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Derby in Unterhaching:Abwehr aus Beton

Volleyall, 1. Bundesliga, Hypo Tirol Alpen Volleys - WWK Volleys Herrsching Im Bild Mart VAN WERKHOVEN (WWK Volleys Her

Hände hoch! Auch wenn es nichts bringt: Herrschings Mart van Werkhoven streckt sich einem Schmetterball von Douglas Duarte da Silva von den Alpenvolleys entgegen.

(Foto: Markus Fischer/imago)

Die Alpenvolleys gewinnen zum ersten Mal eine Partie, die live im TV übertragen wird - und besiegen Herrsching mit 3:1. Das Team von Trainer Stefan Chrtiansky behält auch in brenzligen Situationen die Ruhe. Den Matchball verwandelt Zuspieler Danilo Gelinski.

Ferdinand Tille hatte ein Problem. Herrschings Libero suchte vor dem Montagabend-Duell gegen die Alpenvolleys in Unterhachings Arena die Bälle. Normalerweise liegen sie vor dem Anpfiff in zwei Körben auf Rädern bereit, damit sich die Gegner einspielen und einschlagen können. Doch als Tille, der WM-erprobte Abwehrmann, in den Korb schaute, sah er nur Leere. Kurze Zeit später war das Problem behoben, doch die Szene versinnbildlichte das Herrschinger Dilemma: Tilles Mannschaft spielte zeitweise sehr gut mit, doch in den wichtigen Momenten waren die Bälle nicht dort, wo der Klub vom Ammersee sie erwartete und haben wollte. Und so endete das Derby mit 3:1 (25:18, 21:25, 25:22, 25:23) für die Alpenvolleys.

Den zweiten Satz sichern sich die Außenseiter aus Herrsching, die Alpenvolleys hecheln hinterher

Als Tabellendritter waren sie vor dem live im Sportfernsehen übertragenen Spiel natürlich der Favorit gewesen, aber es war auch so: Gegen Herrsching hatte das Kooperations-Projekt aus Innsbruck und Unterhaching seit seiner Einkehr in die Bundesliga vor zweieinhalb Jahren fast immer größte Schwierigkeiten gehabt. Außerdem hatten sie bis jetzt noch nie ein TV-Spiel gewonnen - als würde durch die breitere Öffentlichkeit, die im Volleyball ja eher die Ausnahme ist, ein zu großer Druck auf den Schultern der Profis lasten.

Nicht viel war dann davon zu sehen vor 1253 Zuschauern in der nicht ganz ausverkauften Hachinger Halle. Den ersten Satz gewannen die Alpenvolleys tiefenentspannt gegen unkonzentriert spielende Herrschinger, zwei Szenen verdeutlichten dabei ihre Dominanz: Als der 2,14-Meter-Mann Saso Stalekar Herrschings Hauptangreifer Jalen Penrose zur 10:4-Führung so wuchtig blockte, als seien seine Hände aus purem Beton. Und dann fast am Ende des Satzes, als die Herrschinger in ihrer Abwehr Glanztaten vollbrachten - und Penrose das Spielgerät schließlich meilenweit ins Aus schlug. Den zweiten Satz dominierte dann der Außenseiter, dessen Ziel zunächst einmal das Playoff-Viertelfinale ist - und nicht das Finale, das die Alpenvolleys erreichen wollen. Wie das so ist im Volleyball: Ein paar Annahmefehler, und schon schwindet das Selbstbewusstsein. So gerieten die Alpenvolleys in Rückstand, hechelten Herrsching beständig zwei, drei Punkte hinterher und holten ihn auch nicht mehr auf, als ihr Trainer Stefan Chrtiansky die halbe Mannschaft auswechselte.

Ihr Vorteil an diesem Abend: Sie behielten die Ruhe, auch in brenzligen Situationen. Wie im dritten Satz, als sie mit 21:18 in Führung gingen, das Schiedsgericht aber seine Entscheidung wegen einer Netzberührung der Alpenvolleys revidierte - und Herrsching ihnen deshalb näher kam, als ihnen lieb sein konnte. Am Ende durften sie sich mal wieder auf Paulo da Silva verlassen, ihren Hauptangreifer, der den Satzball sicher verwandelte. Wer dachte, dass danach Herrschings Gegenwehr gebrochen ist, der sah sich zunächst getäuscht. Mit 7:2 gingen die Gäste im vierten Satz in Führung, dann nahmen die Bälle wieder ungeahnte Flugkurven - und Herrschings Annahme schwächelte. Das Pendel schlug um, wenn auch nur leicht: Am Ende entschied ein Block von Alpenvolleys-Steller Danilo Gelinski das Spiel, auch so ein Mann für die wichtigen Momente.

"Schluss, Aus(tralien), das wars!": so verkündeten die Volleys den Abschied vom Australier Staples

Herrsching bleibt damit Tabellensechster, die Alpenvolleys rücken durch ihren siebten Sieg in Serie auf Platz zwei vor, hinter Meister Berlin, auf den sie am Donnerstag auswärts treffen. Und sie korrigieren zugleich ihren Kader. Denn am Montagmorgen hatten die Alpenvolleys unter der nicht gerade schmeichelhaften Überschrift "Schluss, Aus(tralien), das wars!", verkündet, dass sie den Vertrag mit Max Staples sofort auflösen: "Der durchaus sympathische Außenangreifer konnte in der Hinrunde nicht überzeugen und kam über Kurzeinsätze nicht hinaus", lautete die Begründung. Der Kapitän des australischen Nationalteams war im Herbst vom tschechischen Spitzenklub Budějovice zu Chrtianskys Team gekommen, er wechselt nun zurück nach Tschechien zum Erstligisten Kladno. Wer Staples ersetzten wird, steht noch nicht fest. Bis 31. Januar müssen die Alpenvolleys fündig werden, dann schließt das Transferfenster. "Wir brauchen einen Spieler, der uns weiterhilft", sagte Chrtiansky: "Was sicher nicht passiert, dass ein deutscher Spieler den Kader verstärkt. Da sind die Gehaltsvorstellungen einfach zu hoch." Selbst der Tabellenzweite der Volleyball-Bundesliga muss also quasi jeden Cent umdrehen. Dafür hat er nun endlich den Fluch der verlorenen TV-Spiele besiegt, was vielleicht auch bei der künftigen Vermarktung hilft.

© SZ vom 21.01.2020
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