noch Fürsprecher. Es scheint, als habe der Chef querbeet auf der nationalen Fußballbühne den Rückhalt verloren. Und wer sich im sport- und gesellschaftspolitischen Raum umhört, erhält diesen Eindruck bestätigt - und verstärkt. Das wiederum weist unabhängig vom Ausgang des EM-Duells mit der Türkei auf ein baldiges Stühlerücken hin.

Die Uefa hat ihr EM-Rennen auf die Verbandsebene begrenzt: Der DFB bewirbt sich formal, nicht Deutschland. Das macht Grindel qua Amt zur Galionsfigur. Zur offiziellen Stimme einer Bewerbung, deren Gesicht EM-Botschafter Philipp Lahm ist. Umso stärker fällt ins Gewicht, dass Grindel den PR-Strategen vom Bosporus seit Monaten allerlei Beigaben lieferte, die sich zu einem zähen Brei aus Vor- und Fehlurteilen verrühren ließen. Das Spektrum der zuweilen sogar offen von türkischer Seite vorgetragenen Tadel reicht von der Klage über die anmaßenden Deutschen, deren Chef Grindel gern höchstpersönlich korrektes Verhalten bei Fifa-Boss Gianni Infantino anmahnt, bis zum angeblich rassistisch durchwirkten DFB: Fotomodell Özil lässt grüßen.

Ein Uefa-Bericht entlarvt die Fensterreden der Regierung Erdoğan

Trotzdem liegt Deutschland gut im Rennen. Das hebt die Uefa-Administration im nun vorgelegten Evaluierungsreport auffallend klar hervor. Die Türken arbeiten sich an Grindels amateurhaftem Umgang mit der Özil-Affäre ab und blähen sie zum Rassismus-Spektakel auf? Mag sein. Dafür kritisiert die Uefa jetzt die Menschenrechtslage in der Türkei: "Das Fehlen eines Aktionsplans im Bereich der Menschenrechte gibt Anlass zur Sorge", heißt es im Report. Indes sei das DFB-Angebot bezüglich des Schutzes der Menschenrechte "von hoher Qualität".

Der Bericht entlarvt die Fensterreden der Regierung Erdoğan auch an anderen Stellen. So seien Ankaras Steuergarantien gar nicht konform mit geltendem internationalen Recht - und auch die wirtschaftliche Abwärtsspirale sei ein Risikofaktor: Sie könnte die öffentlichen Investitionsplanungen torpedieren.

Das sind Wirkungstreffer. Ist das liebe Geld in Gefahr, reagieren Sportfunktionäre viel dünnhäutiger als auf Fragen der Menschenrechte, die in diesem Business nur Knetmasse für die Werbewirtschaft sind. Aber die Kasse! Die muss stimmen.

Ein gutes Drittel der 17 Uefa-Wahlmänner hat behauptet, es wolle sein Votum auf den Prüfbericht stützen. Das wird die Chancen jedenfalls nicht schmälern für Grindels Team. Das sollte sich vor der Abstimmung nur keine weiteren Grindeleien leisten. Willkommen sind die erst nach der Kür: als Brandbeschleuniger für die internen Umbauarbeiten.

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