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·:Der Mann, der Manolo war

Er hatte Kultstatus - nicht nur bei Gladbach-Fans. Jetzt ist der Trommler ein Fall für's Heim.

Die Trommel ist geblieben, sie steht jetzt in der Ecke. Grün und weiß ist sie, auf ihr haben viele Menschen mit Filzstift unterschrieben, sie steht neben einem Bett, wie man es aus Krankenhäusern kennt, weißer Rahmen, weiße Laken.

Es ist das Bett des Mannes, der die Trommel geschlagen hat und den es nicht mehr gibt, nur noch seinen Namen, an den man sich erinnert. So wie die Frau, die neben dem Bett steht und den Boden wischt. Er ist voller Wasser. Sie schaut hoch, sie lächelt und zuckt entschuldigend mit den Schultern. "Manolo hat geduscht", sagt sie. Dann putzt sie weiter.

Neben der Tür zum Gang hängt ein Schild, darauf steht "Ethem Özenrenler". So heißt der Mann, der Manolo war. Manolo haben sie ihn in Mönchengladbach genannt, nach dem berühmten Fußballfan Manolo aus Sevilla.

Mitte der siebziger Jahre war das, und da war auch der Manolo aus Gladbach schon ein bisschen berühmt geworden, zumindest am Niederrhein, wo er ein paar Jahre zuvor zum ersten Mal mit der Trommel ins Stadion gekommen war, um dann immer wiederzukommen und so lang und so oft zu trommeln, dass sie ihm einen eigenen Stuhl vor die Nordkurve des Stadions am Bökelberg hängten, und das Fernsehen Bilder von ihm zeigte.

Auch Toni Polster schlug die Trommel

Bis Manolo vom Niederrhein nicht mehr nur in Gladbach ein bisschen berühmt war, sondern überall, wo sich Menschen in diesem Land Fußballspiele im Fernsehen ansahen. Bei jedem Heimspiel saß er auf dem Stuhl, und Spieler wie der Österreicher Toni Polster rannten zu ihm, wenn sie ein Tor geschossen hatten, und schlugen selbst die Trommel. Manolo war, was man Kult nennt. Bis er vor dreieinhalb Jahren aufhörte zu trommeln, die Zuckerkrankheit hatte ihn zu sehr geschwächt.

An diesem Morgen ist die Zunge von Ethem Özenrenler den Worten im Weg, die er sprechen will. Er sitzt im Raucherraum eines Pflegeheims in Mönchengladbach-Neuwerk. 67 Jahre ist er jetzt alt, mit einer Gehhilfe ist er den Gang heruntergekommen, gleich nach dem Duschen.

"Rasieren haben wir leider nicht mehr geschafft", hat die Pflegerin gesagt und einem kleinen schmalen Mann die Tür aufgehalten. Er ist zum Tisch getrippelt, drei Meter waren das. Er hat dafür mehr als zehn Sekunden gebraucht. Jetzt sitzt er da und will sprechen, er weiß, dass es um Borussia gehen soll. Er klingt heiser, er sagt: "Kamps." Und noch einmal: "Kamps." Uwe Kamps war Torwart der Borussia, er gehörte zu Gladbach wie Manolo. Viel mehr ist nicht zu verstehen.

Ethem Özenrenler lebt seit dem vergangenen Mai im Heim, Tochter und Sohn kämen kaum zu Besuch, sagt man dort. Im Juli schrieb seine Betreuerin an das Gladbacher Fanprojekt: Manolo würde sich über Besuch freuen, auch über Zigaretten, knapp 90 Euro Taschengeld blieben im Monat.

Beim Fanprojekt stellten sie das Schreiben ins Internet. "Dann kamen wirklich ein paar Pakete", sagt Ursula Willems, die den Pflegedienst im Heim leitet. "Es hat ihn auch mal jemand mit ins Stadion genommen. Aber seit wir im November in unser neues Gebäude gezogen sind, ist nichts mehr gekommen."

Das ist nicht besonders erstaunlich. Man besucht nicht zwingend einen alten Mann im Heim, nur weil man die gleiche Fußballmannschaft unterstützt hat. Und trotzdem sagt die Geschichte des Mannes, der Manolo war, einiges über Fußballvereine als Inhalt eines Lebens.

Manonolo kennt man - Ethem Özenrenler nicht

Die Menschen, für die sie das sind, die an jedem Samstag im Stadion stehen oder sich auf den Weg in andere Stadien machen, nennen sich gern eine Familie. Es gibt Menschen, die versuchen, dort tatsächlich zu finden, was man in einer richtigen Familie finden kann, und was man wohl am besten Geborgenheit nennt. Nur endet die Geborgenheit der Gemeinschaft Fußball, wenn ein Spiel vorbei ist.

Das lässt sich niemandem vorwerfen, weil zu einer echten Familie gehört, dass man einander kennt. Am Bökelberg aber kannte niemand Ethem Özenrenler. Sie kannten Manolo, den Trommler, und wussten so gut wie nichts über den Mann, der 1968 aus der Türkei gekommen war, all die Jahre nicht richtig Deutsch gelernt hat, in einer Spinnerei arbeitete und für die Samstage lebte, an denen er zu Manolo wurde. Ethem Özenrenler hat den Bökelberg nie betreten.

Der zieht jetzt an seiner Zigarette und hebt den anderen Arm in die Luft. Er wackelt damit, er reißt die Augen auf. Er sieht aus, wie er aussah, wenn er die Trommel schlug. Ein bisschen wenigstens. Er sagt etwas, das klingt wie: "Kann nicht mehr."

Ursula Willems sagt, er habe nur Borussia-Farben getragen, als er im Mai einzog, Trikots, Trainingsjacken, Hosen. "Jetzt macht er das nicht mehr. Er schaut nicht mal mehr Fußball im Fernsehen." Aber vielleicht hat sich Ethem Özenrenler ja nie wirklich für Fußball interessiert. Man weiß das nicht. Man kennt ja nur Manolo.