Der erste Fußballverein für Damen:Der Kick ihres Lebens

Vor 70 Jahren ging Lotte Specht den Männern ans Leder. Aus dem SZ-Magazin vom 31. März 2000

Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza

Veräppelt haben sie uns damals, Mannweiber haben sie uns genannt und die Zeitungen haben uns durch den Kakao gezogen, für die waren wir nur Suffragetten, Frauenrechtlerinnen. Mäd- chen und Fußball - das ging 1930 eben nicht zusammen. Damals wehte schon ein brauner Wind durch Deutschland: Die deutsche Frau, so hieß es, die raucht nicht und die trinkt nicht und die spielt erst recht nicht Fußball.

Der Kick ihres Lebens

Lotte Specht: "Heute sagt man ja Frauenfußball."

(Foto: Foto: privat)

Aber ich hab ja schon immer gesagt: Was die Männer können, das können wir auch. Wahrscheinlich war ich doch ein bisschen eine Frauenrechtlerin. Am Sport interessiert war ich auf jeden Fall. Warum nun gerade Fußball - das kann ich gar nicht sagen. Bestimmt, weil der FSV damals so groß war in Frankfurt, da war beinahe jeder Anhänger. Deshalb wollte ich diesen Damenfußballclub gründen. Heute sagt man ja nicht mehr Damenfußball sondern Frauenfußball, das ist auch viel richtiger.

Mein Vater war jedenfalls entsetzt, als ich eine Annonce in den Frankfurter Nachrichten aufgab, um Mitspielerinnen zu suchen. Den Mädchen, die sich darauf meldeten, sagte ich am Telefon, sie sollen zur Gründungsversammlung ins "Steinerne Haus" kommen. Das ist eine Gaststätte in der Frankfurter Altstadt, in der Nähe vom Römer, die gibt es heute noch. Die Mädels, die dann wirklich kamen, kannten sich aus mit Fußball, ich meine, denen musste man nicht viel erklären. Viele waren auch wohlhabend oder verdienten ihr eigenes Geld, wir mussten schließlich alles selbst kaufen. Schuhe und so.

"1. DDFC" haben wir uns genannt, Erster Damenfußballclub, die Zeitungen berichteten groß über uns, und gespielt haben wir auf der Seehofwiese in Sachsenhausen. Gibt es die heute überhaupt noch? Die Fußballtore dort hatten jedenfalls kein Netz und auch andere Leute und Vereine kickten auf dieser Wiese herum. Irgendwo gibt es auch noch Fotos: Ich in vorbildlicher Stürmerhaltung! Aber ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr, was ich eigentlich war, also welche Position, aber doch, ich glaube: Stürmerin. Auf alle Fälle die flotte Lotte.

Ich selbst bin ja im Kamerun geboren. 1911. Kamerun nennen die Leute, die dort wohnen, das Gallus-Viertel in Frankfurt. Da lebten nur Arbeiter, da gab es viele Fabriken und viel Rauch und die Wäsche draußen auf der Leine war immer schwarz. Heute sind dort die Ausländer. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden, aber meine Eltern sagten, die heiratet ja doch, und so haben sie mich nur in die Haushaltungsschule geschickt. Ich war Metzgerstochter, ich musste also im Geschäft der Eltern helfen. Die waren gut gestellt, aber Laden und Wohnung hatten wir trotzdem im Kamerun, denn die Arbeiter gaben für Essen und Trinken wenigstens Geld aus. Die waren nicht so kleinlich wie die Beamten. Ein Dienstmädchen hatten wir auch, und die klärte mich später auf, wie man mit den Männern aufpassen muss und solche Sachen. Meine Mutter hätte sich für so etwas ja nur geniert. Tja, und in meiner freien Zeit bin ich natürlich so oft wie möglich zum FSV. Mann, das war immer ein Erlebnis, wenn der im Derby gegen die Eintracht gespielt hat.

Eine erste und eine zweite Mannschaft habe ich damals zusammengekriegt. Und weil wir am Anfang noch nicht alle die gleichen Trikots hatten, steckten wir Stofffetzen an unseren Hemden fest, mit Sicherheitsnadeln. Eine Mannschaft rote Fet-zen, die andere schwarze. Rot gegen schwarz haben wir dann gespielt. Später haben wir auch Trikots angeschafft, weiße. Auf die nähten wir das Frankfurter Wappen.

Unter den Mädels waren ein paar sehr begabte, kräftige. Und lesbische auch, aber darüber wurde nie gesprochen, obwohl es in Frankfurt schon solche Lokale gab. Zum Spiel setzten wir Baskenmützen auf, wegen der Kopfstöße, das tat ja doch sehr weh. Und die Anni Reiter war unser Tormann. Der Willibald Kreß, ein berühmter Frankfurter Nationaltorwart, hatte ihr irgendwann mal seinen Pullover geliehen. Als sie ihn wieder abgeben wollte, nahm der Kreß ihn nicht mehr zurück - so ausgebeult war der von Annis Busen. Irgendwann engagierten wir auch mal einen Trainer, irgendeinen Mann, ich weiß nicht mehr, wen. Den hatten wir auch nicht lang. Und in Frankenthal in der Pfalz spielten wir mal gegen eine Männermannschaft.

Was soll ich sagen, uns hat Fußball eben Spaß gemacht. Letztes Jahr haben wir uns noch mal getroffen, aber da waren nur noch neun übrig, die anderen tot oder irgendwo verschwunden, in Altersheimen. Ich selbst bin in so einem Heim angemel- det, und sobald dort der Nächste stirbt, bin ich dran. Es geht einfach nicht mehr allein. Geistig bin ich noch ganz gut da, kann so-gar Gedichte aufsagen, aber diese Gleich- gewichtsstörungen!

Ich sage Ihnen, wir Mädels hatten es früher nicht leicht auf dem Platz. Die Zuschauer haben sogar Steine nach uns ge-worfen. So konnte man gar nicht spielen, da musste man aufhören und weinen.

Wenn man so alt ist wie ich und nachts nicht schlafen kann, dann fällt einem alles ein, was man im Leben falsch gemacht hat. Aber ich hatte auch viel Freude und heute bin ich nicht arm und nicht reich, aber habe eine gute Rente. Verheiratet war ich nie. Wenn der Richtige gekommen wäre, ich hätte ihn schon genommen, so aber wurde ich eine überzeugte Junggesellin.

Unser Verein damals - das war schon eine dolle Zeit, und es gibt eben immer Leute, die gegen alles Neue sind. Der Deutsche Fußball-Bund, in den wir aufgenommen werden wollten, schrieb uns nur, das hätte ihnen gerade noch gefehlt, dass nun auch Frauen spielen. Und weil auch die Zeitungen so gemein zu uns waren, haben einige Eltern den Mädchen das Fußballspielen verboten. Mit der Zeit wurden wir immer weniger und nach einem Jahr, tja, da war er aus, der Traum. Ich habe mich rasch damit abgefunden, wie das eben meine Art ist.

Neulich habe ich mal wieder ein Damenfußballspiel gesehen. Aber die Mädchen wa-ren für meinen Geschmack alle so derb und eckig und gar nicht charmant. Also, das hat mir gar nicht gefallen und ich habe so bei mir gedacht: War ich denn früher auch so?

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