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Deutsche bei der Tischtennis-EM:Siege im Chaos-Turnier

Dimitrij Ovtcharov

"Gut, dass das Viertelfinale erst morgen Abend ist": Dimitrij Ovtcharov wird bei der Tischtennis-EM ins kalte Wasser geworfen. (Archivbild)

(Foto: dpa)

Zahn-OP, Autounfall, Familientragödie und ein Spieler, der im Stehen gewinnt: Die deutschen Tischtennis-Spieler erleben eine turbulente Europameisterschaft. Dennoch sind sie ungeschlagen und Favoriten auf den Titel.

Dimitrij Ovtcharov scheint mit den ungeschriebenen Gesetzen der Coolness vertraut zu sein: Manchmal muss einfach das Timing stimmen, wenn man einen lässigen Auftritt hinlegen möchte. Am späten Donnerstagabend ist der beste deutsche Tischtennisspieler erst acht Minuten vor Spielbeginn zu seinem Team gestoßen - und vollendete bei der EM in Portugal einen gelungenen Abend für die deutsche Mannschaft.

Dank ihm und seinen Teamkollegen gewann das deutsche Team sein letztes Vorrundenspiel gegen Ungarn mit 3:0 und steht nun im Viertelfinale - trotz aller turbulenten Umstände, mit denen die Mannschaft zu kämpfen hatte.

Verspäteter Flieger, verletzter Teamkollege

Die Widrigkeiten begannen mit Zahnschmerzen bei Ovtcharov. Noch am vergangenen Donnerstag mussten ihm alle vier Weisheitszähne gezogen werden, er war für die EM nur als Ersatzmann vorgesehen und reiste verspätet an. Teamkamerad Patrick Baum wiederum hatte seine Turnierteilnahme kurzfristig abgesagt, nachdem sein Vater bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Eine fragwürdige Regelung des europäischen Verbands verbot dem Deutschen Tischtennis-Bund, Spieler nachzunominieren, weshalb sich die drei verbliebenen Akteure Timo Boll, Patrick Franziska und Steffen Mengel nun alle im Einsatz befanden.

Ovtcharov wartete am Donnerstagnachmittag auf dem Flughafen in Hannover noch auf seine Maschine, als seine Teamkollegen bereits ihr zweites Vorrundenspiel gegen Portugal bestritten. Im vierten Satz seines Matches knickte Patrick Franziska um. Er holte zwar unter Schmerzen noch den Sieg - den fünften Satz absolvierte er im Stand - doch er konnte nicht weitermachen. Dem deutschen Team fehlte ein Spieler für die letzte Vorrundenpartie gegen Ungarn. Und Ovtcharovs Flieger hatte Verspätung.

"Wahnsinn"

Es ging am Ende alles gut für die deutschen Spieler. Um 18:52 Uhr traf Ovtcharov in der Halle in Lissabon ein, um 19 Uhr begann das Spiel gegen Ungarn. Ovtcharov gewann, ebenso seine Teamkollegen, und Deutschland zog ins Viertelfinale ein. Erst im Anschluss an seinen souveränen Sieg in drei Sätzen berichtete Ovtcharov über seine Anreise.

"Erst hatte der Flieger Verspätung, dann haben wir am Flughafen 25 Minuten auf einen Shuttle gewartet", erzählte Ovtcharov. Schließlich sei ein Auto gekommen, um ihn abzuholen, doch "zehn Minuten später verursacht der Fahrer einen Unfall. Zum Glück war der nicht schlimm und es ist niemandem etwas passiert. Wahnsinn. Das war die vielleicht turbulenteste Reise meines Lebens."

Weil Franziska mit seiner Knöchelverletzung für den Rest der EM ausfällt, muss der Weltranglistenfünfte trotz gerade überstandener Weisheitszahn-OP für ihn einspringen. Realistisches Ziel der deutschen Tischtennis-Spieler ist der Titelgewinn - allen widrigen Umständen zum Trotz. Es wäre die siebte erfolgreiche Europameisterschaft für Deutschland in Serie. Am Freitagabend wartet Frankreich im Viertelfinale.

"Bis gestern habe ich noch Antibiotika genommen. Gut, dass das Viertelfinale erst morgen Abend ist, dann kann ich noch ein bisschen trainieren", sagte Ovtcharov nach seinem Einsatz. Er fühle sich trotz ein paar Tagen Trainingspause fit. Spät nachts teilte er seinen Facebook-Fans noch mit, "was für einen verrückten Tag" er hatte.